Was ich sonst noch zu sagen hätte…

Gestern verfasste ich einen Beitrag zum Thema “Wenn ich das vor dem ersten Kind gewusst hätte.” Es sollte darum gehen, was man (vor und) während der Schwangerschaft wohl anders gemacht hätte, wenn man gewusst hätte, was ab dem Zeitpunkt der Geburt auf einen zukommt und was man diesbezüglich (Reisen, Schlaf, Zeit zu Zweit …) werdenden Eltern raten würde.

Wie ich schrieb, fällt es mir schwer, da etwas zu empfehlen, da man sich eben doch nicht so richtig vorstellen kann, was bald passieren wird und wie dieses neue Leben aussieht.

Dennoch lässt mich dieses Thema nicht los. Denn auch wenn Ratschläge und gut gemeinte Weisheiten während meiner Schwangerschaft bei mir genau gar nicht fruchteten, hätte ich gerne mehr ehrliche Worte von Müttern/Eltern im Bezug auf die ersten Babywochen gehört. Das hätte für die Zeit vor der Geburt nichts geändert, aber vielleicht wäre es eine wichtige Stütze für die ersten Wochen gewesen.

Ich sagte bereits in dem gestrigen Beitrag, dass ich in das Mama-Sein sehr blauäugig hineingestolpert bin. Die Schwangerschaft traf mich irgendwie doch sehr überraschend und wurde nicht von allen mir wichtigen Menschen positiv aufgenommen. Im Gegenteil. (Mein Mann freute sich. Um das festzuhalten.) Aufgrund dieser negativen Sicht auf meine Schwangerschaft habe ich mich lange nicht so recht darauf konzentriert. Ist natürlich nur so mittelprächtig möglich.

Was meine Sicht auf die Zeit danach betraf, so verließ ich mich auf meine Erfahrung. Ich habe 4 jüngere Geschwister, an deren liebevoller “Aufzucht” ich stets stark beteiligt war. Ich habe auf Babys und kleine Kinder aufgepasst, seit ich in der Grundschule war und war oft eine wichtige Adresse, wenn es um Betreuungsnotfälle ging. Wer wollte mir also was erzählen? Windelwechseln? Füttern? Babys in den Schlaf singen? Zum Mittagsschlaf ins Bettchen legen? War ich nicht der absolute Profi?

Ich habe irgendwo geahnt, dass es sicher beim eigenen Kind anders sein würde, so aus emotionaler Sicht. Aber wirklich etwas darunter vorstellen konnte ich mir nicht.

Dann kam der Puck. Nach einer 30stündigen Tortur von einer Geburt. Und ziemlich schnell wurde ich von Muttergefühlen erschlagen. Irgendwas zwischen unbändiger Liebe, Faszination, Glück, Schmerz, Sorgen und ANGST. Da war ganz viel Angst. Angst um dieses schützenswerte kleine Ding, das da in meinen Armen lag. Angst, dass ihm auch nur irgendetwas zustoßen könnte. Angst, dass mir etwas zustoßen könnte. Ich bin, auch wenn ich kaum laufen konnte, zu jeder Untersuchung und sonstigen Prozeduren langsam mitgewackelt und habe nie die Hand meines Sohnes losgelassen. Hätte ich nicht gekonnt. So stark die Liebe und die Angst.

Das Stillen brauchte Zeit. Und dank EINER Nachtschwester wollte es dann doch klappen. Ich hatte mir, ohne groß darüber nachzudenken, ganz selbstverständlich vorgenommen zu stillen. So wie vermutlich die meisten Frauen. Aber was Stillen wirklich heißt, DAS hätte ich gerne gewusst. Mal ganz ehrlich. Also nicht vorher, sondern in dem konkreten Moment. Das Stillen extrem wehtun kann, wusste ich nicht. Das so winzige Babys keinen Rhythmus haben, war mir neu. Und so saß ich die ersten Wochen und Monate mit Schlafmangel vom Feinsten und stillte. Mit offenen, blutigen, entzündeten Brustwarzen (Sorry.), immer eine Mullwindel zum Draußbeißen im Mund. Stunde um Stunde, denn der Puck schaffte es wochenlang kaum über eine Stunde Stillpause. Ich saß da. Mit meinem heißbeliebten Würmchen und weinte stille Tränen. Und kämpfte uns durch. Und fühlte mich als Versagerin. Weil mein Baby nicht in seinem Bett schlief, sondern nur auf mir oder an mir. Weil er keinen Stillrhythmus hatte, sondern quasi ununterbrochen nuckelte. Weil von einem Schlafrhythmus nichts zu erkennen war. Weil ich nach der Geburt nicht fit wurde und teils zu schwach war, den Kleinen zu tragen. Versteht mich nicht falsch, ich habe meinem Sohn immer gegeben, was er brauchte. Auf dem Bauch schlafen. Rund um die Uhr stillen, egal unter welchen Schmerzen. Es fühlte sich ja auch richtig an, trotzdem. Aber gleichzeitig habe ich mich wie die Rabenmutter vorm Herrn gefühlt. Weil ich es nicht schaffte, auch so ein Bilderbuchbaby vorzuzeigen.

