Familienberatung #1

Vor einigen Wochen war ich zum Gespräch bei meiner Frauenärztin. Ich erzählte ihr, dass ich mich so erschöpft und ausgelaugt fühle, im Alltag aber nicht überfordert. Ich erzählte ihr, dass die Ängste, die mich seit Jahren begleiten, sich sehr potenziert hätte und zur wirklichen Belastung für mich würden. Abgefertigt wurde ich mit den Worten “Das sind die Hormone. Bitte stillen Sie ab!”

Ich fühlte mich etwas vor den Kopf gestoßen. Ich stille gern, es erleichtert mir meinen Alltag ungemein und überhaupt. Ihre Worte halfen wenig.

Meine Hebamme war nicht ganz so ruhig und diplomatisch und machte ihrem Ärger richtig Luft. Unprofessionell war der klare Tenor. Sie ermutigte mich klar weiter zu stillen und begleitet mich da auch weiterhin. Ist bei mir ja nicht ganz so einfach. Zur weiteren Unterstützung empfahl sie mir die Familienberatungsstelle. Insbesondere eine Psychologin, die in der frühen Beratung viel Erfahrung habe und ganz direkt eine angesehene Spezialistin im Umgang mit frischgebackenen Müttern sei, wenn es um Geburtstraumata und Wochenbettdepression gehe.

Da ich ja derzeit beide Kinder bei mir habe, mussten oder durften mich beide begleiten. Vor Ort wurde das sehr zuvorkommend geregelt. Ich hatte das Finchen auf dem Schoß, während sich eine weitere Mitarbeiterin mit dem Puck in einem Spielzimmer beschäftigte. Die Tür blieb offen, so dass er meine Stimme hörte und jederzeit zu mir konnte, wenn er das wollte. Er wollte nicht. Diese Einzelbetreuung war einfach zu schön.

Der Gesprächstermin war auf eine Stunde festgesetzt. Zu Beginn sollte ich nochmal erzählen, warum ich denn genau da wäre und was man für mich tun könne. Also berichtete ich auch hier von meiner Erschöpfung, die manchmal so völlig überraschend auftaucht und von meinen allabendlichen starken Ängsten, erzählte von der Frauenärztin und ihrer “Diagnose” und ihrem Ratschlag zur Lösung. Ebenso wie schon meine Hebamme war auch die Psychologin regelrecht bestürzt über soviel Unsensibilität. Sie hat mich in meinem Bauchgefühl bestärkt, dass ich hier einfach nur “abgefertigt” wurde und sich keine Zeit genommen wurde, auf Ursachenforschung zu gehen, geschweige denn, mir überhaupt zuzuhören. Auch sie ist froh, dass ich weiter stille und da meinem Wunsch und Gefühl folge.

Dennoch meinte sie, dass meine geschilderten Probleme natürlich trotzdem ernst zu nehmen wären. Eine Wochenbettdepression schloss sie eigentlich sehr schnell aus. Weil außer der Erschöpfung und meinen Ängsten rein gar nichts darauf hindeuten würde. Ich bin meinen Kindern gegenüber aufmerksam und feinfühlig. Keine Spur von Trauer und Bereuen. Ich scheine lebenslustig und wach (so wach eine Mutter von zwei kleinen Kindern eben sein könne, hihi) und überhaupt durchaus geerdet. Es wird also um anderes gehen.

Sie fragte nach unserer Familiensituation, nach der Zeit, in der ich nun Mutter bin, nach Unterstützung, nach Finanzen und Berufen, nach den Kindern direkt. Naja einmal so ein Querschnitt eben. Und es fiel mir zum Glück nicht so schwer wie gedacht, ganz offen davon zu berichten.

