Hochglanz und Talfahrt

Mir liegt das was auf dem Herzen.

Seit ein paar Tagen geistert das Thema “Authentizität” durch die Welt der Mama- und Papablogger. Auslöser war unter anderem ein Text der wunderbaren Ninia LaGrande, welche in einer Zeitschrift veröffentlicht wurde. Ich habe den Text nicht gelesen und kann und werde ihn darum auch nicht bewerten oder beurteilen. So einfach. Die Autorin selbst schätze ich. Für ihren Wortzauber. Und ihre Nachbarschaft.

Aber die Debatte, die darum entstand, die habe ich verfolgt. Diese drehte sich nämlich um Echtheit, um Realität und um “Fake”. Ein blödes Wort. Wie ich im Übrigen finde.

Es wurde über Mütter (es ging eigentlich fast ausschließlich um Mamablogs) hergezogen, deren Texte und Bilder zuviel Hochglanz und Friedefreude vermitteln würden. Es gab Diskussionen über Wäscheberge und die Frage, was ist echt und was ist ehrlich.

Ich bin noch nicht lange in dieser Bloggerwelt. Also zumindest nicht als aktives Mitglied. Gelesen habe ich schon davor. Und ich bewege mich so gern in dieser Welt. Denn sie ist, wie es sich für eine ordentliche Welt gehört, so unfassbar vielfältig. Auch das wird ihr in letzter Zeit oft abgesprochen. “Einheitsbrei” tönt es vielerorts. Alles schon mal da gewesen. Kenn ich doch. Ich kann das nicht bestätigen. Wer genau liest und wie ich versucht, den Blick fürs Detail zu wahren, der merkt schnell. Von Brei kann keine Rede sein. Es ist ein bunter Strauß.

Ja, und wer ist nun echt in dieser Welt und wer versteckt sich hinter seiner sauberen Küche? Hinter den hübschen Klamotten, den Katalogkinderzimmern, hinter perfekt inszenierten Mahlzeiten? Und wer zeigt das wahre Leben? Wer zeigt Nudeln mit Tomatensoße? Oder gar Breigläschen? Wer zeigt das ungeputzte Badezimmer? Wer traut sich zu sagen, dass manchmal alles zu viel ist? Wo sind die Realitätskämpfer?

Diese Trennung ist anmaßend. Punkt. Die Menschen hinter ihren Blogs gewähren Einblicke. Mal kleinere, mal größere. Facetten des Lebens. Und eines ist nicht wahrer als das andere. Es sind Momentaufnahmen. Denn nichts steht je still. Nur für diesen Moment eben. Und manchmal, wenn ich meine Küche auf Hochglanz poliert habe. Wenn unter dem TrippTrapp keine Essensreste liegen, der Tisch abgewischt ist, das Geschirr in der Spülmaschine, der Herd blitzt und vielleicht sogar mal Blumen in der Vase duften, dann stehe ich lächelnd in der Tür und betrachte zufrieden diesen Anblick. Fotografiere ihn. Poste ihn vielleicht. Weil er mir Freude macht. Nicht mehr und nicht weniger. Ist er deswegen “fake”? Bin ich deswegen sofort weniger authentisch?

Dieser Augenblick ist genauso Teil meiner Realität wie das Chaos, das noch vor einer Stunde in diesem Raum herrschte. Halte ich manchmal ebenso in Bildern fest. Es gibt Unterschiede, wer eher welchen der beiden Momente fotografiert. Aber keiner ist echter. Es bleibt doch jedem Blogger selbst überlassen, welchen Teil seines Lebens, welchen Ausschnitt seiner Welt er präsentiert. Ihm aufgrund dieser Bruchstückchen Authentizität abzusprechen, ist doch absurd.

Ebenso verhält es sich mit Texten. Manche strotzen vor Zufriedenheit, vor positivem Lebensgefühl, vor Zuversicht und Glück. Andere zeigen Weltschmerz, Sorgen, Ängste. Sind vorwurfsvoll. Gar anklagend. Andere sind versöhnlich. Manche voller Wut. Einige Blogger vermischen. Andere positionieren sich thematisch und auch emotional. Wer ist da jetzt echter? Die Art wie ich schreibe, hat viel mit meiner Verfassung zu tun. Mit meiner Lebensphase. Meiner momentanen Gefühlslage. Ist und wird beeinflusst durch die Dinge um mich herum, durch Bücher, die ich lese, durch Erlebnisse, die mir widerfahren, durch Menschen, denen ich begegne. Sie spiegeln auch meine Persönlichkeit wieder. Und manch einer ist eben eher Optimist, manch einer Pessimist.

Und nun steht es jedem zu, sich als Leser in manchen Texten eher zu erkennen, eher zuzustimmen oder eben auch nicht. Man darf angenervt sein. Und auch widersprechen. Langweilig finden. Alles völlig legitim. Aber die Echtheit anzweifeln?

