“Wir haben ja keine festen Plätze, aber … “

An eine neue Schule zu kommen ist immer aufregend. Neues Gebäude, neue Schüler und auch neues Kollegium. Nach dem obligatorischen Rundgang lande ich zum Schluss im Lehrerzimmer, der heiligen Oase der Ruhe, der Ort wo Milch und Kaffee fließen und der für mich zu Schülerzeiten sicherlich als eines der größten Mysterien galt.

“Hier findest du dein Fach, dort ist der Plan für den Spülmaschinendienst und hier ist der Korb mit den Kaffeepads. Das läuft ganz locker, einfach was mitbringen, wenn du mal zufällig dran denkst. Aber es zählt keiner mit.”

So erklärt mir die Schulleitung und führt mich noch weit vor Unterrichtsbeginn durch den gemütlichen Raum.

“Wir haben die Tische schön zusammengestellt, das ist geselliger. In der Pause setzt du dich einfach irgendwohin, feste Plätze gibt es nicht.”

Es ist sicherlich nicht das erste Mal, dass ich diese Worte höre und fast immer stellte sich am Ende heraus, dass noch jedes Kollegium dem Prinzip der “Gewohnheitstiere” folgte und eine festgelegte Hackordnung den Sitzplan bestimmte. Und natürlich gab es sehr wohl immer ein paar Kollegen, die dir genau sagen konnten, auf wie viele Tassen sich dein Kaffeekonsum täglich belief und in welchem Verhältnis das zu dem von dir beigesteuerten Nachschub stand. Meistens fiel das Ergebnis in ihren Augen negativ für mich aus.

Nach und nach trudelten meine Kollegen ein und hängten zuallererst ihre Jacke über einen von ihnen zielstrebig gewählten Stuhl, als würden sie eine Badeliege mit einem Handtuch reservieren. Ich hatte derweil einen Platz in der Mitte gewählt, wollte noch einmal kurz meine Planung durchgehen und mich von dort aus meinen zukünftigen Weggefährten bekannt machen. Schnell folgten erste vielsagende Blicke:

“Du, ist hier echt alles locker. Aber da sitzt immer die Frau Urig. Da ist es am nächsten zum Keksteller.”

Ich rutsche weiter.

“Also gerne jeden Platz, fühl dich da frei. Aber dort sitzt Herr Hurtig. Da ist der Weg von der Tür am längsten. Du weißt schon, falls es mal klopft.”

Ich rutsche weiter.

“Such dir einfach aus, wo’s dir gefällt, aber da sitzt Frau Hibbel. Da geht’s am schnellsten zur Kaffeemaschine.”

So geht das eine ganze Weile, bis ich letztendlich einen von mir völlig frei gewählten Platz finde. Es zieht. Der Stuhl wackelt ein wenig und ich könnte schwören an der Lehne Spinnweben entdeckt zu haben. Ich muss durch ein Labyrinth an Stühlen und Regalen turnen, um die Kaffeemaschine zu erreichen. Ich sitze so nah an der Eingangstür, dass eigentlich klar ist, wer sie im Falle eines Klopfmanövers öffnen muss. Na gut, ich füge mich der nicht vorhandenen Hackordnung – so lange bis der erste verängstigte Referendar froh sein wird, meinen Stuhl frei wählen zu dürfen. Alles ganz locker hier.

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