Ganz einfach

Der im Folgenden zitierte Liedtext stammt (erneut) aus der Feder des ganz und gänzlich wundervollen und klugen Liedermachers Gerhard Schöne.

 

Ein Mann fährt zu ‘nem Blitzbesuch
zu seinem Vater im Dorf.
Der Alte füttert grade Katzen.
Der Mann sagt “Tag! Ich bleib’ nicht lang,
hab eigentlich gar keine Zeit
Ich weiß nicht mehr, wo mir der Kopf steht!
Ich hetz mich ab und schaffe nichts.
Ich bin nur noch ein Nervenwrack.
Woher nimmst du nur deine Ruhe?”

Oft geht es mir so. Ich renne den Dingen hinterher. Hake ab und hake ab und habe am Ende des Tages doch das Gefühl rein gar nichts geschafft zu haben. Die Kinder, mein Mann, meine Freunde, der Haushalt, Termine, Verpflichtungen und ganz bald auch wieder mein Job. Ich jongliere. Will allen gerecht werden. Ich bin Perfektionist. Einer von der äußerst pedantischen Sorte. Und so sehr ich weiß, was mich das kostet. Ich kann es nicht ändern. Kann mich nicht ändern. Manchmal kommt es mir so vor, als wär da gar keine Luft mehr. Zum Durchatmen. Zum Runterkommen. Mein Kopf schaltet sich nicht mehr ab. Ich schlafe schlecht. Ich muss immer da sein. Immer fokussiert. Aber auf tausend Dinge. Ich muss an alles denken. Meine Haut ist dünn. Ich bin aus Glas und muss ein Felsen sein. Und bin es für alle. Erlaub mir keine Schwäche und keinen Riss. Und irgendwie werd ich wohl gerecht. Also allen. Aber mir gegenüber. Kaum.

Der Alte kratzt sein linkes Ohr
und sagt: “Mein Lieber, hör gut hin,
ich mach es so, es ist ganz einfach:

“Wenn ich schlafe, schlafe ich.
Wenn ich aufsteh’, steh’ ich auf.
Wenn ich gehe, gehe ich.
Wenn ich esse, ess’ ich.

Wenn ich schaffe, schaffe ich.
Wenn ich plane, plane ich.
Wenn ich spreche, spreche ich.
Wenn ich höre, hör’ ich.”

Der Mann sagt: “Was soll dieser Quatsch?
Das alles mache ich auch,
und trotzdem find’ ich keine Ruhe.”

Der Alte kratzt sein linkes Ohr
und sagt: “Mein Lieber, hör’ gut hin,
du machst es alles etwas anders:

“Wenn du schläfst, stehst du schon auf.
Wenn du aufstehst, gehst du schon.
Wenn du gehst, isst du schon,
Wenn du isst, dann schaffst du.

Wenn du schaffst, dann planst du schon.
Wenn du planst, dann sprichst du schon.
Wenn du sprichst, dann hörst du schon.
Wenn du hörst, dann schläfst du.”

Dieses Lied ist nicht neu. Es hat schon einige Jahre auf dem Buckel. Und dennoch ist es weitsichtig. Und klug. Und einfach. Ich bin mir immer voraus. Mindestens den einen Schritt. Häufig noch mehr. Ich bin selten im Hier.

Manchmal mit meinen Kindern. Da gelingt es mir. Da sitze ich bei ihnen. Spiele, lese, stille, kuschel. Sauge auf. Ganz echt und still. Im Moment. Ohne an die Wäsche zu denken. An das Mittagessen. An die Einkaufsliste. An die Krümel unterm Tisch.

Manchmal mit meinem Mann. Da gelingt es mir. Da reden wir. Über uns. Das Leben. Über alles. Da bin ich bei ihm und er bei mir. Da denken wir nicht, an die Kinder, die sicher gleich wach werden. Nicht an die kommende Woche, die wir absprechen müssen. Nicht an den Antrag, den er noch unterschreiben muss.

Manchmal mit meinen Freunden. Da gelingt es mir. Da lasse ich etwas liegen. Nur um da zu sein. Da verschiebe ich Termine, um telefonieren zu können. Da sitze ich auf dem Sofa. Nichts weiter. Und lausche der Stimme meiner besten Freundin. Zu weite Kilometer entfernt. Zu selten. Dann kann ich innehalten.

Mit mir gelingt es mir kaum. Ich habe das Stillsitzen meistens doch verlernt. Das Einatmen. Das Ausatmen. Zu viel Ballast auf der Brust. Und immer den Schritt voraus. Mindestens den einen. Häufig noch mehr.

Ich habe ein Ziel. Die Worte des Alten. Sie sollen auch meine Worte werden. Zumindest ein bisschen. Zumindest ein Stück.

“Wenn ich schlafe, schlafe ich.
Wenn ich aufsteh’, steh’ ich auf.
Wenn ich gehe, gehe ich.
Wenn ich esse, ess’ ich.

Wenn ich schaffe, schaffe ich.
Wenn ich plane, plane ich.
Wenn ich spreche, spreche ich.
Wenn ich höre, hör’ ich.”

Ich hab nur dieses. Dieses eine. Moment für Moment. Und jeder Augenblick braucht mich. Ganz bei sich. Allein. Oder mit jenen Menschen, die in ihm verweilen.

Das will ich wieder lernen.

Ganz einfach.

 

 

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