Sich selbst mehr im Blick haben. Eine wichtige Sache so als Leser. Oder Zuschauer. Es gibt Tage, da deprimieren mich die wunderschön gestylten und aufgeräumten Wohnzimmer. Vielleicht weil bei mir gerade Durcheinander herrscht. Oder weil ich gerade auf ein neues Sofa spare und voller Ungeduld auf unserem alten durchgesessen, mit Katzenhaaren und Milchflecken verzierten Textilhaufen sitze und mich das Bild einer Designercouch einfach noch hibbeliger warten lässt. Aber das ist dann MEINE Sache. Ich habe damit gerade ein Problem. Der Besitzer dieses hübschen Wohnzimmers kann rein gar nichts dafür. Ich fange also nicht an, ihn der Unehrlichkeit anzuklagen. Oder lästere über Pastellfilter. Denn der Knipser hat einen Moment seiner Realität aufgenommen. Und vielleicht mit einem Weichzeichner ein wenig Sahnehäubchen verteilt. Warum auch nicht? Daran ist nichts zu verurteilen. Ich verpacke hier auch so manch profanes Alltagsgeschehen in literarisch anmutende Wortspielereien. Weil es mir schlichtweg Freude macht.

Die einfache Lösung? Ich guck mir solche Bilder dann einfach eine Zeit lang nicht an. Manchmal kann ich dann vielleicht mehr mit dem Bild eines Wäscheberges anfangen. Weil ich das Gefühl habe, nicht allein zu sein. Mit meinem Chaos. So oder so. Es gibt auch wieder Zeiten, in denen suche ich vielleicht Inspiration, bin offen für solche Ästhetik. Dann sammle ich Ideen. Und erfreue mich an Bildern wie für den Werbekatalog gemacht. Warum auch nicht.

Und ebenso ist es mit Texten. Ich sitze ihnen als Leser gegenüber und meine Interessen, meine Persönlichkeit, meine Gefühlswelt und Gedanken entscheiden darüber, womit ich gerade mehr anfangen kann. Mal brauch ich Worte, die mir Zuversicht entgegenbrüllen. Weil es mir selbst so geht. Oder eben auch gerade nicht. Manchmal muss ich lesen, dass auch andere Mütter in der Schimpfschleife hängen. Weil es mich tröstet. Es ist meine Entscheidung. Es sind meine Augen, durch die ich sehe. Es ist mein Filter. Ich kann einen Text lieben oder nicht. Ich kann ihn brauchen oder nicht. ICH. In MIR wird etwas ausgelöst. Wenn eine Mutter voller Herzenswärme darüber schreibt, wie sehr sie ihr Mamasein genießt, die Zeit mit ihren Kindern und an Kindergarten nicht denkt, dann IST DAS VIELLEICHT EINFACH SO. Sie ist zu sich ehrlich. Punkt. Und eventuell schreibt sie auch überwiegend eher solche Texte. Und hat dafür ihre guten Gründe. Trotzdem wahr. Trotzdem echt.

Wenn ich mich davon angegriffen fühle, ein schlechtes Gewissen habe, weil ich selbst vielleicht gerade einfach nur mal eine Pause und Zeit für mich selbst möchte, dann liegt das Gefühl erst einmal bei mir. Diese Gefühle finde ich durchaus legitim. Es ist nunmal das, was in uns ausgelöst wird. Und auch das ist ganz echt und ehrlich. Aber die Lösung kann nicht sein, über die Autorin herzuziehen und ihr keinen Glauben zu schenken. Nur, weil es uns eben gerade anders geht. Auch hier die einfache Lösung? Ich lese solche Texte dann einfach eine Zeit lang nicht. Und schaue vielleicht nach anderen Worten, die mir gerade guttun.

Nun will ich nicht absprechen, dass es vielleicht Schreiberlinge geben mag, die nicht ehrlich sind. Die auf Züge aufspringen. Die nutzen, was sich vermarktet. Eigene Meinung hin oder her. Nun gut. Aber auch hier kann ich entscheiden. Lesen oder eben nicht. Und ich bilde mir noch immer ein, dass man so etwas nach einiger Zeit einfach merkt. Vielleicht noch nicht bei einem Text. Aber nach und nach.

Ich selbst lese so viele unterschiedliche Blogs. Genieße die Vielfalt. Mag die Menschen dahinter. Ich halte keinen für unecht. Man mag mir Gutgläubigkeit vorwerfen. Aber die meisten von uns beginnen oder begannen doch mit dem Schreiben, um SICH mitzuteilen. Um ein Sprachrohr zu haben. Oder eine Leinwand. Je nach dem. Und darum glaube ich an die Wahrheit. In jedem Hochglanz und in jeder Talfahrt. Darum sind wir hier.

Kommentare

  1. Melanie

    Liebe Sassi! Genau so ist es. Aber dazu muss man sich hin und wieder mal selbst reflektierten, auch mit dem Risiko dass einem nicht immer gefällt, was man sieht... Man muss nicht alles und jeden lieben und bejubeln, denn es ist stets die eigene Entscheidung, ob man sich dann damit beschäftigen möchte oder manches einfach eine Weile ruhen lässt. Und mit veränderter Perspektive doch wieder Gefallen finden kann und will. Als ich gerade auch wegen so manchem mit mir selbst haderte, sang Katy Perry im Radio "This is a part of me" Recht hat sie! Und besonders viele Teile können wie ein Mosaik wunderschön zusammen ihre Wirkung entfalten. Und schon war ich meinem inneren Gleichgewicht ein Stückchen näher. Liebste Grüße, Melanie

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