Wer war ich? Wer bin ich?

An diesem Wochenende war ich wieder mit beiden Kindern auf Reisen. Ich liebe es, unterwegs zu sein. Und solche kleinen Ausflüge oder Kurzurlaube geben mir unglaublich viel. Die Eindrücke und Begegnungen.

Diesmal verschlug es uns nach Frankfurt. Der Heimatstadt meines lieben Mannes. Die Fahrt dauert ungefähr drei Stunden. Ich lege Fahrten so, dass die Reisezeit mit dem Mittagsschlaf des Großen zusammenfällt, so dass er einen guten Teil einfach verschläft. Und wenn man, also ich, sehr viel Glück hat, dann schlafen beide Kinder sogar gemeinsam. In der Tat war mir eine ganze Stunde vergönnt. Und da ich in dieser Zeit nichts weiter tun konnte, als Auto zu fahren und an meinem Kaffee zu nippen, startete ich ein lang nicht mehr gehörtes Album.

Und zack, war da nicht nur die Straßenreise, sondern auch eine durch die Zeit. Etwas, das Musik bei mir sofort schafft. Erinnerungen wecken. Gefühle, Gedanken. Manchmal sogar Gerüche.

Besagtes Album hörte ich intensiv in einer anderen Zeit. Einer Zeit vor meiner ersten Schwangerschaft. Eine Zeit voller schicker Klamotten, Unabhängigkeit, Reisen. Eine Zeit voll beruflicher Hingabe. Eine Zeit zum Ausgehen und nächtelanger Gespräche. Eine Zeit in einem anderen Körper. Und all das weckten die Töne, die da durch das Auto klangen und die mich entführten.

Und ich begann zu grübeln. Wie viel von dieser Frau, die ich einst war, wie viel von ihr saß noch hier? Wer war ich geworden? Was war noch übrig? Und, war es gut so?

Als Mutter wurde ich neu geboren. Es war der Anfang von etwas Gewaltigem. Und es veränderte mich. Oder beschien zumindest Seiten an mir, die mir bisher verborgen blieben. In den ersten Wochen wollte ich das nicht. Ich klammerte mich an die, die ich bis dahin war. Ich wollte beweisen, dass ich nicht eine “von denen” war. Eine von denen, die sich selbst vergessen. Und ihre Freunde. Eine von denen, die nur für ihr Kind lebt. Die sonst nichts mehr hat. Meine Freunde sollten sehen, wie ich dieses Mutterding so quasi nebenbei mal eben erledige. Ich selbst wollte es sehen.

Ja, auch das war ich. Furchtbar naiv. Nämlich. Ich kämpfte gegen mich selbst. Und es ging mir nicht gut. Denn ich war nicht mehr dieselbe. Wer eine Geburt erlebt, ist nicht mehr dieselbe. Wer durchschwämmt wird mit der Liebe und der nackten Angst einer Mutter, ist nicht mehr dieselbe. Wessen Herz in tausend Stücke bricht vom Weinen des eigenen Babys, der ist nicht mehr dieselbe. Und jeden Tag, mit der Geduld und Unterstützung meiner Hebamme, akzeptierte ich das ein bisschen mehr. Und nach einiger Zeit nahm ich diese neue Rolle gänzlich an. Ich, die Mutter. Es war gut.

Da war erstmal mein Baby natürlich. Eines, dass mich besonders forderte. Jeden Zentimeter und jede Sekunde von mir vereinnahmte. Und in dieser ersten Zeit hatte ich oft das Gefühl, dass nicht mehr viel von mir da wäre. Aber Stück für Stück fand ich zu mir.

Was mich ausmacht, war noch immer da.

Ich bin fürsorglich und hilfsbereit. Ich bin da, wenn man mich braucht. Immer. Und bedingungslos. Ich hinterfrage und verurteile nicht. Ich stehe zur Seite. Mit ehrlichen Worten oder ganz leise. Wie gebraucht.

Meine Eigenschaften waren dieselben. Nun aber besonders für diesen kleinen Menschen.

Und das war ich nun für mein Baby. Denn es war einfach der Mensch, der mich in dieser Phase meines Lebens am dringendsten brauchte. Ich war fürsorglich und liebevoll. Hinterfragte nicht. Sondern hörte auf die Bitten. Ich war einfach da. Und das ist bis heute geblieben. Das bin noch immer ich.

Ich bin immer noch Freundin.

Meine Freunde sind wie meine Familie. Sie sind mein Leben. Ohne sie könnte ich nicht sein. Und ich fühle mich unglaublich reich, weil ich das sagen kann.

Ich bin nicht mehr ganz so spontan, nicht mehr ganz so frei. Mich gibt es nur selten allein. Aber ich bin noch immer da. Unsere Geschichten nimmt uns keiner. Das, was uns verbindet auch nicht. Da sind noch immer so lange Gespräche. Und ganz viele Gedanken. Immer mal. Immer wieder. Und eine kleine Nachricht. Es fühlt sich gar nicht so anders an.

Ich bin immer noch Ehefrau.

