Lehrersprache

Während meines Referendariats lernte ich sie – die Perfektion der Unterrichtsstunde. Ideal aufeinander abgestimmte Unterrichtsphasen, wochenlang bis aufs Höchste designtes, zehnfach differenziertes Arbeitsmaterial, eine bis ins Detail durchdachte Komposition aus medialen Produkten, Tafelbilder, die Michelangelo vor Neid erblassen lassen würden und allen voran – die Lehrersprache: Perfektioniert in Ausdruck und Lage, Mimik, Gestik, Wortwahl und stummen Impulsen.

Unser Seminarleiter sah dies als Dreh- und Angelpunkt unserer Profession. Zugegeben, es kann helfen, sich einmal intensiv Gedanken über kurze und klare Arbeitsanweisungen zu machen, das eigene Sprechtempo oder die Lautstärke zu reflektieren und einige Zeichen als wiederkehrende Impulse mit den Kindern einzuüben. Setzte man Lehrersprache aber so um, wie es die moderne Pädagogik (oder in meinem Fall ein Seminarleiter) oft fordert, wird dieser Teil der Lehrerpersönlichkeit irgendwie ad absurdum geführt. Der Lehrer wirkt dabei wie der übereifrige Regisseur und Dirigent einer gestelzten Bühneninszenierung:

 


8.00 Uhr – Die Vorstellung Der Unterricht beginnt

(Vorhang. Auftritt Lehrer von links)

Sanftes Schrittes – fast lautlos – schreitet der Majestro Lehrer mittig vor die Klasse. Mit einer anmutig, grazilen Handbewegung  lässt er seine rechte Hand mit natürlich gebeugten Fingern durch die Luft gleiten und deutet dabei die Form eines Kreises. Sein Ensemble Seine Schülerschar versammelt sich, dem Impulse leise folgend, zum Sitzkreis, nimmt Platz und hält sich in künstlerisch gespannter, aber bewegungsarmer Pose. Der Lehrer platziert, nach wie vor wortlos, ein laminiertes Poster, auf dem Gegenstände, Tiere und Personen abgedruckt sind, in der Mitte des Kreises und begleitet dies wirkungsvoll mit einem herausfordernden Schulterzucken. Kurze unerträgliche Stille. DA – die Hand eines Schülers schnellt geschickt nach oben und es ertönt die seit Schuljahresbeginn eingeübte Floskel “Auf dem Bild sehe ich …”. Die Lehrer belohnt diesen Sprecheinsatz mit einem leichten Nicken, begleitet von einem fast unbemerkten Lächeln. Weitere Schüler folgen dem Textbeispiel des ersten und wieder untermalt der Lehrer diese mit dezenter Mimik und Gestik.

Ein doppeltes Händeklatschen beendet den ersten Akt diese erste Unterrichtsphase und alle begeben sich wieder auf ihre Positionen. Zwei redseeligen Schülerinnen deutet der Lehrer mit klarem, bannenden Blick an nun zu verstummen, damit der zweite Akt es weitergehen kann. Stille. Der Lehrer marschiert festen Schrittes zu einem Bild, das einen Projektor zeigt und zwei Klammern mit Schülernamen trägt. Diese zwei Bühnenarbeiter Der Projektordienst hat gut auf seinen Einsatz geachtet. Worte wären überflüssig und so eilen die zwei Schüler nach vorne, verkabeln das moderne Gerät, dimmen das Licht und ziehen die, der Dramatik wegen extrem leicht verstaubten, Vorhänge zu. Der Lehrer legt eine Folie auf, die genaueste Regieanweisungen Arbeitsaufträge für den dritten Akt die nächste Unterrichtsphase zum heutigen Thema enthält. Andächtig und ganz genau studieren die Schüler zunächst für sich das geschriebene Wort, ehe der Lehrer per deutendem Handzeichen einen Akteur Schüler auswählt, der den Inhalt der Folie ausdrucksstark zum Besten gibt.

PLÖTZLICH, eine unerwartete Frage, schnell, bohrend und unabdingbar auf Beantwortung wartend. Nun ist Improvisationstalent gefragt. Kein Problem für den Lehrer. Er hat durch seine jahrelange Bühnen- Berufserfahrung ein perfekt abgestimmtes Repertoire zur Verfügung und kontert sofort. In nur wenigen Worten, vorgetragen mit der Ruhe eines alten Hasen spricht er seinen heute ersten Satz:  “Es steht doch genau beschrieben. Lies es dir noch einmal durch oder frag deinen Nachbarn.”

(Schweigen – dann produktive Arbeitslautstärke)

Der Lehrer sammelt, in gebückter Mediationshaltung auf seinem Schreibtischstuhl, die nötige Konzentration für den Schlussakt, das große Finale. Nur gelegentlich schaut er auf, lässt einen Klangstab dreimal kurz ertönen – für die Schülern das bekannte Signal zum leiseren Agieren.

Ein einstudierter Klatschrhythmus, vom Lehrer vorgegeben, vom griechischen Chor von der Schülerschaft nachempfunden beendet diese Phase und läutet das Finale ein.

Der Lehrer blickt zu Boden, auf absolute Stille wartend, um dann mit stechendem Blick in die Klasse zu schauen. Wie konnten seine Schüler die Anweisungen umsetzen? Wie endet dieses Stück diese Stunde? Haben sich die Mühen gelohnt? Erste Hände schnellen nach oben. Im Bruchteil einer Sekunde wählt der Lehrer per Handzeig aus. Die Worte fallen, der Lehrer nickt, spricht genauestens platzierte “Überleg noch einmal!” , “Genau richtig!” , “Wiederhole noch einmal laut für alle!” Keine Spur vom Lehrerecho, schließlich ist er Profi und kein Laie. Immer weitere Schüler zeigen per Handimpuls, dass ihr Sprechpart gekommen ist. Der Lehrer wählt in richtiger Komposition und dirigentengleich Schülerhände aus, unterlegt Antworten mit perfekt abgestimmten Mimik, erste Schweißtröpfchen bilden sich, zwischendurch lässt er den Klangstab ertönen, RUHE,  bis … er den Star aufruft. Auf seinen Auftritt Auf seine Arbeitsergebnisse wurde gewartet, denn sie sind wie immer tadellos und die Daumen des Lehrers schnellen, gleich dem einst großen Herrscher Cäsar, nach oben.

Die eindrucksvollen Sätze lässt der Lehrer noch verhallen, bis es still wird. Er schiebt sich eine Locke, die sich in all dem Eifer gelöst hatte, wieder hinters Ohr, tupft sich den Schweiß von der Stirn, wartet noch ein paar effektvolle Sekunden, verbeugt sich und verlässt unter großem Applaus seines Ensembles seine Klasse, die wieder einmal über alle Maßen dankbar ist, mit so einem Großen der Szene zusammengearbeitet zu haben.


 

Gut, Letzteres ist vielleicht eher Wunschdenken und etwas überzogen.

 

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