Und genau in dieser Zeit hätte ich gerne gehört, dass das NORMAL ist. Und sogar richtig. Und ich alles andere als eine schlechte Mutter war. Sondern eine, die der richtigen Intuition folgte.

Dann gab es da zusätzlich noch meine kinderlosen Freunde. Die alle unkten. Ich würde für nichts und niemanden von ihnen mehr Zeit haben, wenn das Kind erst da wäre. Ich würde auch so eine von diesen aufopfernden Müttern werden. Auch wenn sie selbstverständlich hofften, dass ich cooler sein würde. Und auch wenn ich ihnen keinen Vorwurf mache, hat das Druck aufgebaut. Denn da ja nun die Schwangerschaft schon nicht positiv aufgenommen wurde, wollte ich doch beweisen, dass sich nichts ändern würde und dass ich Mrs. Gechillt und Obercool wäre. Ich brauche hier keiner Mama zu erzählen, wie dumm das war. Und wie falsch der ganze Ansatz in sich. Und ich bin ihm ja dann auch nicht gefolgt. Ich war und bin eine fürsorgliche Mutter. Mit Leib und Seele. Aber die ersten Wochen habe ich mich vor mir und Freunden nur gerechtfertigt für dieses ganz natürliche Verhalten. Das mir unter anderem als Überforderung ausgelegt wurde. Ich war überfordert, sicher. Aber nicht mit meinem Kind. Denn da lief alles, rückblickend betrachtet, genau den richtigen Weg. Ich war hin- und hergerissen zwischen der eigentlich schönen Realität und dem Bild, was andere hatten und erwarteten und was ich mir auch selbst auferlegte.

Und dann sagte meine Hebamme, als ich wirklich nicht mehr konnte. “Hör auf, gegen das Mama-Sein anzukämpfen. Akzeptiere deine neue Rolle. Du machst sie so gut. Wenn du weiter ein Bild aufrechterhalten willst oder dich an merkwürdige Ideale klammerst, wirst du immer gegen Windmühlen kämpfen und das Glück verpassen.”

Und dann akzeptierte ich. Und gab mich meiner Mutterrolle hin. Wurde ruhiger, zufriedener, gewann meinen Optimismus, Lebensfrohsinn und vor allem meine Sicherheit wieder. Konnte mich gegenüber Zweiflern behaupten. Ich erfüllte weiter die Bedürfnisse meines Sohnes, so wie es sich richtig anfühlte. Reiste mit ihm, besuchte Freunde und blieb aber auch zu Hause, wenn ich das wollte. Ich änderte meinen Blickwinkel. Und heute schüttle ich immer noch den Kopf, wenn ich daran denke, wie verzweifelt ich über mich als Mama war, weil ich 3 Wochen nach der Geburt nichts von einem regelmäßigen Mittagsschlaf erzählen konnte. Haha.

