Familienberatung #2

Auf die große Leinwand

Gestern war der zweite Termin bei der Familienberatung. Vor zwei Wochen habe ich ja schon über die erste Begegnung dort berichtet und mein sehr positives Gefühl dabei. An eben jenem Tag hatten wir festgelegt, worum es in der folgenden Zeit gehen soll. Was wir anpacken wollen. Unsere Ziele, unsere Anliegen.

Zu allererst wünschte ich mir mal einen freundlichen aber neutralen Blick auf die Beziehung vom Puck und mir. Er ist ein wundervolles Kind. Gleichzeitig braucht er schon spezielle Zuwendung. Das fordert oft all mein Organisationstalent, all mein Feingefühl. Und an manchen Tagen bleibt am Ende nichts von mir übrig, so viel habe ich gegeben. Ich akzeptiere ihn. So wie er ist. Das möchte ich uneingeschränkt klarstellen. Er ist in vielem mein Ebenbild. Das macht es nicht leichter. Denn ich weiß, welche Hürden mir das in meinem Leben bescherte. Und manchmal, da hab ich Angst. Angst davor, wie die Welt ihn aufnehmen wird. Da wünsche ich mir weniger Ängste, weniger Sensibilität. Nicht, weil er so nicht sein dürfte, sondern, weil ich Angst davor habe, dass er es nicht leicht haben wird. Versteht ihr, was ich meine?

Das größte Problem ist nun aber, dass ich mir unendliche Vorwürfe mache. Da wohnt in mir nämlich diese Stimme. Eine miese, fiese, bohrende, schmerzende und alles zunichte machende Stimme. Die so Dinge spitzelt wie “Du bist Schuld, dass er so ist. Du hast ihn so ängstlich gemacht. Wegen dir behauptet er sich nicht. Wärst du stärker gewesen, wäre er es jetzt auch.” Ja, so ein Miesmacher begleitet mich.

Ich bin für meinen Sohn da. Immer. Und manchmal mehr als meine Kräfte wohl eigentlich zulassen. Und die Dinge, die ich tue, tue ich aus tiefster Überzeugung. Aber dann sind da auch manchmal Stimmen von außen. Die mich treffen und verletzen. Die es besser wissen wollen. Und auch wenn ich ihren Ratschlägen nicht folge, so verwunden sie mich trotzdem. Immer ein bisschen.

Und Fehler, die erlaube ich mir nicht. Aber natürlich passieren sie. Ich lebe, ich bin Mensch, ich habe Grenzen. Und ich nehme sie in Kauf, ich akzeptiere vielleicht sogar, dass sie da sind. Aber ich verzeihe sie mir nicht. Nie. Sie passen zu sehr in mein angeknackstes Selbstbewusstsein. Sie bestätigen mein verschwommenes Selbstbild.

Und weil ich mich als Mutter manchmal gar nicht mehr klar wahrnehmen kann, ist eines unserer Anliegen, mir dabei etwas unter die Arme zu greifen. Um in dieser Rolle wieder geerdeter zu sein. Und selbstbewusst.

Und eben diese Zielsetzung steht nun zuerst im Fokus. Und um das ganz ernsthaft anzugehen, diesen Blick von außen, sollten der Puck und ich gefilmt werden. Während wir ganz normal miteinander spielten. Ein großer Schritt für mich. Jemanden so in eine Beziehung hineinsehen zu lassen, ist eine Herausforderung. Es wurde aber von vornherein klargestellt, dass es immer um einen positiven Blick gehen würde. Also das Konzentrieren darauf, was gut läuft, was positiv heraussticht.

Gestern also war es dann soweit. Der Mann hatte sich extra den Vormittag freigeschaufelt, um das Finchen zu bespaßen, so dass ich mich voll und ganz auf unseren Sohn konzentrieren konnte. Die Räumlichkeiten der Beratungsstelle beinhalten ein liebevoll eingerichtetes Spielzimmer. Die Psychologin baute die Kamera auf, der Puck suchte sich gezielt ein Spiel heraus und dann spielten wir. Ganz vergessen konnte ich die Kamera nicht, aber sie war zumindest nicht sonderlich präsent. Unser gemeinsames Spiel war also wirklich authentisch. Nach einer Weile wurde zu einem passenden Zeitpunkt die Kamera abgeschaltet, der Puck spielte alleine weiter und ich setze mich mit der Psychologin an den Tisch. Sie fragte mich, ob das Spielen zu Hause auch so ablaufen würde. Ich bejahte das. Zu Hause gäbe es aber natürlich eher selten diese Exklusivmomente. Meist sei ja noch das Baby dabei.

Die Psychologin berichtete, sie hätte eben eine ganz und gar ruhige, geduldige und besonders feinfühlige Mama erlebt. Ich hätte mich liebevoll zurückgenommen, wann immer es passte und mich eingebracht, wann immer gewünscht. Ich würde mich viel Bedacht sprechen. Kein Wort zuviel. Und diese Ruhe und Verbundenheit war eine Wohltat. So sagte diese Frau, dir mir da gegenüber saß und sie fragte, wie ich denn diese Zeit jetzt wahrgenommen hätte. Ich war zugegebenermaßen ein wenig beschämt und ziemlich überfordert ob dieser herzlichen Worte. Ich sagte wahrheitsgemäß, dass mir die Ruhe auch aufgefallen wäre. Also positiv. Und dann, meldete sich wieder diese Stimme zu Wort, die mir auch keine Komplimente zugesteht. Ich begann einzuschränken. Wenn der Puck und ich spielten, dann liefe das schon genauso ab, aber zu Hause wären da ja dann noch die Kleine und meine Verpflichtungen und der Haushalt und dann müsste ich nebenbei eben auch mal etwas anderes machen. Dann wäre ich natürlich nicht mehr im gleichen Maße zugewandt.