Ich erzählte von den ersten Monaten mit unserem Sohn. Dass er ein intensives Baby war. Dass das Stillen ein langer, steiniger aber am Ende so lohnender Weg war. Erzählte von seinen Eigenheiten. Seinen Ängsten, seiner Feinfühligkeit. Ich erzählte von der Selbstständigkeit meines Mannes. Von seinem Lebenstraum, seiner beruflichen Verwirklichung. Dass ich sie trage und stolz bin, auch wenn mich das dazu zwang, nach einem Jahr Elternzeit wieder Vollzeit zu arbeiten und unser Familienleben größtenteils allein zu managen. Ich gab offen zu, dass das für uns als Paar eine Probe war. Mit harten Worten und Vorwürfen. Aber dass es ein Ziel gab und wir nun Stück für Stück den Lohn dafür bekommen. Ich erzählte von der zweiten Schwangerschaft, den Geburtsängsten, erwähnte kurz die traumatische Geburt des Pucks. Erzählte, dass ich einen Großteil dieser anstrengenden Zeit eben auch bereits wieder schwanger war. Ich erzählte, dass ich nicht so viel Unterstützung hätte. Im Notfall natürlich und meine Eltern und auch Großeltern tun, was sie können. Aber gerade meine Eltern sind noch sehr jung, haben selbst noch Kinder zu Hause und arbeiten beide. Meine Großeltern sind fit, nehmen den Weg zu uns in die Stadt aber nicht gern auf sich. Meine Freunde haben fast ausschließlich noch keine Kinder, genießen verdient ihr Leben und arbeiten natürlich auch einfach viel. Ich erzählte von der wundervollen Geburt des Finchen. Erzählte vom Ausfall unserer tollen Tagesomi. Erzählte von der krassen Phase der letzten vier Monate. Und betonte aber stets, dass ich es wieder so machen würde. Denn das stimmt. Ich liebe meine Kinder. Abgöttisch und ohne Forderung. Ich finde sie fantastisch, so wie sie sind und wünsche sie mir nicht anders. Aber dass ich mir um den Großen manchmal Sorgen mache, das sagte ich ehrlich.

Und so erzählte ich. Die Psychologin fragte. Fasste zusammen. Hakte ab und zu genauer nach. Sie war wahnsinnig respektvoll, lobte und lenkte ihren Blick auf das Positive. Das tat gut. Ich habe immer Angst, dass man schlecht von mir denkt oder mich verurteilt.

Am Ende war klar, dass wir in Zukunft also “zusammenarbeiten” werden. Sie entdeckt bei mir einen unglaublich ausgeprägten Hang zur Perfektion und den Drang, mir nichts zu verzeihen. Ich erkenne meine Schwächen, aber ich akzeptiere sie nicht. Ich gebe mir an allem, was um mich herum geschieht, die Schuld. Ich lebe mit der absurden Angst, dass mein Sohn durch eventuelle Fehler meinerseits so sensibel wurde. Ich bin chronisch übermüdet, weil ich wirklich seit fast 2,5 Jahren nicht länger als vielleicht mal 3 Stunden am Stück geschlafen habe. Ich erlaube mir keinen Fehltritt und ich erlaube mir kaum Hilfe. Und nachdem, was ich in den letzten zwei Jahren gewuppt habe, wundert sie Erschöpfung nun kein bisschen. Irgendwie offensichtlich, oder? Aber manchmal braucht man andere, zum mit-der-Nase-drauf-stoßen. Die Ängste werden wir angehen. Die Ursache suchen. Außerdem habe ich konkret um Hilfe dabei gebeten, den Mann wieder mehr einzubinden. Lange war er stark beruflich eingebunden, wenig da. Ich habe mir erst mit dem Puck, nun mit beiden Kindern eine Struktur aufgebaut. Einen Rhythmus. Einen Freundeskreis. Es läuft und funktioniert. Und nun, wo der Papa endlich wieder mehr könnte, fällt es mir sehr schwer, das alles zu öffnen und ihn wieder hineinzulassen. Ich dachte ernsthaft (ja, so verkorkst bin ich), sie würde mir da jetzt Vorwürfe machen. Aber sie fand das sehr verständlich, aber bestärkt mich darin, dass das kein dauerhafter Zustand bleiben kann.

Ganz konkret werden wir uns zuerst der Beziehung zwischen mir und dem Puck widmen. Dazu gibt es beim nächsten Termin auch eine Videoaufzeichung, während wir beide einfach ganz normal spielen. Diese wird dann ausgewertet. Das kostet mich sehr viel Überwindung, aber ich möchte das angehen und über meinen Schatten springen. Die Auswertung konzentriert sich ausschließlich auf das Positive und soll mich einfach wieder stärken. Ich höre so oft auf meine Intuition, auf mein Bauchgefühl. Reagiere so liebevoll und feinfühlig auf meinen Sohn, aber lasse mich dennoch schnell verunsichern. Oder verletzen. Und jeder kleinste “Fehler” lässt mich an mir als Mutter gravierend zweifeln. Und dann bin ich sozusagen permanent meinem Sohn eine gute Mutter. Mache so viel richtig. Und kann es mir gegenüber aber nicht schätzen. Und daran soll sich, nein, muss sich schleunigst etwas ändern. Außerdem wird er nebenbei auch gleich ein wenig beobachtet, da ja aufgrund seiner Auffälligkeiten auch von offiziellen Seiten sehr schnell über ihn geurteilt wird.

