Und was ist mit dem Papa?

Als ich mit dem Puck schwanger war und im Zuge dessen damals den Geburtsvorbereitungskurs besuchte, gab es neben den Einzelterminen, die nur für uns Mamas waren, auch zwei Termine, zu denen wir von den Partnern begleitet wurden. Manche der Paare wurden zum zweiten (oder gar dritten) Mal Eltern und an passender Stelle bat die Hebamme dann die Herren der Schöpfung mal ein wenig aus ihrer Sicht von den Erfahrungen während der Geburt ihres Kindes zu berichten. Ich fand das damals ganz besonders spannend, denn von Frauen hatte ich zu dem Zeitpunkt schon einige Geburtsberichte, meist bis ins kleinste Detail geschildert bekommen.

Mir fiel schnell auf, dass die lieben Männer nur sehr oberflächlich und zaghaft erzählten.

“…kann man sich vorher nicht so recht vorstellen…”

“…schon ein einmaliges Erlebnis…”

“…tolles Gefühl, das Kind dann in den Armen zu halten…”

“…naja, das macht ja eigentlich alles die Frau…”

Alles wahre Sätze. Natürlich. Aber klang für mich eher floskelhaft. Und dann wollte ein Mann ansetzten und begann irgendwie mit “…ich hätte nie gedacht, dass das so unfassbar anstrengend für mich wird…” oder so ähnlich. Weiter kam er nicht, denn seine Frau schnaubte lachend und sagte dann in sarkastischem Ton: “Ach, die armen Männer. Was sollen wir Frauen denn da sagen? Für wen ist das denn anstrengend?”

Ich weiß nicht mehr genau, wie das dann weiterging, aber dieser kurze Wortwechsel hat mich nachhaltig beschäftigt. Ich fing an, darauf zu achten, wie Väter von der Geburt ihres Kindes berichten. Und obwohl es hier natürlich Unterschiede gab, waren die Sätze doch den oben genannten sehr ähnlich. Und wie ich so bin, begann ich immer mal wieder zu Grübeln.

Dass die Geburt für Frauen ein überwältigendes und unvergleichliches Erlebnis darstellt, steht wohl außer Frage. Es ist eine Grenzerfahrung. In vielerlei Hinsicht. Man kann vorher nicht wissen, was einen erwartet. Nicht wirklich planen. Wie sich Wehen anfühlen, wirst du nur in diesem Moment wissen, nicht davor und auch nicht mehr so recht danach. Der weibliche Körper leistet Unfassbares. Bereits während der Schwangerschaft. Und die Geburt ist der krönenden Abschluss. Viele Frauen kämpfen mit ungeahnten Schmerzen. Tragen Verletzungen davon. Nicht selten verlaufen Geburten dann doch ganz anders als man sich das zuvor, vielleicht romantisierend erhofft hatte. Viele der Mamas, die ich kenne, würden die Geburt ihres Kindes als traumatisch bezeichnen. Ich selbst schließe mich da ein. Ich brauchte lange, um dieses Erlebnis halbwegs wegzustecken und so gänzlich verarbeitet habe ich es sicherlich nicht.

All das möchte ich also nicht in Frage stellen. Diese Leistung der Frau und ihres Körpers. Das, was Mutter und Kind während einer Geburt schaffen und erleben.

Nun ist es aber so, dass heutzutage viele Männer bei der Geburt dabei sind. Vermutlich ist das sogar der Regelfall. Aber sie sind nicht einfach Zuschauer, die ihr Händchen zum Quetschen zur Verfügung stellen. Auch für einen Papa ist die Geburt ein herausragendes Erlebnis, eine Grenzerfahrung. Und vielleicht auch manchmal traumatisierend. Natürlich auf andere Weise, als das bei der Partnerin der Fall ist. Aber wenn ein Vater, wie damals im Kurs, seine Erzählung mit “…ich hätte nie gedacht, dass das so unfassbar anstrengend für mich wird…” beginnt, dann ist das sicherlich wahr. Auch wenn es mit den Strapazen der Frau nicht vergleichbar ist. Nicht sein kann.

Ich habe immer mal wieder mit meinem Mann über die Geburt des Pucks gesprochen. Und versucht, den Blickwinkel mal zu wechseln. Ich weiß nicht, ob ich ein guter Geburtsbegleiter wäre. Man stelle sich vor, da liegt nun der Mensch, den man liebt, für den man alles tun würde und den zu beschützen ein innerstes Verlangen ist und dieser Mensch leidet. Hat unerträgliche Schmerzen. Weint vielleicht. Ist verzweifelt. Am Ende seiner Kräfte. Und du kannst nicht wirklich etwas tun. Da sein natürlich. Lindern ganz eventuell. Mut machen. Das ist selbstverständlich wichtig und wertvoll, aber dennoch musst du aushalten können, dass du darüber hinaus nichts machen kannst. Du musst diesen Anblick ertragen. Ich weiß von einigen Männern, dass sie mit diesen Bildern noch lange gekämpft haben und ich verstehe das sofort. Würde ich meinen Mann so sehen, würde es mir das Herz brechen. Viele Männer fühlen sich hilflos. Sind überfordert mit dem, was passiert.

Die Geburt unseres Sohnes dauerte knappe 30 Stunden. 30 Stunden, in denen mein Mann mich so verletzlich sah, wie sonst nie. Ich litt. War verzweifelt. Weinte. Kam an meine Grenzen und wurde drüber geschubst. Ich flehte um Hilfe. Hatte Ängste. War erschöpft. Verlor die Kontrolle. Und dann gibt es ja da auch noch die vielen ungeschönten körperlichen Dinge, die während einer Geburt nun mal ablaufen.

