Menschensgeschichten #1 – Stadtbahnbegegnung

Menschensgeschichten #1

Es ist kurz vor zwei. Nachmittags. Ich sitze mit dem Finchen in der Stadtbahn. Die kleine Maus hat heute ihren Termin zur U4. Sie schläft friedlich und ich spüre ihren warmen Atem.

An einer Haltestelle steigt eine junge Frau ein. Vielleicht in meinem Alter. Ich kann so etwas immer schwer schätzen. Sie setzt sich auf den freien Platz. Mir gegenüber. Sie blickt stumm aus dem Fenster. Und sieht ziemlich bedrückt aus. Ihre Traurigkeit erreicht mich sofort. Und nicht lange, da kullert eine kleine, unbemerkte Träne ihre Wange entlang. Nun, nicht ganz unbemerkt. Denn mir bleibt sie nicht verborgen.

Aus dem Augenwinkel schaut die Frau verstohlen zu mir hinüber. Ihr Blick bleibt haften. Am Finchen. Dessen süßer Mützenkopf ein wenig aus meiner Jacke hervorlugt. Einem Reflex folgend nicke ich der Frau lächelnd zu.

Als wär es ein Signal. Ein kleines Zeichen, das sie suchte. Sie fragt mich: “Wie alt?” Bekannte Frage. Ich höre sie fast täglich. “Dreieinhalb Monate”, antworte ich diesmal nicht ganz so mechanisch. Sie lächelt. Ernst gemeint und doch mühevoll.

“Ich bin vor drei Wochen selbst Mutter geworden, zum zweiten Mal”, beginnt die fremde Frau zu erzählen. An der Tatsache, dass ihr Baby in diesem Moment nicht bei ihr ist, ahne ich, dass ihre Geschichte keine leichte wird. “Meine Tochter kam 7 Wochen zu früh. Sie wurde geholt. Wegen wiederkehrenden Auffälligkeiten beim CTG. Ich wollte erst nicht, aber man redete immer wieder auf mich ein, dass es einfach sicherer wäre, wenn sie nun geboren würde. Per Kaiserschnitt. Eine natürliche Geburt wäre zu riskant. Man wisse ja nicht, was ihr fehlen könnte. Ich war verunsichert. Und hatte Angst um mein Baby. Na, und dann gings schnell. Ich hab sie gar nicht gesehen. Sie wurde gleich weggetragen. Erst viele Stunden später konnte ich zu ihr. Ich musste ja selbst versorgt werden nach der OP.” Ich nicke lautlos.

“Es hat sich herausgestellt, dass ihr nichts fehlte. Da hab ich mir natürlich Vorwürfe gemacht. Aber mittlerweile bin ich einfach froh, dass die Kleine gesund ist. Aber sie ist halt ein Frühchen. Und sie kämpft ganz schön. Das Atmen klappt mittlerweile gut. Und sie trinkt auch besser. Ihre Temperatur hält sie noch nicht. Darum liegt sie noch immer im Wärmebettchen. Jeden Tag, wenn ich die große Tochter in den Kindergarten gebracht habe, fahre ich ins Krankenhaus. Mit der abgepumpten Milch. Mach ich zu Hause. Und dann sitze ich bei meinem Baby. Manchmal liegt es auf mir. Und wenn ich wieder gehen muss, das ist dann schwer. Aber ich muss ja die Große abholen. Der Papa hat noch keine Elternzeit. Bekommt er erst zum geplanten Geburtstermin. Wenn er abends kommt, fahre ich manchmal nochmal ins Krankenhaus. Nachts bin ich zu Hause. Aber ich kann nicht schlafen. Es fühlt sich richtig ekelhaft an, dass mein Baby irgendwo Kilometer von mir entfernt schläft.”

Als sie das sagt, kullert gleich wieder eine Träne. Und ich merke auch in meinem Hals einen Kloß.