Nach gut einer Stunde verließ ich mit einem satten Finchen, das ich zwischendurch munter gestillt hatte und einem zufriedenen Puck die Beratungsstelle und hatte draußen in der Winterluft tatsächlich das Gefühl, ein bisschen tiefer ein- und ausatmen zu können.

Meine Pläne für 2017 waren ja, mehr Mut und Selbstbewusstsein zu gewinnen. Mich endlich um mich zu kümmern. Und ich denke, die ersten wichtigen Schritte sind gemacht. Wenn ihr wollt, werde ich ganz offen über den weiteren Verlauf der Beratung sprechen. Es ist ein so tolles, städtisches bzw. regionales Angebot. Kostenlos im Übrigen. Und ich möchte die Hemmungen nehmen, sich solche Unterstützung zu erlauben. Auch die Psychologin meinte, dass in 90% der Fälle die Familien erst kommen, wenn die häusliche Situation wirklich extreme Ausmaße annimmt. Und zwar so richtig extrem. Es gibt außerdem viele Vorbehalte gegenüber diesen Stellen. Sie werden zu Unrecht mit einer gewissen Klientel verbunden. Auch darum haben wohl viele Eltern Skrupel, dort einen Termin zu machen. Wie gesagt, ich berichte euch gern davon.

Und der erste Termin war mehr als wertvoll. Danke für das Gespräch. Diesmal wirklich.

Kommentare

  1. Hanna

    Liebe Sassi, Das ist wirklich mutig, so ehrlich darüber zu schreiben. Noch mutiger finde ich, zu dir selbst so ehrlich zu sein und Hilfe anzunehmen, obwohl die Situation noch nicht eskaliert ist. Ich wünsche dir alles Gute auf diesem Weg!

    1. Sassi
      Sassi

      Liebe Hanna, danke für deine Worte. Bedeutet mir viel. Es hat mich tatsächlich etwas Überwindung gekostet, meine Schwierigkeiten endlich anzugehen, aber zu diesem Weg kann ich jetzt gut stehen. Zu mir selbst zu stehen, das wird die Aufgabe. Und wir sind wirklich keine "Problemfamilie". Ich liebe meinen Mann. Habe loyale, wunderolle Freunde. Ich habe tolle Kinder, ich liebe sie, ohne jede Forderung und ohne Hürden. Ich finde sie fantastisch, genauso wie sie sind. Dennoch habe ich Sorgen, Ängste und Fragen, die mich entweder schon lange begleiten oder im Laufe meiner Mutterschaft gewachsen sind. So oder so sind sie noch händelbar. Und ich bin es mir und meiner Familie schuldig, das in den Griff zu kriegen. Und mit nun 30 habe ich auch einfach keine Lust mehr, so unsicher und ängstlich zu sein. Und das Wort "Nein" nicht zu kennen. Ich bin ganz dankbar, dass das hier so positiv aufgenommen wird. Und werde weiter gern berichten. Vielleicht stolpert ja auch mal jemand darüber, der seinen Mut noch sucht. Alles Liebe!

  2. Traumspruch

    liebe Sassi ,Ja herzlichen Glückwunsch zu deinem Mut! Und ja, Berichte darüber! Es müssen Hürden abgebaut und Brücken gezeigt werden; das ist ganz wichtig, denn du bist nicht alleine in dieser Situation herzliche Grüße Dagmar

    1. Sassi
      Sassi

      Liebe Dagmar, vielen Dank. Ich freue mich auf den Weg. Liebste Grüße, Sassi

  3. Melanie

    Liebe Sassi! Ich freue mich sehr zu hören, dass du nun in guten Händen bist. Wenn man sich aufmacht mutig neue Wege zu gehen, sollte man solch eine gute Begleitung gerne dazu nehmen. Ich bin mir sicher, es wird gut für dich / euch sein. Und bestimmt viel Erleichterung, Erstaunen und Selbstsicherheit mit sich bringen. Liebste Grüße, Melanie

    1. Sassi
      Sassi

      Liebste Melanie, tausend Dank. Solch positive Worte sind wohltuend. Ich bin wirklich sehr gespannt auf diesen Weg und bester Dinge tatsächlich nun in guten Händen zu sein. Liebste Grüße, Sassi

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