Danke fürs Gespräch

Letzte Woche war ich zum Nachsorgeteirmin bei meiner Frauenärztin. Genau genommen bei meiner neuen Frauenärztin. Sie befindet sich aber in derselben Gemeinschaftspraxis. Ich hatte nach diversen Patzern und Fahrlässigkeiten meiner vorherigen Ärztin gewechselt. Aber das lasse ich jetzt mal außen vor. Jedenfalls gab es körperlich nichts zu beanstanden. Mein Beckenboden wäre angesichts des zeitnahen Gebärens zweier Schwergewichte vorbildlich, meine Brust gut auf das Stillen eingestellt und auch sonst erhielt ich Bestnoten.

Nur emotional gab es für mich Etwas zu besprechen und so nahm ich meinen Mut zusammen und sprach meine neue Frauenärztin auf meine allabendlichen Angstzustände an. Ich habe die schon seit vielen Jahren, mal mehr, mal weniger, mal weg, mal da, aber im Grunde begleiten sie mich seit des Studiums. Es sind Zukunftsängste, Ängste vor der eigenen Endlichkeit. Davor zu wenig Zeit zu haben. Angst, dass meine Kinder quasi übermorgen groß sind und ich alt. Naja, so in diese Richtung. Seit langem weiß ich, dass ich da etwas tun muss, aber bisher fehlte der Antrieb und der Fokus. Nach der Geburt des Pucks waren diese abendlichen Ängste intensiver geworden. War mir logisch, schließlich macht einen dieses Mamasein noch weicher, noch sensibler und vielleicht noch ängstlicher. Mit der Zeit wurde das wieder. Diesmal nun genau das Gleiche. Wieder intensiveres Gedankenkarussell. Jeden Abend. Immer beim Einschlafen. Und jetzt will ich es angehen. Das bin ich mir und auch meinen Kindern schuldig. Und das bei der Frauenärztin erstmal anzusprechen, erschien mir als sinnvoll.

Also berichtete ich und erzählte auch, dass ich mich irgendwie ausgelaugt fühle. Und verbraucht. Auch wenn das komisch klänge. Ich schilderte von unserem Alltag, der mich forderte, aber eigentlich nicht überforderte. Es gab einen kurzen, ruckelnden Übergang, als die Tagesmutter ausfiel und ich von heute auf morgen wieder ein Kleinkind rund um die Uhr zu Hause hatte. Ein Kleinkind, das um seine Tagesomi trauert und ein Baby, das eben Babybedürfnisse hat. Es gibt anstrengende Tage, das schon, aber ich schaffe, was ich schaffen will oder muss. Meine Kinder finde ich toll. Da ist keine Distanz. Da ist ganz viel Liebe, Nähe und Genießen. Und dennoch dieses Erschöpfungsgefühl und diese Angst.

Die Ärztin nahm das sehr ernst, sprach von Wochenbettdepression, meinte aber, dass alles andere dazu gar nicht so passen würde und sie eher etwas Tieferliegendes vermutete. Sie überwies mich an meine ehemalige Frauenärztin, da diese gleichzeitig eine psychotherapeutische Ausbildung aufweisen kann. Na gut, da ich dort schnell einen Termin bekam und ich das Problem wirklich akut angehen wollte, sagte ich zu. Sich das mal anzuhören, kann ja nichts schaden.

Dieser Gesprächstermin war also heute. Ich schilderte erneut meine Situation. Dass es mir gut geht. Ich soweit fit bin. Und verliebt in meine zwei Mäuse. Aber dass ich mich manchmal so ausgelaugt fühle. Aber eben nur ab und zu mal. Und dass da diese Abendängste sind.

Die Frauenärztin ließ mich kurz sprechen, um mir dann mitzuteilen, dass das eben die Hormone wären. Diese, die durch das Stillen aktiviert werden.

“Ich kann Ihnen ja leider keine Antidepressiva verschreiben wegen der Muttermilch.”

“Brauche ich denn welche?”

“Das kann ich Ihnen so nicht sagen, das müsste man dann ausprobieren. Aber solange Sie stillen, geht das sowieso nicht.”

“Ich möchte aber nicht abstillen. Das käme für mich höchstens in Notfällen in Frage.”

“Wie alt ist denn die Kleine?”

“12 Wochen.”

“Na, dann hat sie doch schon alles Wichtige mitbekommen. Und es gibt so tolle Ersatznahrung.”

“Aber das Stillen klappt so toll. Ich genieße es. Und ich finde 3 Monate zu wenig. Außerdem hilft mir das Stillen in meinem fordernden Alltag. Gerade mit dem Kleinen zu Hause. Fläschchen machen und sterilisieren und all das wäre zusätzlicher Stress.”

