Ratgeberleserbelächler

In letzter Zeit kommen mir immer wieder Kommentare zu Ohren, in denen sich über Eltern, die es wagen Ratgeber zu lesen, lustig gemacht wird. Manchmal sehr offen, direkt und fast verletzend. Oftmals aber eher als fragwürdiger Humor getarnt.

Gern genommen wird etwa dieser:

“Ach, ich weiß gar nicht, wie wohl meine Kinder ohne diese ganzen Ratgeber groß werden konnten.”

Den höre ich wirklich nicht selten. Am besten dann, wenn ich erzähle, dass ich etwas für mich besonders Hilfreiches gelesen habe. Na, danke auch.

Und wieder einmal verstehe ich es nicht. Denn für mich hat das irgendwie etwas Arrogantes. Was ist die Intention hinter solchen Kommentaren? Selbstbestätigung? “Ich kann das alles.” “Ich bin die bessere Mutter.” “Ich hab das alles allein geschafft.” Meinetwegen. Aber warum auf Kosten anderer?

Versteht mich nicht falsch. Ich finde es absolut bewundernswert, wenn jemand sich in seinem Mutter- oder Vatersein sicher fühlt. Ohne große Zweifel. Wenn er ganz und gar auf seine Intuition vertraut. Wirklich. Darauf darf man sehr gerne stolz sein. Ja, ruft es vom Dach des höchsten Hauses. Das ist unglaublich wertvoll und ich gönne das jedem.

Aber es gibt eben genug Mütter und natürlich auch Väter, denen es aus ganz individuellen Gründen nicht so geht. Die in Selbstzweifeln ertrinken. Denen vielleicht Vorbilder fehlen. Die sich sich in Situationen verworren sehen. Sich im Kreis drehen. Den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr erkennen. Die schlichtweg ratlos sind. Einige suchen sich konkrete Ansprechpartner. Die eigenen Eltern zum Beispiel, wenn es das Verhältnis zulässt. Oder Freunde. Oder andere Mütter. Die Hebamme. Den Kinderarzt. Wenn auch immer. Wieder andere schaffen es nicht, sich überhaupt Hilfe oder ein offenes Ohr zu verschaffen und laufen Gefahr zu zerbrechen.

Na, und dann gibt es eben die, die zu Büchern greifen. Die einen Ratgeber lesen. Gott bewahre. Die dort tröstende Worte, Lösungswege und Antworten finden. Denen dieser geschriebene Blickwinkel von außen enorm hilft. Und daran ist nichts, aber auch wirklich rein gar nichts zu belächeln. Es ist richtig so. Und diese Eltern sind auf keinen Fall schlechtere Eltern.

Neulich las ich irgendwo einen Kommentar zum Thema “Kindern auf Augenhöhe” begegnen, in dem sich lautstark darüber aufgeregt und lustig gemacht wurde, “dass manche Eltern sowas echt nachlesen müssten.” Ja, manche Eltern kommen aus den unvorstellbarsten Verhältnissen, haben keine gewaltfreien Erziehungsvorbilder. Sie spüren, dass sie das anders machen wollen. Aber ihre Intuition liegt unter Bergen an Wut, Enttäuschung, Angst und Trauer begraben. Sie brauchen und wollen Unterstützung. Und es bleibt jedem selbst überlassen, welche Art der Hilfe er oder sie in Anspruch nimmt. Das geschriebene Wort ist eine Möglichkeit.

Wir können kaum hinter Personen blicken. Auf ihre Lebensumstände, ihr Aufwachsen, ihren bisherigen Weg. Vorschnelles Urteilen oder gar Lustigmachen ist oft nicht fair. Natürlich bleibt jedem seine Meinung und auch das Recht diese offen zu äußern. Und man könnte auch behaupten, es sei ja jeder selbst Schuld, wenn er sich angegriffen fühlt. Das ist wohl möglich, aber man könnte ebensogut auch auf seine Worte achten. Denn auf seinen eigenen Weg als Eltern stolz zu sein und das auch offen auszusprechen ist vollkommen zu begrüßen und sollten wir viel öfter tun, dabei aber gleichzeitig zwinkernde Seitenhiebe auszuteilen, muss nicht zwingend sein.

Ich selbst lese übrigens eher selten Ratgeber. Mein Weg sind oft Freunde. Den Ratgeber vom gewünschtesten Wunschkind habe ich allerdings beispielsweise verschlungen und dieser Blickwinkel hat mir so manches Mal die Augen geöffnet. Ein Draufschauen von Außen ist eben oft sehr wertvoll.

Also, liebe Eltern, lest oder fragt oder redet. Es ist mutig, sich Hilfe zu holen. Es zeugt von Größe diese anzunehmen und zuzulassen.

Und wer das alles nicht braucht, darf ebenso stolz auf sich sein. Nur möglichst nicht auf Kosten anderer.

Wir sind Eltern. Alle. Und Gute.

 

Kommentare

  1. Avatar
    Melanie

    Liebe Sassi! Wieder einmal sprichst du mir aus der Seele. Ich lese gerne. Schon immer. Inzwischen auch Ratgeber. Und Blogs ;-) Weil ich es interessant finde, andere Perspektiven und Denkansätze kennenzulernen. Denn es inspiriert mich. Sehr sogar. Als Hebamme und Mutter. Ich frage meine Freundinnen gerne um Rat, ziehe mir raus, was ich für mich annehmen kann und will. Was zu mir, zu uns passt. Aber die anderen Sichtweisen von Menschen, die mir so nie begegnet wären, finde ich spannend. Denn ich bin nicht allwissend und auch beim dritten Kind nicht der Ursprung der Weisheit. Und das muss ich auch nicht. Ich wachse mit meinen Kindern in meine Mutterrolle hinein. Immer mehr. Beobachte sie und mich staunend. Was das alles mit uns macht. Jeder muss und darf seinen eigenen Weg gehen. Es ist eigentlich so einfach. Ein respektvollen und wertschätzendes Miteinander. Denn wir sind doch alle Eltern! Gute, wie ich kürzlich las... Liebste Grüße, Melanie

    1. Sassi
      Sassi

      Können wir nur hoffen, dass das gegenseitige Wertschätzen unter Eltern die Oberhand gewinnt. Vielleicht eines Tages. Denn wie sagst, es wäre so einfach.

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