Und darum, liebe werdende Eltern. Ein paar Worte. Wenn ihr euer Baby nicht in die teuer gekauften Babybettchen bekommt oder es ununterbrochen an der (schmerzenden) Brust hängt und ihr das zulasst. Wenn ihr es kaum schafft, euch auch nur ein paar Minütchen zu trennen. Wenn ihr doch, obwohl ihr euch fest vorgenommen habt, da total cool zu bleiben, jedes Härchen eures Kindes genau untersucht, immer in Sorge, es könnte ihm was fehlen. Dann, ihr Glücklichen, macht ihr alles richtig. Tausenden Eltern ging es einst genauso. Und auch wenn dieser Start in das neue Leben wirklich hart sein kann. Mit jedem Tag werdet ihr sicherer. Es wird ein Rhythmus entstehen. Und dann wieder ein neuer. Und ein neuer. Und Dauerstillen wird Entdeckerphasen weichen.

Und dann werdet ihr, genau wie ich jetzt, am Ende des ersten Babyjahres (oder schon ein wenig darüber hinaus) zurückblicken. Und schmunzeln. Über Blauäugigkeit. Ungeduld. Aber euch auch freuen. Über das Annehmen und Hineinwachsen.

Auf diesem Wege das Beste!

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Kommentare

  1. Avatar
    Rubbelmama

    Ach ja, wie Recht du hast! Wir sind zum Glück nach Monaten des Dauerstillens auch zu einer Art Rhythmus gekommen. Eine Art, d.h. er trinkt jetzt nur noch durchschnittlich alle drei Stunden ;) allerdings immer noch nicht nach der Uhr. Mal kommt er nach 1,5 schon wieder und mal hat er nach 4 Stunden noch immer kein Interesse an der Brust. Entdeckerphasen ist ein passendes Wort dafür. Ich finde es richtig und wichtig, auch solche Probleme anzusprechen. Oft wird das Bild vermittelt, dass es so einfach ist, einem so kleinen neuen Wesen und sich selbst und dem Partner und Freunden und Familie schon kurz nach der Geburt wieder gerecht zu werden. Für viele ist es das nicht. Danke für den schönen Beitrag.

  2. Sassi
    Sassi

    Schön, dass auch bei euch etwas Stillruhe einkehrt. Ich lese bei euch auch so gerne, wie ihr euch an Bedürfnissen des Kleinen orientiert und das auch gemeinsam selbstbewusst nach außen tragt. Das macht dem ein oder anderen sicher Mut, der eigenen Intuition zu folgen. Beziehungsweise dem eigenen Kind.

  3. Avatar
    Nätty

    Ja, diesen Bericht hätte ich sehr gern vor den ersten Wochen mit Baby gelesen. Beim Stillen hab ich genau die gleichen Erfahrungen gemacht wie du. Es war so heftig und traf mich so unvorbereitet. Auf der Schwesternstation haben sie meine Kleine liebevoll den "Piranha" genannt (Aua ..). Ich war auch vollkommen überrumpelt von der Tatsache, dass Babys nicht unbedingt in ihren Betten schlafen, Kinderwagen verweigern können und Mittagsschlaf auch erst mal nicht drin sein muss ... Habe auch ständig gedacht, ich mache etwas falsch. Von außen kam wenig Unterstützung. Eher so Kommentare wie: "Na, die Kleine hat dich ja ganz schön im Griff..." Na, vielen Dank, sowas können Neu-Mamas gebrauchen ... Naja, jetzt bin ich auch gechillter und froh, dass wir in einem Zeitalter leben, in dem man sich online austauscht und dadurch viel mehr erfährt und viele liebe Menschen findet, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben :)

    1. Sassi
      Sassi

      Hihi. Die kleinen Piranhas. Ich habe mich bei blöden Kommentaren von außen (und auch bei mir gab es, wie gesagt, viele davon) immer damit getröstet, dass sie es halt nicht besser wissen und dass ich eines Tages werde schmunzeln können, wenn all diese noch kinderlosen Menschen in meinem Umfeld selbst Eltern werden und sich vielleicht ein bisschen schämen. So wie ich, wenn ich an meine blauäugigen Beurteilungen "gestresster" Mütter zurückdenke. Räusper. Man möge mir verzeihen.

  4. Avatar
    Nätty

    Hallo liebe Sassi, ich finde du hast einen tollen Schreibstil! Deine Artikel lesen sich einfach so runter :) Ich mag deinen Blog und würde dich gern für den "Liebster-Award" nominieren. Meine 11 Fragen an dich und alles weitere erfährst du unter http://bilderbuchbaby.com/dies-und-das/liebster-award-die-zweite Alles Liebe, Nätty

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