“Aber ohne Abstillen wird sich nichts tun.”

“Ist denn irgendwie eine Therapie oder so etwas sinnvoll?”

“Höchstens begleitend. Das ist ja ein hormonelles Problem.”

“Aber ich sagte doch, dass ich diese Ängste schon seit Jahren immer mal wieder habe.”

“Naja, dann wäre eine Therapie vielleicht eine Unterstützung, aber das Grundproblem, also die Stillhormone, löst sich ja nicht. Ich rate Ihnen daher nochmal abzustillen.”

“Äh, ok. Danke. Das muss ich erstmal sacken lassen.”

 

Das war es. Das Gespräch. Dafür mein Mut, das Problem endlich anzusprechen. Dafür bin ich mit einem Baby, das Autofahren hasst, zur Rushhour quer durch die Stadt gefahren. Dafür hat sich mein Mann extra frei genommen, damit der Puck zu Hause bleiben kann und ich bei der Ärztin Ruhe habe. Dafür.

Ich war so enttäuscht und wütend. Und fühlte mich richtig verkackeiert. Ich stille natürlich nicht einfach ab. Natürlich werden die Hormone meine Situation ein wenig potenzieren. Das ist den meisten Mamas sicherlich nicht unbekannt. Diese Verletzlichkeit vor allem in den ersten Wochen nach der Geburt. Und die verstärkte Sensibilität. Aber Stillhormone sind nicht die grundlegende Ursache. Und Abstillen nicht die Lösung. So einen wenig hilfreichen Rat habe ich selten bekommen.

Ich habe eine Ahnung, woher meine akut auftretende Erschöpfung kommt. Mein Puck ist derzeit auf dem Höhepunkt irgendeines Schubes. Er ist extrem sensibel. Verlässt seinen Kinderwagen kaum noch, obwohl wir diesen eigentlich nicht mehr brauchten. Seine Ängste haben sich unglaublich vertieft und ausgebreitet. Er spricht nicht mehr in Gegenwart Fremder. Er berührt draußen kaum noch etwas mit den Händen. Er geht viel auf Zehenspitzen, wenn der Untergrund ihm Angst macht. Er isst nichts mehr mit zuviel Struktur. Pure Nudeln gehen. Und Apfelmus und Joghurt. Er schläft schlecht. Klammert extrem. Und das seit Wochen. Nichts ist mehr selbstverständlich. Ich muss alles begleiten, erklären, Situationen nicht selten komplett abbrechen. Weil er anfängt zu zittern, zu schreien. Er wird vor Angst richtig hysterisch.

Und dabei muss ich ruhig bleiben. Ruhe ausstrahlen. Trösten. Erklären. Schützen. Immer wieder entscheiden, welche Situationen ich ihm gar nicht erst “antue” und was einfach sein muss, ich aber liebevoll begleiten kann. Ich bin stolz auf mich, jawohl, dass ich das schaffe. Ich war als Kind nicht so anders und ich nehme ihn in seiner Art ernst und auch jede Angst. Möge sie noch so seltsam auf mich wirken.

Aber, und das ist vermutlich der Punkt, das raubt Energie. Jede Menge. Und es gibt Phasen, in denen kann ich mit ihm gut aufladen, aber gerade ist da einfach viel Forderung. Was in Ordnung ist. Denn er kann nichts dafür. Und irgendwann wird er sicherer werden. Das wird wieder. Aber in diesen Tagen braucht er mich. Und das erschöpft. Ich bin nur ein Mensch.

Ich hatte auf Adressen gehofft. Auf hilfreiche, unterstützende Worte der Ärztin. “Bitte stillen sie so schnell wie möglich ab”, war alles was ich bekam.

Danke. Für Nichts.

 

Wir werden nun einen Termin bei der Familienberatung machen. Ein Blick von außen kann ja Wunder wirken. Vielleicht bekomme ich da noch Tipps, wie ich besser auftanken kann. Oder wie ich den Puck noch besser begleiten kann. Und wie ich meinen Mann da mehr ins Boot hineinlasse. Hoffen wir auf bessere Worte. Dort.

