ElternURLAUB…Nicht!

Jüngst sprach ich mit ein paar meiner ehemaligen Kolleginnen. Das Gespräch war angeregt und heiter. Klassengemecker, Bald-Ferien-Gestöhne, Haha-Schüler-Anekdoten, Sie wissen schon. Man erkundigte sich nach meinem derzeitigen Alltag, da ich ja momentan in Elternzeit verweile, noch bis September.

“Und wie geht es dir und dem Sprössling? Genießt du den Urlaub?”

Ähm, ja. Ich erzähle ein wenig vom Umzug und davon, dass der dauert, weil ich nur langsam vorankomme, davon, dass ich die Stadt noch nicht groß erkunden konnte und und und …

“Dauert das denn alles so lange? Du hast doch jetzt soooo viel Zeit?”

Ähm, ja. Erneut. Zu meinen noch kinderlosen und berufstätigen Zeiten war ich eine vielbeschäftigte Frau und sogar dabei mich auf der Karriereleiter vorwärts zu kämpfen. Ich war spannend und erhielt Anerkennung. Naja, soviel, wie unser Beruf eben hergibt (siehe hier). Wenn man Mutter wird und sich für eine Weile aus der Berufswelt verabschiedet, fällt man für Kollegen erstmal vom Rand der Erde. Man kann nicht mehr mitreden, hat von nix eine Ahnung und muss sich durchaus neidvolle Kommentare anhören über den extralangen Urlaub, den man sich nun gönne.

Es ist so. Ja, mein Alltag, mein Leben, meine Gefühlswelt wurde einmal komplett auf links gekrempelt. Aber diese Veränderungen haben nichts mit der Gegenüberstellung von Arbeit und Urlaub zu tun. Mit der von ehemaliger Anerkennung und jetziger Nutzlosigkeit für die Gesellschaft vielleicht schon.

Tja, wie sehen nun meine Urlaubstage aus? Ein paar Vergleiche.

VORHER:

Ich stehe um 6 auf, schmeiße mich in ein grundschultaugliches Outfit (d.h. meiner Modeaffinität gerechtwerdend und dennoch praktikabel/angemessen), mache mich frisch, lege Make-Up auf, frisiere mich, trinke nebenbei meinen Latte, packe mein Frühstück ein und düse zur Arbeit (mit einstimmender Musik).

IM “URLAUB”:

Um 5.30 Uhr weckt mich mein Sonnenschein und beschließt, dass die Nacht nun zu Ende ist. Der Sprössling ist von Null auf Hundert. Turnt durch das Bett, nuckelt eine Runde Morgenmilch und WILL ENTERTAINMENT. Ich verstaue Kind sicher in seinem Zimmer, hetze ins Bad, halte meinen Kopf unter kaltes Wasser. Make-Up? Äh, für wen? Frisur? Haare möglichst ziehsicher wegbinden. Schickes Outfit? Ich schaue, was mir nach der Schwangerschaft noch passt, was gerne dreckig werden kann und mir bei jeglichen Turnübungen sicheren Halt bietet. Stelle nach 2 Stunden fest, dass mein Kaffee kalt auf der Anrichte steht und ich wieder nicht gefrühstückt habe und das mit ein paar gesunden Schokoriegeln ausgleiche.

 

VORHER:

Ich bringe meinen Kindern das 9er Einmaleins näher. Ich erkläre den Unterschied zwischen das und dass. Ich führe ein gewinnbringendes Elterngespräch. Ich schlichte Streit. Ich bringe meine Schüler zum Lachen. Ich verdiene Geld. Ich unterhalte mich nett mit Kollegen. Ich trinke in Ruhe einen Pausenkaffee. Ich plane eine Literatursequenz. Ich mache Schülerbeobachtungen. Ich korrigiere 90 Hefte. ICH BIN WICHTIG und fahre mit dem guten Gefühl nach Hause, einen wertvollen Beitrag geleistet zu haben.

IM “URLAUB”:

Ich entertaine. Icb habe eine Engelsgeduld (fast immer). Ich schlafe wenig. Ich bin da. Ich tröste. Ich trockne Tränen. Ich spiele. Ich schmuse. Ich kuschle. Ich koche nur beste Biogerichte. Ich puste, bis es abgekühlt ist. Ich mach mir Sorgen (immer). Ich wasche Wäsche (auch immer). Ich besuche Krabbelgruppen. Ich singe. Ich tobe. Ich lache. Ich weine. Ich gehe spazieren. Stunden um Stunden. Ich trage. Ich ritualisiere. Ich platze vor Stolz. Ich putze (nicht so viel wie nötig). Ich halte alles am Laufen. ICH BIN WICHTIG, ich weiß das und muss trotzdem jeden Tag mit dem Gefühl und dem Zweifel leben, eventuell keine gute Mutter zu sein.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich jammere nicht. Ich liebe das Muttersein, auch wenn das nicht selbstverständlich war bei mir. Ich genieße jeden Augenblick. Und auf eine gewisse Art ist das ganze Urlaub für mich, wenn auch eher im Sinne einer Adventurereise ohne Netz und doppelten Boden. Es ist neu, es ist anders, es ist aufregend. Wenn ich da eben nicht genau wüsste, dass das Wort Urlaub in diesem Sinne aus dem Munde meiner Kolleginnen wertend gemeint ist. Es degradiert. Ich trödel so vor mich hin, lebe in den Tag, mache nichts sinnvolles, leiste nichts – Urlaub eben. Und das ist der Punkt, der mich stört. Dieser Blickwinkel auf Mütter ist so symptomatisch für den Platz der einem von Berufstätigen (oft Nicht-Eltern) zugewiesen wird. Vielleicht hab ich sogar selbst mal so gedacht. Nun weiß ich es besser und kann nur appellieren. Ein wenig mehr Ernstnehmen wäre nett. Nur ein kleines bisschen. Denn Mütter leisten – jeden Tag.

Mit diesen heroischen und bedeutungsschweren Worten (passenderweise zum Vatertag – hihi) grüßt Sie herzlichst aus dem Urlaub,

Ihre Frau Sommer

 

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