Ich und er…

Es wird besinnlich. Ich habe endlich Ferien (selten so sehr diese Auszeit gebraucht). Und das Jahr neigt sich dem Ende. Ich hatte ein wenig Zeit zurückzuschauen. Auf das vergangene Jahr. Das verrückte vergangene Jahr. Mein Ankommen als Mama, unser Umzug, das erste Wort, die ersten Schritte, mein beruflicher Wiedereinstieg, die Selbstständigkeit des Mannes, der erste Geburtstag. Und ab und zu mal ein wenig Schlaf. Immerhin.

Während ich über viele Dinge auch an diesem Ort schon reflektiert habe (aktuell über meine ersten Monate als frischgebackene Mutter), möchte ich ein paar Worte über meinen Mann verlieren. Uns als Paar. Als Eltern. Als Freunde. Es war ein turbulentes Jahr voller Prüfungen.

Nicht nur ich habe Zeit gebraucht, um in meine neue Rolle zu wachsen. Auch meinem Mann fiel das nicht leicht. Er ist nicht mit Geschwistern aufgewachsen und seine Halbgeschwister kamen erst in den letzten Jahren. Die Beziehung zu seinem Papa ist etwas kompliziert. Und auch sonst betrat er Neuland. Komplett. Aber er hat keine neue Erfahrung gescheut und sich reingestürzt. Manchmal äußerst kreativ. Hihi.

Er ist ein toller Vater. Hingebungsvoll, ruhig und stolz. Dieses Kind war sein Herzenswunsch. Und das ist wundervoll. Viele Dinge macht er doch ein wenig anders als ich und jahaaa in den ersten Monaten musste ich mich dazu zwingen, da nicht “klugzuscheißen”. Sondern ihn machen zu lassen.  Ist mir nicht immer leicht gefallen, ehrlich gesagt.

Jeder von uns nahm seine Rolle an. Glückliche als Mama, glücklich als Papa. Stolz auf das kleine Würmchen, das unser Leben so bereicherte. Als ELTERN zusammenzuwachsen war jedoch eine große Aufgabe und ein langer Weg. Wir sind beide sehr autonom. Wir führten zwei Leben mit wunderschönen gemeinsamen Momenten, aber eben doch mit vielen eigenen Freiheiten. So wohnten wir auch nach unserer Hochzeit und die meiste Zeit der Schwangerschaft in getrennten Wohnungen. Und dann war da plötzlich ein gemeinsamer Alltag, viele, viele Absprachen und gemeinsame Termine. Das war neu. Und hat uns in einer eh so turbulenten Zeit zusätzlich gefordert.

Dann gab es da noch die Sache mit der Selbstständigkeit. Mein Mann gründete während meiner Schwangerschaft seine eigene Firma. Und beendete parallel seine Masterarbeit. Firmengründung und ein Neugeborenes sind keine leichte Kombination, wie man sich vielleicht denken kann. Und hätten wir wohl auch nie so geplant. Mein Mann war wenig zu Hause, mit den Gedanken nicht immer bei uns und konnte uns natürlich auch eher weniger finanzielle Sicherheit bieten. Er hat hohe Ansprüche an sich. Möchte uns versorgen, ein toller Vater sein, ein unterstützender Ehemann. Aber seine neue Firma machte ihm das schwer. Er war unglücklich. Und ich fühlte mich allein gelassen. Mein Mann verdient für die nächsten ein bis zwei Jahre sehr wenig. Der Firma geht es mittlerweile wirklich schon sehr gut, aber er selbst muss eben sicherheitshalber noch ein wenig kürzer treten. Es war schnell klar, dass ich nicht länger als ein Jahr aus dem Beruf rausgehen kann. Wir brauchten einfach das Geld. Ich musste uns ernähren. Also Vollzeit arbeiten. Gleichzeitig den Puck versorgen, denn trotz kaum Gehalt, ist mein Mann natürlich firmentechnisch extrem eingebunden.

Für uns als Paar eine schwierige Zeit. Keine festen Arbeitszeiten, keine Struktur. Das schlechte Gewissen meines Mannes, mich in so eine extreme Situation zu drängen, damit er seinen Traum verwirklichen kann. Das schlechte Gewissen seinem Sohn gegenüber. Das miese Gefühl, nicht der Ernährer zu sein. Meine Wut darüber, keine große Wahl zu haben. Den Kleinen mit einem Jahr schon zu einer Tagesmutter zu geben. Soviel allein regeln zu müssen. Die Erschöpfung. Es gab Streits, Vorwürfe, Tränen. Fortschritte, Rückschläge. Wir haben ehrlich miteinander gesprochen. Immer. Auch wenn das oft wehtat.

Ich bin kein egoistischer Mensch. So im Grunde. Für die Menschen, die ich liebe, würde ich alles tun. Und wenn ich die Chance sehe, meinem besten Freund, meinem Herzensmann seinen beruflichen Traum erfüllen zu können, dann gehe ich diesen Weg. Auch wenn da durchaus immer wieder Zweifel waren. Und manchmal dann doch auch Wut. Wenn ich wieder alles alleine machen musste. Gefühlt. Aber all diese erschöpfenden Gespräche, all die Kraft und all die Ehrlichkeit geben uns jetzt recht. Es war ein harter und steiniger Weg, aber es wurde besser. Jeden Tag ein bisschen. Die Firma läuft. Wir haben feste Zeiten geschaffen. Es gibt sowas wie ein Wochenende. Oder zumindest einen Sonntag. Der Puck liebt seine Tagesomi. Wirklich. Ich habe einen Weg gefunden, alles zu bewältigen. Es gibt kleine Phasen für mich und einen Mann der mir zeigt, wie dankbar er ist. Da sind Gesten. Worte. Ja, auch mal eine Kleinigkeit. Da sind tolle Papa-Sohn-Momente. Und es ist ja auch nix Außergewöhnliches, dass die Zeit mit Papas etwas spärlicher gesät ist. Und dennoch sind sie die Helden. So auch bei uns.

Es kribbelt wieder und immer noch, wenn ich an meinen Mann denke. Ich habe ihn geheiratet und es ernst gemeint, als ich sagte, in guten wie in schlechten Tagen. Nein, es ist nicht alles Wattebausch. Gott sei Dank. Wir sind echt. Wir streiten. Wir vertragen uns. Aber in Frage stellen wir uns nie. Denn da gibt es nicht zu fragen. Zumindest nichts Grundlegendes.

Ich habe mal einen Spruch von einer alten Frau gelesen, die anlässlich ihrer diamanten Hochzeit nach dem Erfolgsrezept ihrer Ehe befragt wurde:

 

“Wissen Sie, ich komme aus einer Zeit, in der man erstmal versuchte

die Dinge zu reparieren anstatt sie einfach wegzuwerfen.”

Hat sich eingebrannt. Und für uns hat es sich gelohnt. Ich würde den Weg wieder gehen.

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Mein Herz.

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