Die eierlegende Wollmilchsau oder “der rote Holzfarbstift”

Im Allgemeinen ist es ein Leichtes einen Lehrer glücklich zu machen und wenn ich diesbezüglich einen Wunsch frei hätte, so würde er vermutlich so lauten:

Meine Schüler sollen nur einen Tag meinen wirklich unfassbar einfach formulierten Arbeitsanweisungen lauschen und sie anschließend zumindest halbwegs inhaltsgetreu umsetzen.

Wenn ich meine Klasse bitte, die eben erarbeiteten mathematischen Erkenntnisse mit einem roten Holzfarbstift zu umranden, könnte man meinen, ich hätte sie darum gebeten, einen Medizinball auf dem Kopf zu balancieren, während sie Van Goghs Werke mit Tuschfarben nachmalen und gleichzeitig Kants Kritik der reinen Vernunft zitieren sollen. Denn in etwa so schauen mich 23 Augenpaare an. Geduldigerweise wiederhole ich:

Umrande die Seite in deinem Heft mit einem roten Holzfarbstift!

“Prima”, denke ich, “nun müsste es klar sein.” Schon folgen die ersten Fragen:

Kann ich auch grün nehmen? – Nein. (Mist, wo bleibt da die Kreativität?)

Geht auch ein Filzer? – Nein.

Geht auch ein Stabilo? – Nein.

Mein Holzfarbstift ist nicht angespitzt? – Du könntest ihn anspitzen. – OK! (…Pause…) Ich hab kein Anspitzer.

Was ist Umranden?

Nach weiteren 15 Minuten scheinen alle Schüler zu arbeiten. Manche halten sogar ein Lineal in der Hand. Ich lächle zufrieden. Als ich mich nach Schulschluss an das Korrigieren der Hefteinträge mache, erwartet mich das übliche Bild. 5 Hefte in denen sich ein krakeliger, roter Filzstiftrahmen durch die nächsten Seiten drückt, 3 Hefte mit gelbem Rand, bei 10 weiteren Heften fehlt die Umrandung gänzlich, 4 Hefte zeigen einen Rahmen aus lustig bunten Schlangenlinien und im letzten Heft finde ich statt dem Eintrag über das 3er-Einmaleins eine Zeichnung von einem etwas abstrakt wirkenden Eichhörnchen. (Ich hatte zum Rechnen Nüsse als Anschauungsmaterial mitgebracht.) Und gerade als ich ein besonders pfiffigen und dennoch pädagogisch wertvollen Kommentar über die fehlenden Rechnungen verfassen möchte, entdecke ich ihn – den Rand, der mithilfe eines Lineals und einem roten Holzfarbstift fein säuberlich um das Kunstwerk gezogen wurde.

Na bitte! Ich honoriere diese Leistung mit einem “GUT GEMACHT”-Stempel und verlasse wenig später – mit dem guten Gefühl heute richtig was erreicht zu haben – pfeifend das Schulgebäude.

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