Die Psychologin hörte zu. Und dann stellte sie fest: “Frau N., es wird um sie gehen. Sie müssen lernen, sich zu sehen. Und so anzunehmen. Auch im Guten. Dass sie einen Alltag haben ist klar. Lenken Sie ihren Blick auf Momente, wie diese wundervolle Zeit, die sie eben mit Ihrem Sohn verbracht haben. Betrachten Sie ihren Tag von Augenblick zu Augenblick. Und ich bin mir sehr sicher, dass sie tausend gute finden.”

Sie wird die Videosequenz noch einmal in Ruhe allein und anschließend nochmal mit einer Kollegin auswerten. Der nächste Termin ist darum erst wieder in 3-4 Wochen. Dort werden wir dann gemeinsam in die Sequenz schauen. Außerdem wird sie versuchen, ein schönes Bild zu finden und es als Foto ausdrucken. Das soll zu Hause einen gut sichtbaren Platz bekommen und mich jederzeit an all diese perfekt liebevollen, an diese guten Momente erinnern.

Und dann wird es im Folgenden weiter im mich gehen. Zwei große Handlungsfelder stehen nun noch aus. Zum einen wird das mein Selbstbild, mein Selbstbewusstsein, mein zwanghafter Perfektionismus und meine Ängste sein. Das wird vermutlich letztendlich die Wurzel sein. Und nach den letzten zwei Jahren, die ich mich jetzt in der Bloggerwelt bewege, weiß ich, ich bin damit gar nicht so allein.

Zum anderen rückt auch noch die Dynamik zwischen mir und meinem Mann in den Mittelpunkt. Denn, nach den letzten Jahren, in denen uns seine Selbstständigkeit und so ein, zwei Unglücklichkeiten viele Nerven, viele Entbehrungen und viele Worte gekostet haben, fällt es mir schwer, ihn wieder richtig in unsere Struktur einzubinden. Ich jongliere mit so vielen Tellern. Es ist wackelig, aber ich habe eine Art Balance gefunden. Sie drehen sich zumindest alle. Und bleiben in der Luft. Und es fällt mir nicht leicht, Teller abzugeben. Aus Angst, dass ich aus dem Gleichgewicht komme. Ich kann keine Hilfe einfordern. Ein Nein kommt mit wirklich so gut wie nie über die Lippen und ich kann die Momente, in denen ich Unterstützung zuließ oder gar Momente zum Aufatmen nur für mich hatte, fast an einer Hand abzählen. Vielleicht an zweien. Und in den letzten 6 Monaten waren da eigentlich keine. Zu viele Teller, die sich drehen mussten. Es waren trotzdem durchaus sehr schöne 6 Monate, aber eben auch sehr, sehr anstrengende. Ohne großartige Verschnaufpausen. Aber wann immer ein Punkt erreicht ist, an dem ich wirklich Hilfe einfordern sollte, meldet sich wieder, ja genau, diese Stimme. “Wenn du dir helfen lässt, dann hast du versagt. Schaffst es nicht allein, was? War ja klar. Schwächling!” Und dann beiß ich mich lieber durch, als mich wie ein Versager zu fühlen. Als Schwäche zuzulassen.

Aber mittlerweile bin ich diese Stimme leid und darum soll an ihr gearbeitet werden. Nein, an mir. Damit ich sie dahin schicken kann, wo sie hingehört. Weit weg. Oder ich muss ihr neue Sätze beibringen. Warme. Voller Anerkennung. Und Zuspruch. Wie auch immer der Weg sein wird. Ich muss selbstbewusster werden. Mutiger. Netter zu mir selbst. Und für eben dieses Ziel ist die Familienberatung bisher wirklich eine ganz wundervolle Möglichkeit.

Ich kann euch nur ermutigen, dieses Angebot zu nutzen, wenn ihr an Punkte gelangt, an denen ein solch wohlwollender Blick von außen wertvoll werden kann. Viele Familien werden geschickt, oder wenden sich nur in äußerster Not an diese Stellen. Oftmals, wenn vieles auch zu spät ist. “Fälle”, wie den unsrigen gäbe es viel zu selten, sagte die Psychologin. Familien, die vielleicht punktuell mal straucheln und die für eine zeitlang von einem liebevollen Wegbegleiter profitieren. Ich habe zwei wunderbare Kinder, einen Mann, den ich liebe und der mich liebt, ein Heim, so langsam auch eine Heimat, ich habe fantastische Freunde und wir haben alles, was wir brauchen. Und doch ist da ein bisschen Schieflage und eine Mama, die wohl viel zu oft, viel zu sehr zweifelt und sich dabei Kräften beraubt, die sie dringend braucht. Und eben diese Mama ist über ihren Schatten gesprungen und hat sich ein bisschen Unterstützung geholt, um alles wieder gerader zu rücken. Traut euch auch, wenn ihr das mal braucht.

To be continued…

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.