Ein Liebesbrief

Ich lese und höre oft, dass im Zuge einer Mutterschaft Freundschaften zerbrechen, sich Menschen aus den Augen verlieren. Manchmal mit einem großen Knall, manchmal ganz leise schleichend. Die Gründe dafür sind so individuell wie die Geschichten.

Auch ich musste mich in meinem Leben schon von Freundschaften verabschieden, musste mich von einst verbündeten Menschen trennen, musste so manchen gehen lassen. Das ist Leben. Es ist in Bewegung und stetiger Veränderung. Und nicht alles bleibt. Es gibt temporäre Wegbegleiter. Sie gehen ein Stück mit dir. Haben ihren Platz. Ihren Sinn. Und dann, nach einer Weile gehen sie wieder eigene Wege. Das kann weh tun. Oder erleichtern.

Durch meine Kinder aber, und das scheint ein seltenes Glück, habe ich keinen verloren. Vieles musste sich finden und es war durchaus mit viel Bemühen und Verständnis verbunden, aber nach über zwei Jahren, zwei Schwangerschaften, zwei Geburten und zwei wundervollen kleinen Menschen sind sie immer noch da. Diese Worte sind für euch. Mit Dank und Liebe. Ein Liebesbrief.

Ihr seid meine Familie. Meine zweite. Ihr kennt mich. Ich kenne euch. Dass was wir sind und was uns ausmacht, ist nicht glatt und hat keine Fassaden. Es hat Ecken und Kanten, es hat Fehler. Aber auch Glanz und Farbe. Und es steht felsenfest. Manchmal wankt es vielleicht. Aber kein Sturm konnte und kann es entwurzeln.

Ihr begleitet mich schon so viele Jahre. Manche noch länger. Ihr habt so viele meiner Geschichten geschrieben und ich fühle mich beschenkt. Da waren Reisen und Partys und Meilensteine. Da war jede Menge gutes Essen. Da waren Entscheidungen und Abschlüsse. Da waren Partner, die kamen und gingen. Wir blieben. Da waren Umzüge und trennende Kilometer. Da waren Worte. So viele Worte. Mit Mut und Zuspruch. Mit Kritik und Wut. Aber immer mit Liebe. Das war so viel. Und ist.

Vor zweieinhalb Jahren wurde ich schwanger. Es war eine Bombe. Sie krachten mitten in uns ohne große Ankündigung. Sie überraschte uns. Brachte Pläne durcheinander. So ist das mit dieser Nachricht. Nichts ist mehr wie es war. Etwas neues beginnt. Wir mussten uns alle erstmal neu sortieren. Bei dem einen ging das schneller, der andere brauchte mehr Zeit. Aber das ist verständlich. Ich konnte das zumindest verstehen. Meine Schwangerschaft war eine kleine Herausforderung, aber wir haben das gemeistert. Keinen von euch habe ich verloren. Und ich weiß leider, dass sich manche Freundschaften tatsächlich schon an dieser Stelle trennen.

Dann war er da. Mein geliebter Sohn. Ein neuer Mensch in unserem Kreis. Und aus mir wurde eine Mutter. Wieder fing die Welt an sich neu zu drehen. Da brauchte mich auf einmal jemand. Ganz und gar. Ich hatte einen neue Fokus. Wurde eine ganz andere Mama als wir uns das zusammen vorher so vorstellten. Meine Zeit wurde weniger. Ich war müde. Und überschwemmt mit neuen Emotionen. Es war tatsächlich keine so leichte Zeit für uns. Ich hab mir so manches mal mehr Verständnis gewünscht und ihr euch sicherlich so manches mal mehr Aufmerksamkeit. Die neue Balance muss sich erst finden. Es fielen blöde Sätze. Auf beiden Seiten. Wir alle mussten da hineinwachsen. Ich bin euch dankbar, dass ihr hineinwachsen wolltet. Dass ihr zugehört habt. Dass ihr mir Zeit gelassen habt. Dass ihr so manches mal flexibel wart. Dass ihr mir nicht reingeredet und mich nicht verurteilt habt, auch wenn ihr manches nicht nachvollziehen konntet. Das ist etwas Besonderes. Nicht selbstverständlich.

Und auch ich habe mich um uns bemüht. Wollte euch zeigen, was ihr mir bedeutet. Und eines Tages, wenn ihr selbst Kinder habt, werdet ihr verstehen, wie viel Wertschätzung in all den Kilometern, die ich mit Baby reiste, in all den kleinen Nachrichten, für die ich mir Zeit nahm, steckt. Was es heißt, sich nach einem langen Tag und schlaflosen Nächten nicht abends ins Bett zu legen, sondern wach zu bleiben, um mit euch zu telefonieren, euch zu hören. Weil ich es wollte und weil ihr es wert seid.

Wertschätzung und Respekt und Verständnis. Das sind unsere Wurzeln. Ich freue mich über eure Urlaube, möchte alles über eure Arbeit wissen, ich lausche und berede stundenlang die Partnergeschichten. Besuche euch, wann immer es geht. Ihr schickt aus fernen Städten Geschenke für meine Kinder. Geht mit uns auf den Spielplatz. Verbringt euren wohlverdienten Feierabend mit uns.

Wir führen unterschiedliche Leben, aber wir sind immer noch wir. Sich füreinander freuen ist eine seltene Gabe. Aber sie verbindet uns. Es ist nicht immer alles Gold. Streit gehört dazu. Aber am Ende glänzen wir trotzdem.

Ihr seid mein Anker. Mein Hafen. Ihr macht alles immer besser. Und ohne euch wäre ich nicht. Es ist egal, wie lange wir uns nicht sehen oder hören. Es sind die vielen Gesten im Alltag. Die kleinen Nachrichten. Das Foto. Der Gedanke. Ein Besuch. Ein Lied im Radio. Ihr seid immer und überall. Niemand kennt mich so gut. Durch euch fühle ich mich immer noch wie ich. Trotz der neuen Rolle.

Und eines Tages werden wir alt sein und zurückschauen. Und uns immer noch haben. Das weiß ich. Und wir wissen, dass wir hatten, was zählt.

Danke.

Dieser Beitrag entstand durch eine Idee von Wiebke von VerflixterAlltag. Vielleicht auch für euch auch eine schöne Möglichkeit, mal wieder einen Liebesbrief zu schreiben.

Kommentare

  1. Wiebke (Verflixter Alltag)

    Eine sehr schöne Umsetzung <3 Schön, dass Du mitgemacht hast!!! Ganz lieben Gruß, Wiebke

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