Sie und ich

Ein Café. Draußen schneit es. Und ich stapfe durch das rieselnde Weiß. Es knirscht. Mein Atem formt Wolken. Ich bin eingehüllt und es ist leise. Die Kinder. Meine Heldenwesen sind zu Hause. Behütet bei ihrem Vater, dem Großartigesten. Das heute ist für mich. Nicht leicht, aber wichtig. Ich muss mich stellen. Am Anfang eines Weges.

Ich berühre die kalte Klinke. Öffne die knarzende Tür. Ein Glöckchen klingelt. Wie im Film, denke ich. Aber das passt. Suchend blicke ich mich um. Ein wenig Hoffnung, dass meine Augen nichts finden. Und ich weiter aufschieben kann.

Ihr Lächeln erkenne ich sofort. Nichts ist mir vertrauter. Gut sieht sie aus. Älter. Ein paar Fältchen. Aber solche, die das Lachen dir zeichnet. Sie wartet noch nicht lange. Sie hat die Hände in einander verwoben. Das macht sie immer, wenn ihr kalt ist. Ein paar Schneeflockenreste schimmern in ihrem Haar.

Ich gehe auf sie zu. Setze mich lautlos. Knöpfe meine Jacke auf und lasse sie auf die Stuhllehne sinken. Reibe meine Hände. Ihr Blick lässt mich nicht los. Ein Blick und sie weiß alles. Meine Vergangenheit, meine Gegenwart, meine Zukunft. Das ist ihre Gabe. Und Worte. Immer treffen sie ins Herz. Und darum bin ich hier. Wir müssen reden.

Sie: “Gut, dass du hier bist. Das ist der erste Schritt. Du hast es erkannt und willst dem begegnen.”

Ich: “Ich muss. Es ist zu wichtig.”

Sie: “Weiß er, dass du hier bist?”

Ich: “Nein. Aber er kennt mich. Er weiß, dass ich erst mich brauche. Und meine Gedanken.”

Sie: “Er ist gut. Vergiss das nie.”

Ich: “Du weißt, dass ich es endlich gemerkt habe? Wie schwierig alles war? Es ist?”

Sie: “Natürlich.”

Ich: “Und was nun?”

Sie: “Sprich es aus!”

Ich: “Ich habe meinem Mann zu wenig vertraut. Ihn als Vater begrenzt. Ihn ausgesperrt. Ich habe so viel geopfert. So viel gegeben. Und so lange allein.”

Sie: “Gut. Und nun fangen wir vorne an. Erzähl die ganze Geschichte.”

Ich: “Wir lernten uns kennen. Mit Schicksalsschlag und Wende. Einfach so war er da. Und blieb. Er war so überraschend. So voller Güte. Und so unvoreingenommen, wie ich es bis heute noch bei keinem sah. Er ließ mich sein wie ich bin. Und liebte mich bedingungslos. Liebt mich bedingungslos. Wir lebten lange in zwei Welten. Gemeinsam. Jeder mit seiner Freiheit. Und doch gab es so viele Berührungsstunden. Es war perfekt. Früher ungeahnt trug ich für ihn nach ein paar Jahren ein weißes Kleid. Mit Stolz.”

Sie: “Ich erinnere mich gut.”

Ich: “Und dann traf uns ein Wunder. Nicht so geplant. Sofort gewollt. Und während es wuchs und wir auf seine Ankunft warteten, da kam diese Möglichkeit. Sein Traum von beruflicher Freiheit. Zum Greifen nah. Jetzt oder nie. Er stand mit leuchtenden Augen vor mir. Sprudelte mit Ideen. Sagte offen, was es uns kosten würde. Es wäre eine große Verantwortung. Noch eine. Es würden ein paar wenige schwierige Jahre. Doch am Ende würde es das Wert sein. Und wir das schaffen. Ich spürte das. Und sagte zu. Mit Kopf und Herz.”

Sie: “Keine Zweifel?”

Ich: “Akut manchmal. Nie grundlegend.”

Sie: “Wie verlief es weiter?”

Ich: “Er betrat seine beruflichen Traumwege. Sie fraßen seine Zeit. Kosteten Kraft. Zerrten an seinem Fokus. Auf der anderen Seite war ich. Mit unserem Sohn. Und kämpfte meinen Kampf. Er weinte so viel. Er war so unruhig. Suchte Schlaf. Und weinte. Weinte mir ins Herz. Und oft weinte ich mit. Überfüllt mit Liebe, die ich kaum aushielt. Ich musste erst in sie hineinwachsen. Aber ich kam immer mehr an. Und er? Mein Mann? Der Papa? Kämpfte seinen Kampf. Jonglierte zwei Träume. Wollte da sein und konnte so oft nicht. Sah mich stolpern, sah wie ich immer wieder die Zähne zusammenbiss. Wie ich mich hineinfand. Und leiser wurde. Und irgendwann nichts mehr fragte. Weil etwas in mir ständig drohte: “Das musst du allein schaffen. Keine Hilfe. Nur du. Sonst hast du versagt. Du darfst nicht zur Last werden. Nicht zur Last. Er hat genug zu tun.”

Sie: “Kanntest du die Stimme, die da sprach?”

Ich: “Ja. Mit jedem Wort. Ich kenne sie, seit ich lebe. Mal lauter, mal leiser. Ich bin mit ihr groß geworden.”

