Sportunterricht oder “Mein Leben als Zirkusdirektor”

Als ich nach dem Referendariat meine erste Stelle antrat, konnte ich mich über meinen Stundenplan im Grunde nicht beschweren. Zusätzlich zu altbekannten Fächern wie Mathe, Deutsch oder Musik übernahm ich nun aber außerdem in einer ersten Klasse den Sportunterricht. Ich hatte dieses Fach nicht studiert, verfügte über keinerlei Kenntnisse bezüglich der Sicherheit eines jedweden Sportgerätes und auch im Bereich erste Hilfe sah es eher mau aus. Letzteres wollte ich mit einer baldigen Fortbildung schnell ändern.

“Nun gut, ist ja eigentlich gar nicht schlecht. Ist ja eine erste Klasse, die sind ja noch wirklich klein. Da kann ich ja komplett bei Null anfangen”, denke ich.

“Oh Gott, ich muss komplett bei Null anfangen”, klage ich nach den ersten Stunden meinem geduldig zuhörenden Mann mein Leid. Tatsächlich war es mir bis jetzt noch nicht gelungen auch nur ein einziges halbwegs einem Sportunterricht entsprechendes Unterrichtselement umzusetzen. Ok, das machte immerhin das Aneignen von Sicherheitskenntnissen überflüssig.

 

In den folgenden Wochen liefen meine Stunden in etwa so ab.

  •  5 min Unterrichtszeit: Die ersten Kinder haben nach der Pause ihr Klassenzimmer wiedergefunden. (Habe ich erwähnt, dass es sich um Schulanfänger handelte?)
  • 10 min Unterrichtszeit: Fast alle Kinder haben sich Jacke und Schuhe ausgezogen. Die große Suche nach dem Turnbeutel beginnt.
  • 20 min Unterrichtszeit: Die meisten Schüler sind mit ihrem Beutel ausgerüstet. Eine Schülerin heult, weil sie ihr Sportzeug nicht finden kann, während ihr Sitznachbar felsenfest schwört, dass die rosa Sporttasche mit dem Glitzereinhorn und den lila Schleifchen, die er hinter seinem Rücken versteckt, ihm gehöre. Bin kurz versucht, ihm seinen Streich durchgehen zu lassen und ihn dann konsequent zu zwingen, den Inhalt der Tasche während der gesamten Stunde zu tragen. Entscheide mich dann aber dafür, ihm unmissverständlich klarzumachen, den Sportbeutel sofort seiner Besitzerin zurückzugeben.
  • 25 min Unterrichtszeit: Versuche verzweifelt 2er-Reihen zu bilden, ohne meine Stimme zu erheben. Erkläre den Kindern, dass wir auf dem Weg durchs Schulhaus leise sein müssen, soooooonst…
  • 30 min Unterrichtszeit: Auf dem Weg in die Sporthalle. Halte alle 10 Sekunden an, ermahne den Pulk, der nicht mehr ansatzweise einer 2er-Reihe ähnelt, zur Ruhe und drohe damit bis 3 zu zählen.
  • 31 min Unterrichtszeit: Habe Angst, was passiert, sollten meine Schüler je herausbekommen, dass nachdem ich bis 3 gezählt habe, absolut nichts geschehen wird.
  • 35 min Unterrichtszeit: Verteile die Kinder halbwegs passend auf die Umkleiden. Treibe die Klasse zur Eile an.
  • 45 min Unterrichtszeit: Die meisten Schüler tragen Sportzeug. Entscheide, dass angesichts  der vergangenen Zeit das Bilden eines Sitzkreises in der Hallenmitte ausreichend sportliche Betätigung war und schicke die Kinder wieder in die Umkleiden.
  • 55 min Unterrichtszeit: Auf dem Rückweg. Drei Kinder haben nur einen Schuh an. Ein Teil der Jungs fängt an aufgrund fehlender sportlicher Auslastung einen mir bekannten rosafarbenen Sportbeutel durch die Flure zu kicken. Zwei Mädchen weinen Sturzbäche, weil ihre Zöpfe aufgegangen sind.
  • 60 min Unterrichtszeit: Übergebe die Klasse 15 Minuten zu spät wieder an ihre Klassenlehrerin und fange mir einen leicht gönnerhaften Blick meiner Kollegin ein.

So sehr ich mir auch immer wieder vornahm, dass es in der nächsten Stunde anders laufen und ich als nahezu gnadenloser Feldmarschall Disziplin verlangen würde, um dann eine Herde braver Lämmchen mit einem aufwendig vorbereiteten und bewegungsintensiven Spiel zu verwöhnen, blieb ich meinem Muster leider treu. Allerdings – etwas Fortschritt konnte ich doch verzeichnen. Mit der Zeit schaffte ich es, die 45 Minuten einzuhalten. Wer 5 Minuten nach der Pause da war, den nahm ich mit, ausgezogen oder nicht, und sprintete mit einem Rudel kleiner Flöhe (2er-Reihen ade) durch das Schulhaus zur Halle. Wer seinen Sportbeutel nicht mehr zu fassen bekommen hatte, stellte eigentlich eine große Erleichterung dar, weil er sich nicht umziehen musste. Waren alle Schüler im Sitzkreis versammelt, durften sie drei Runden im Kreis rennen, “so schnell sie konnten”. (Man stelle sich hier meine enthusiastische Stimme vor. Hat prima gewirkt.) Manchmal gestattete ich ihnen dabei Fangen zu spielen oder einen Ball zu dribbeln, aber es blieb beim 3-Runden-Prinzip, bevor wir, umgezogen oder nicht, pünktlich zurück zum Klassenzimmer rasten.

Übrigens in den Freundschaftsbüchern der Kinder stand stets “Sport” als Lieblingsfach!? Unterricht, in dem weder geschrieben, gelesen noch gerechnet wird und der garantiert hausaufgabenfrei verläuft, macht es einem wirklich einfach.

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