Kommentare

  1. Melanie

    Liebe Sassi! Ich bin sprachlos, empört und entsetzt. Wie kann man als Ärztin derart empathielos und unmöglich sein??? Die Wochenbettbedingte hormonelle Achterbahnfahrt trägt sicherlich nicht unbedingt zur Stabilität der Psyche bei, aber Abstillen für Psychopharmaka? Wenn sie nicht wirklich indiziert sind? Als Versuch... Ne, echt nicht. Es gibt gute Gründe für Medikamente und gegen das Stillen. Aber nicht bei dir, so wie du es schilderst. Diese Dame (ich mag sie nicht Ärztin nennen...) ist echt ein Kracher. Schade, dass wir uns nicht im richtigen Leben begegnet sind. Ich kenne diese Angstgefühle und diese Traurigkeit, die sich wie eine düstere, schwere Teerdecke über einen zieht. Die Angst, die eigenen Kinder nicht beim Aufwachsen begleiten zu können und was das mit einem macht. Ich habe so viele heiße Tränen deswegen vergossen um an diesem Schmerz nicht zu ersticken. Ich kenne das anspruchsvolle, anstrengende Leben mit sehr sensiblem Kleinkind und Säugling , wenn man den ganzen Tag alleine wuppen muss... Das zerrt und kostet soviel Kraft. Die alleine mit Liebe nicht aufzufüllen ist... Ich bin mir sicher, dass du auf einem guten Weg bist, deine Reserven neu aufzubauen. Die Hilfe innerhalb deiner Familie anzunehmen und zuzulassen. Ich drück dir alle Daumen und wünsche dir alles was du brauchst, diesen Weg zu gehen. Es wird leichter und entspannter, dass weiß ich aus eigener Erfahrung. Alles Liebe für Dich! Melanie

    1. Sassi
      Sassi

      Vielen Dank, liebe Melanle! Ja, bin auch sehr, sehr enttäuscht von der Dame. Nun gut, abhaken und echte Hilfe suchen. Wir machen nun einen Termin bei der Familienberatung mit einer Psychologin. Ich bin ohnehin ein sensibler Mensch und das Muttersein hat mich noch weicher gemacht. Sorgen und Ängste begleiten mich seit jeher, aber das ist ein neues Level. Schwächen zuzugeben und anzuerkennen fällt mir noch nicht so leicht, denn sowas wird und wurde nicht so recht geduldet in meiner Familie. Aber davon muss ich mich jetzt mal befreien. Wer weiß, vielleicht kreuzen sich unsere Wege einmal. Bis dahin sind deine Wort oft mehr als wertvoll für mich. Liebe Grüße.

  2. Klara

    Hey Sassi, die Reaktion deiner Frauenärztin ist absolut enttäuschend. Lass dich nicht entmutigen! Gerade bei Ängsten gibt es gute, nicht medikamentöse Therapiemöglichkeiten. Die Erschöpfungszustände kann man vielleicht auch einfach durch Schlafmangel (vielleicht verstärkt durch dass abendliche Grübeln?) erklären. Vielleicht erkundigst du dich mal nach einer psychologischen Beratung oder Psychotherapie? Auch für deinen Sohn könnte es hilfreich sein - Ängste sind schon für uns Erwachsene schlimm & er findet anscheinend momentan 'disfunktionale' Wege, um seine Ängste zu kontrollieren (Auswahl von Nahrungsmitteln, usw.). Vielleicht findet ihr ja Unterstützung darin, einen besseren Umgang mit Ängsten zu lernen? Ich wünsche euch alles Gute!

    1. Sassi
      Sassi

      Liebe Klara, danke für deine Worte. Wir bemühen uns jetzt um einen Termin bei der Familienberatung, geführt von einer Familienpsychlogin. So als ersten Schritt. Ich werde auf jeden Fall berichten. Ich bin auch sehr gespannt, wie andere meinen Sohn wahrnehmen. Manchmal ist man vielleicht auch schon zu fokussiert auf manches. Liebe Grüße, Sassi

  3. Adriane

    Hallo Sassi Ich bin grad zufällig auf diesen Blog gestoßen und bin entdetzt wie diese Frauenärztin da mit dir umgegangen ist. Nicht nur, dss sie total unsensibel regiert hat, sondern auch völlig unkompetent reagiert hat. Naja, das ist sich bei dir schon abgehackt, ist ja schon einiges her. Ich wollte nur noch schreiben, dass ich vor kurzem einen Artikel in einer Fachzeitschrift über Wochenbettdepression gelesen habe. Dort wurde gesagt, dass die meisten depressiven Phasen nach der Geburt und in der Stillzeit durch eine Störung der Schulddrüse bedingt sind. Was auch zu Abgeschlagenheit und Müdigkeit führen kann. Die kann man sehr gut mit Jodtabletten behandel. Vielleicht kann dein Hausarzt deine Schildrüsenwerte überprüfen. Ich wünsche euch jedenfalls viel Erfolg bei der Familienbertung. Ich denke aber, dass die dort jedenfalls kompetenter sind als diese Frauenärztin. Viele Grüße Adriane

    1. Sassi
      Sassi

      Liebe Adriane, vielen Dank für den Tipp. Die Werte werden jetzt tatsächlich mal vorsorglich überprüft. Aber natürlich bei einer neuen Frauenärztin. Beste Grüße, Sassi

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