Sie: “Es ist nicht deine Schuld. Du musst nur endlich stärker werden als diese Stimme. Lauter als sie. Darum bist du hier.”

Ich: “Ich weiß.”

Sie: “Und weiter?”

Ich: “Und so musste er oft zuschauen. Zuschauer seiner eigenen Familie sein. Sehen, wie ich unseren Sohn bis in die letzte Faser kannte. Wie er nach mir rief. Wie ich uns ein Heim schaffte. Wie ich nach einem Jahr wieder arbeiten ging. Gehen musste. Wie ich unserem Sohn zu essen gab, ihn beim Entdecken begleitete.”

Sie: “Durfte er denn gar nicht begleiten? Bist du sicher? Ich erinnere mich anders.”

Ich: “Doch. Da waren Momente. Gar nicht wenige. In denen er vorlas. In denen er etwas aufbaute. In denen er auf den Schultern trug. Küsste und lachte. Vater und Sohn bauten Liebe auf. Jeden Tag. In solchen Situationen. Sie bargen keine Gefahren. Keine Herausforderungen. Alles darüber hinaus konnte ich nicht abgeben. Nie.”

Sie: “Dabei hättest du oft nicht mal fragen müssen, stimmt’s?”

Ich: “Zu Beginn vielleicht. Aber er wusste, was ich zu stemmen hatte. Und immer wieder bot er mir an, zu helfen. So, wie es eben ging. Ich lehnte ab. Fast immer. Die Stimme. “Du allein. Keine Hilfe. Sei keine Last.” Sie übertönte alles. Auch ihn.”

Sie: “Hat er je aufgehört zu fragen?”

Ich: ” Nein, nie.”

Sie: “Er ist einer von den Guten.”

Ich: “Ich erkannte meine Kontrolle. Meinen Biss. Meine Mauern. Seinen Sohn und nun seine Tochter verwehrte ich ihm nie. Niemals. Nicht eine Sekunde. Aber ich wandte meine Augen kaum ab. Ließ ihm wenig Entscheidungen. Drängte ihn in meinen Weg. Dabei ist er Vater, nicht Mutter. Ich schottete mich ab. Drehte und drehte mich, um allen gerecht zu werden. Schwäche gab es nicht. Keine Last.”

Sie: “Wann hast du erkannt?”

Ich: “Vor Monaten schon. Diese Stimme. Sie machte mich zur Löwin. Mit einem Löwenherz für ihre Kinder und abseits davon einem einsamen Kampf.”

Sie: “Was willst du tun?”

Ich: “Ich habe der Wahrheit ins Gesicht gesehen. Sein beruflicher Traum ist wahr geworden. Er hat sich jeden Tag ein wenig mehr Freiheit erkämpft. Kann da sein. Und liebt das Vatersein mit jedem Atemzug. Und das darf er. Nun will ich mehr zuschauen. Ich lasse ihm seine Wege. Hier muss ich leiser werden. Er macht es gut.”

Sie: “So wird es bleiben.”

Ich: “Nun liegt es an mir. Und ich versuche lauter zu sein als die Stimme. Und auch wenn ich im Leben das Neinsagen lernen muss, so braucht es zwischen uns viel öfter ein Ja. Er fragt. Noch immer. Und ich muss Ja sagen. Ich bin keine Last. Ich darf auch zu zweit leben und schaffen. Ich will. Jetzt ist noch nichts zu spät. Ich kann es noch gut machen.”

Sie: “Du machst so Vieles gut. Du musst nur aus einem Schatten heraustreten. Ein Schatten, den du liebst. Aber du darfst anders sein als er. Lass ihn zu einer eigenen Person werden. Und du zu einer anderen. Vertrau auf dein Ja. Vor Jahren hast du es laut und deutlich gesagt. Alle haben es gehört. Du selbst am lautesten. Trag es weiter. Er ist deine Hilfe. Dann ist richtig. Du hast erkannt. Von nun an geht ihr wieder gemeinsam. Sag ja.”

Während ihrer letzten Worte hatte ich meinen Blick gesenkt. Auf meine Kaffeetasse. Sie war fast leer. Und oben zeichnete sich ein trockener Rand. Der alte Kronleuchter, der das Café zierte, seit ich denken kann, flimmerte im dunklen Sud. Ich schaue auf. Sie ist fort. Sie hat alles gesagt. Der Platz gegenüber ist leer. Nur die Spiegelwand. Leicht vergilbt. Sie lässt diesen Raum immer etwas größer wirken, als er eigentlich ist. Ich schaue in mein Gesicht. Keine Sorgenfalten mehr. Aber um die Augen schon ein paar von denen, die das Lachen zeichnet. In ein paar Jahren werden es mehr sein. Ich habe gesehen.

Kommentare

  1. Avatar
    Melanie

    Liebste Sassi! Ich bin tief berührt und bewegt. Wieder einmal. Was für eine wunderschöne Reflektion und Liebeserklärung ❤ Auch ich treffe diese Frau seit kurzem wieder sehr regelmäßig. Endlich wieder. So wichtig. So wertvoll. Und auch so lange vermisst. Liebste Grüße, Melanie

    1. Sassi
      Sassi

      Diese Treffen. Dafür. Schön, dass du die Zeit findest. Und sie. :-*

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