Diese Rolle hielt sich am längsten erstmal bedeckt. Denke ich. Sie nicht aus den Augen zu verlieren, war eine Herausforderung. War auch Arbeit. Unsere Partnerschaft hat sich verändert. Sie ist dezenter. Aber auch fester. Sie wartet auf ihre Zeiten und ist dann besonders intensiv. Auch wir haben Geschichte. Aber auch eine Gegenwart und eine Zukunft. Und das Kribbeln ist geblieben.

Ich mag noch immer die gleichen Dinge.

Musik begleitet mich weiter. Sie gibt mir noch immer viel. Es fehlt manchmal an Zeit. Aber wann immer sie da ist, hat sie mich sofort. Ich höre sie noch gleich. Ein bisschen neue Musik ist auch dazu gekommen. Neue Lieder. Kinderlieder. Es sind die Töne, die meinen Sohn und meine Tochter eines Tages auf Zeitreise schicken werden.

Damals. Nie ohne Musik.

Ich mag Mode. Ich bekomme nicht mehr so viel mit. Kaufe seltener ein. Ich kleide mich im Alltag unspektakulärer. Aber auch das kommt langsam wieder. Ich habe noch Spaß daran.

Ich liebe Essen. Ich gehe nicht mehr oft aus. Aber mein Mann und ich, wir haben Sofadates. Abends. Mit Lieferdienst, fantastischem Essen aus Schachteln und, wenn wir Glück haben, zwei schlafende Kinder.

Ich bin noch auf Reisen. Mit weniger Entfernung vielleicht. Keine Weltenbummlertouren. Dennoch erfüllend und voller Leben. Mit wundervollen Menschen. Mit neuen Eindrücken. Mit Kennenlernen. Oder Wiedersehen. Ich genieße das noch immer. Nun eben zusammen.

Mein Körper ist anders.

Ich habe zwei Schwangerschaften in nicht allzu großem Abstand hinter mir. Ich stillte und stille. Zwei Geburten haben ihre Spuren hinterlassen. Ich habe noch immer ein paar kleine Pfunden behalten. Meine Haare sind dünner. Mein B*usen und mein Hinter haben sich mit der Schwerkraft verbündet. Meine Augenringe erzählen von durchwachten Nächten. Und auch wenn ich stolz bin, auf das, was mein Körper geleistet hat und noch immer leistet, denke ich mich Wehmut an meine sportliche Figur. Nein, ich bin nicht immer zufrieden. Aber manchmal, wenn ich ein altes Lieblingsoutfit trage, tatsächlich so etwas wie eine Frisur habe und ein bisschen Lippenstift auflegen konnte, ist da wieder etwas mehr Körpergefühl. Aber anders wird es sich wohl immer anfühlen.

Manches habe ich zurückgelassen. Zum Glück.

Ich bin geduldiger geworden. Um Welten. Ich kann meinen Kindern alle Zeit geben. Ich dränge selten. Ich bin ein kleines bisschen selbstbewusster geworden. Und mutiger. Der Weg ist noch lang, aber in die richtige Richtung gehe ich schon. Ich bin ein wenig stolzer auf mich. Ich kann mehr Liebe zulassen. Ich bin nicht mehr ganz so rastlos. Fühle mich etwas geerdeter. Das ist etwas Neues. Und ich heiße es herzlichst willkommen.

Wer war ich? Wer bin ich?

Man verändert sich immer. Sein Leben lang. Muttersein oder nicht. Aber dieser Einschnitt war wohl der der deutlichste. Ich bin ich geblieben. Mehr als ich dachte. Mich macht noch immer aus, was mich auch vorher schon gezeichnet hat. Ich habe doch vieles mitgenommen. Mir ist viel geblieben. Manches ließ ich zurück. Aber das ist wohl auch gut so. Ich habe Neues entdeckt. Beides musste sich erst finden, das Alte und das Neue.

Und der völlige Einklang, der ist noch nicht erreicht. Aber das wird. Manches ist gerade eben etwas mehr im Hintergrund, anderes tut sich vor. Alles zu seiner Zeit. Da ist es trotzdem. Und macht mich zu der, die ich bin. Frau, Mutter, Ehefrau, Freundin, Musikerin, Beraterin, Reisende. Und noch mehr. Das war ich. Das bin ich.

Und ihr? Was habt ihr mitgenommen? Was zurückgelassen?

Kommentare

  1. Avatar
    Melanie

    Liebe Sassi! Wie immer so schön geschrieben. Mir geht es mit der Musik genau so. Sie schickt mich immer auf die Reise. Wie Kurzurlaub. Ich liebe das so sehr. Ich denke ich bin die geblieben, die auch schon vorher war. Nur ruhiger, innen drin. Ich bin angekommen. Mein Mann und meine Söhne sind mein Anker. Sie erden mich. Sie machen mich komplett. Dafür liebe ich sie so sehr. Einige Gewichtungen haben sich verschoben, aber das tun sie immer wieder. Zum Glück. Nur das Reisen traue ich mich noch nicht so richtig. Aber vielleicht muss man da auch einfach mal die Bedenken beiseite schieben und machen. Und sich dann freuen! LG, Melanie

    1. Sassi
      Sassi

      Liebste Melanie, wie immer so schön geantwortet.

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