Und während all dem saß mein Mann neben und wich mir nicht von der Seite. Strahlte Ruhe aus. Sprach beruhigend. Musste manchen Anblick ertragen. Schlief nicht. Aß und trank viel zu wenig (ein Tipp an alle werdenden Papas – essen und trinken bitte nicht vergessen). Litt mit mir mit. Leise und unbemerkt. Hatte Angst um mich. Fühlte sich unendlich hilflos. Musste einfach ausharren.

Und wenn man sich das wirklich mal vorstellt und sich hineinversetzt, dann sind das durchaus traumatisierende Erfahrungen. Die man nicht kleinreden muss, auch wenn sie irgendwie im Schatten der weiblichen Leistung stehen. Ihr versteht, wie ich meine. Kein Mann sollte sich schämen, das zuzugeben. Diese Anstrengung. Und dass es nicht leicht war. Und dass er gelitten hat. Das ist nur allzu verständlich. Und einfach eine ganz eigene Sache. Nicht vergleichbar. Eine andere Art der Grenzerfahrung.

Meine Mutter hat 5 Kinder. Nur bei einer der Geburten war mein Vater dabei. Ein wirklich und wahrhaftig felsenfester, gestandener Mann. Im veterinärmedizinischen Bereich tätig. Und er fand es schlimm. Diese Hilflosigkeit und diesen Anblick. Bei der nächsten Geburt wollte er nicht dabei sein. Das war ok für meine Mutter, daher gab es da keine Konflikte.

Ich finde nicht richtig, dass man dieses Thema oft eine Spur zu humorvoll sieht. Haha, die Väter kippen im Kreissaal um. Haha, die sollen sich mal nicht so anstellen. Haha, wenn die durchmachen müssten, was wir da leisten. Das würden ‘se nicht überleben. Haha, ich brauch da kein Weichei, der soll sich mal zusammenreißen für mich.

Sie machen nicht durch, was wir durchmachen. Aber deswegen ist die Geburt für sie nicht gleich ein Spaziergang. Sondern vielleicht eine ernste Angelegenheit. Anstrengend und überfordernd. Und dazu sollen sie stehen dürfen. Das tun sogar nicht wenig Männer, aber wie gesagt, ich habe immer das Gefühl, das wird dann eben belächelt. Dabei ist es ehrlich und mehr als wahr. Und Männer sind ja oft eh schon etwas zurückhaltender im Schildern ihrer Emotionen…

Nun sei aber nochmal klar gesagt, dass die Geburt (vor allem körperlich) natürlich von Mutter und Kind bewältigt wird. Und da wir Mütter sowieso schon immer viel zu wenig Anerkennung bekommen, will ich ihnen diese Leistung auch nicht absprechen. Erwähnte ich ja. Es ist großartig. Und ich bin dankbar dafür, dass ich eine Frau bin und das durchleben darf. Trotz aller Strapazen und Anstrengungen. Mir fiel einfach nur auf, dass die Strapazen der Väter nicht so richtig ernst genommen werden, sich darüber lustig gemacht wird. Und das ist irgendwie nicht richtig. Denn auch sie durchleben eine Geburt. Auf der anderen Seite. Und auch sie treffen die Ereignisse oft unerwartet und mit voller Wucht. Und davon sollte sie offen und ungehemmt erzählen. Das mindert kaum ihren Stolz und Respekt für das, was ihre Partnerin da geschafft hat. Aber auch Väter müssen verarbeiten. Das wollte ich mal gesagt haben.

Ich habe mal gestöbert und ein paar schöne Geburtsberichte von Papas gefunden, die mehr beinhalten als die verschämten Floskeln. Traut euch, liebe Männer!

rubbelbatz.de

leben-als-vater.de

mamaskind.de

Kommentare

  1. Avatar
    Sonnenshyn

    Ganz toll geschrieben. Wir stehen kurz vor der Geburt unseres zweiten Kindes und wir wissen noch nicht ob mein Mann es schafft bei der Geburt dabei zu sein. Eventuell muss er nämlich auf unseren Sohn aufpassen. Aber er sagt mir jetzt schon oft, dass er die Bilder von vor zwei Jahren im Kopf hat. Wie ich gelitten habe. Auf der anderen Seite spricht er aber auch voller Stolz. Das gibt Kraft. Für beide, denke ich. Danke jedenfalls für deine Worte. An sowas sollte man sich viel öfter erinnern. Denn wie du geschrieben hast, auch für Väter ist das ein unfassbar emotionaler Moment. Sonnige Grüße.

    1. Sassi
      Sassi

      Dann wünsche ich euch alles, alles Gute für die bevorstehende Geburt. Wir haben die Betreuungsfrage auch noch nicht gänzlich geklärt. Wird noch spannend. Liebste Grüße

  2. Avatar
    Sarah

    Hallo Sassi, danke für den Beitrag und das Verlinken. Ein total wichtiges Thema (lesen Männer eigentlich diese Art von Blogposts?). Ich fand es so wichtig, meinen Mann an meiner Seite gehabt zu haben. Liebe Grüße Sarah

    1. Sassi
      Sassi

      Absolut! Ich wüsste nicht, was ich ohne ihn gemacht hätte. Aber hinterher musste auch er erstmal verarbeiten, was da passiert ist. Ich weiß nicht, ob sie es lesen. Aber die Frauen, die es tun, können ja berichten...:-D Liebste Grüße, Sassi

    2. Avatar
      Chris

      Ja, tun sie ;)

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