“Wenn sie sich weiter so macht, kann sie vielleicht nächste Woche nach Hause. Das wird der schönste Tag.” Sie guckt auf die Uhr. “Ich bin schon wieder viel zu spät. Ich muss die große Tochter spätestens um 14.00 Uhr aus der KiTa holen. Das schaff ich jetzt schon nicht mehr. Aber mein Baby war vorhin ein bisschen wach. Da konnte ich nicht gehen. Krieg bestimmt wieder n Kommentar. Gerne sehen die das nicht.”

Bis zum jetzigen Zeitpunkt habe ich kaum ein Wort gesprochen. Und an der nächsten Haltestelle muss ich schon aussteigen. Ich wälze die Sätze in meinem Kopf. Wie schließe ich das Gespräch jetzt ab? Was ich kann ich tun? Was kann ich sagen? Soll ich weiter mitfahren? Ein bisschen später zum Arzt? Der macht leider Mittagspause nach Finchens Termin. Das weiß ich.

“Ich kann mir kaum vorstellen, wie Sie sich gerade fühlen. Aber Sie tun, was Sie können und ganz bald, da bin ich mir sicher, können sie alles wieder aufholen. Noch ein ganzes Leben lang. Ich wünsche Ihnen wirklich alles Gute. Ich muss hier jetzt leider raus. Von Herzen alles Liebe für Ihre Familie. Und Danke.”

Dann öffnen sich die Türen. Und ich stehe in der kalten Winterluft. Danke, hab ich gesagt. Und wollte noch erklären, warum. Ich bin so dankbar, dass das Schicksal, oder wie auch immer man diese Fäden nennen möchte, immer wieder solche Knoten schafft. An denen sich zwei Menschen treffen. Genau zur richtigen Zeit. Ich bin zur Zeit so erschöpft und habe schwere Gedanken. Ich fühle mich manchmal allein und ausgelaugt. Und die Geschichte dieser Frau lässt das für einen Moment so nichtig werden. Denn ich habe ein gesundes Baby. Es kam pünktlich zum errechneten Termin. Wir durchlebten eine wundervolle Geburt und seitdem ist es immer bei mir. Und gedeiht ganz prächtig. Ich bin dankbar dafür. Und dankbar auch, dass ich es war, die dieser Frau gegenüber saß und ihr das Gefühl zu geben schien, sich mir anvertrauen zu können. In mir für ein paar Minuten ein offenes Ohr zu finden. Mehr konnte ich ihr nicht sein. Aber vermutlich war es alles, was es brauchte.

Diese Begegnung hallt noch immer nach. Sie ist vielleicht etwas literarischer geschildert. Aber ihr Kern bleibt. Und der hat mich tief berührt. Liebe Mütter (und Väter), die ihr eure Babys nicht gleich mit nach Hause nehmen könnt und konntet. Die ihr warten müsst, auf das unbeschwerte Glucksen im eigenen Heim. Mögen euch auf euren Reisen offene Ohren und haltende Hände begegnen.

Kommentare

  1. Avatar
    Matthias Doellert

    So, dann versuche ich jetzt mal einen Kommentar: Bei uns in Köln gibt es eine alte Strassenbahn mit dem Namen Finchen. Schau mal hier: http://www.hsk-koeln.de/fahrzeugsammlung/finchen.html Schönen Sonntagsausklang - Matthias

  2. Avatar
    Traumspruch

    ja, Straßenbahn fahren wäre auch mal was feines…*Lächel liebe Grüße

  3. Avatar
    Melanie

    Liebe Sassi! Ich hab da schon wieder was im Auge... Ich kenne diese Begegnungen nur zu gut und dieses Gefühl, wie es die eigene Situation relativiert und manchmal auch zurecht rückt. Deine Reaktion war großartig. Praktizierte Nächstenliebe. Und Müttersolidarität. Viel mehr passt nicht in eine solche Begegnung. Liebste Grüße, Melanie

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