“Immer zweimal mehr wie du…”

Seit Anbeginn der Zeit tobt ein Kampf durch unsere Lehrerzimmer. Unerbittlich und ewig. Der Kampf, es am schwersten zu haben. Und es sei ausdrücklich bemerkt, dass dies in den Augen der Krieger ein erstrebenswerter und rühmender Titel ist. Zumindest lässt sich dieser Eindruck gewinnen, wenn man den alltäglichen Gesprächen lauscht.

Dieser Wettkampf begann schon in meiner Referendarzeit. Jede meiner Mitstreiterinnen wollte mit den schwierigsten Kindern, den nervenaufreibendsten Eltern, der strengsten Direktorin, dem härtesten Stundenplan gestraft sein.

Warum? Ich denke, der Wunsch nach Anerkennung treibt uns. Denn wenn von den Schreckenstaten und -erlebnissen der Schüler erzählt und ausschweifend von all’ den Problemen berichtet wird, vor die uns unsere Klassen stellen, dann scheint es nicht darum zu gehen, Lösungen zu finden oder hilfreiche Ratschläge zu bekommen (“Vielen Dank, aber nein, das würde in MEINER Klasse NIE funktionieren!”), sondern darum, Kollegen vor Ehrfurcht erstarren oder vor Mitgefühl zergehen zu lassen.  “Du hast es wirklich nicht leicht!” , “Ich würde nie mit dieser Klasse klarkommen!” , “Du scheinst gottgleiche Fähigkeiten zu haben!” – Das sind die Sätze, die man hören will, begleitet von weiteren Bebauchpinselungen und drei bis sieben bewundernden Verbeugungen.

Anerkennung, Anerkennung, Anerkennung – Wir bekommen sie in unserem Beruf kaum. Keiner rollt uns den roten Teppich aus, niemand klatscht Beifall, wenn wir es schaffen, dass unser Zappelphilipp eine ganze Stunde ruhig auf seinem Stuhl sitzt und brav seine Matheaufgaben löst, niemand kühlt unsere Stirn und feuert uns an, wenn wir wieder in den Ring des Elterngespräches steigen und niemand zahlt uns Nachtzuschläge, wenn wir nach einem achtstündigen Schultag zu Hause noch unsere Kinder versorgt, den Haushalt geschmissen und bis um Mitternacht alle Aufsätze korrigiert haben. Zugegeben auch in anderen Berufen fehlt es unfairerweise oft an Wertschätzung. Aber wir leben nicht nur in Ermangelung derselben, sondern leben eher mit Geringschätzung á la “Du und dein Halbtagsjob”, “Wenn ich deine Ferien hätte” und, der Klassiker, “Das könnte ich auch”. Ja, natürlich, Ferien haben ist Luxus und unfassbar toll, aber wie sehr wie sie brauchen, um zu Schulzeiten unseren durchaus anstrengenden Beruf gelassen zu meistern, kann sich ein Unwissender nicht vorstellen. Wer es als Lehrer also langfristig nicht schafft, Motivation und Genugtuung aus eigener Kraft heraus zu entwickeln oder aus Schülern, die urplötzlich dank unermüdlichem Einsatz unsererseits Fortschritte machen, schlittert unaufhaltsam auf Verbitterung oder gar die berühmt-berüchtigte Burn-Out-Falle zu.

Da ist es alles in allem doch kaum verwunderlich, dass wir versuchen, uns gegenseitig darin zu übertrumpfen, mit den unmöglichsten Anforderungen konfrontiert zu sein, um endlich ein einziges Mal ein “Wahnsinn, ich weiß nicht, wie du das schaffst!” zu hören. Natürlich nur um es mit einem lässigen Schulterzucken abzutun – “Ach du kennst mich, ich komm’ klar!”

Und zum guten Schluss – Ja, ich bin mir der gewissen Ironie dieses Artikels durchaus bewusst. Trotzdem: Wir Lehrer haben es wirklich echt am schwersten! 😉

Aber ihr kennt uns! – Wir kommen klar!

Schlagwörter

Kommentare

  1. Avatar
    isabelle

    Ich glaub dein Blog wird meine das Töchterchen macht Mittagsschlaf Urlaubslektüre! So gute Texte! So ironisch! So super geschrieben!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.