Menschensgeschichten #2 – Späte Heldin

Menschensgeschichten #2

Schon meine erste Geschichte dieser von mir erdachten Reihe spielte sich in einer Bahn ab. So auch diese.

Liebe unbekannte Mutter,

es ist schon ein paar Jahre her. Ich war noch Studentin und fuhr für ein Wochenende nach Hause. Wie du ausgesehen hast, daran kann ich mich nur schemenhaft erinnern. Du hattest ein freundliches Gesicht. Und Locken. Das weiß ich noch. Du reistest zusammen mit deinem Sohn. Er war zwischen drei und vier Jahren alt. So vermute ich. Ihr saßt mit all uns anderen Fahrgästen im Großraumabteil. Die Fahrt sollte einige Stunden dauern.

Und da saßen wir nun alle. Zufällig zusammengewürfelt. Ich holte meinen Laptop aus der Tasche und begann mich einer Seminararbeit zu widmen. Na gut, ich schaute erst ein paar Folgen Gilmore Girls. Aber dann vertiefte ich mich.

Du spieltest mit deinem Sohn. Erst irgendein Kartenspiel. Dann wurde gemalt. Erzählt. Ein paar Runden durch den Zug gelaufen. Irgendwann wart ihr eine Weile unterwegs. Vermutlich, um etwas zu essen. Es war nicht leise, aber ganz und gar harmonisch.

Die Zeit verflog, ich arbeitete, Menschen stiegen ein und aus. Und du widmetest dich deinem Sohn. Gegen Ende der Fahrt wurde er unruhiger. Eine bereits längere Reise saß ihm in den Knochen. Seine Geduld war einfach aufgebraucht. Seine Laune verschlechterte sich zusehends. Schlussendlich war dann wohl nur ein Funke der Auslöser. Er begann zu weinen, aufzustampfen und in den Sitz zu boxen. Ein klassischer Wutanfall. Du bliebst ruhig und sprachst leise. Dein Sohn weinte weiter. Erste Menschen fühlten sich gestört und grunzten hörbar. Du bliebst ruhig. Die Minuten vergingen. Eine ältere Dame machte einen hörbaren “Witz” über die Situation. Über “Mütter heutzutage” und “fehlende Disziplin” und “früher”. Eine andere Frau fragte direkt, ob du nicht bitte mit deinem Sohn mal rausgehen könntest. Ich gebe zu, ich war damals auch ein wenig genervt. Ich wollte unbedingt ein wichtiges Kapitel meiner Arbeit zu Ende bringen, denn ich wusste, zu Hause würde ich nicht dazu kommen. Ich hätte nie was gesagt, denn mir war klar, dass dein Sohn einfach nur ein Kind war. Am Ende seiner Geduld. Dafür konnte niemand was. Aber mein kinderloses Ich schwebte damals noch in seinen ganz eigenen Vorstellungen. Irgendwas mit “Grenzen setzen” und so. Gedanken, die mir heute noch sehr leidtun.

Du wartest einfach ab. Und als dein Sohn langsam etwas ruhiger wurde, nahmst du ihn auf den Schoß. Dort weinte und schluchzte er noch ein wenig weiter, wimmerte schließlich nur noch und hatte sich bald gänzlich. beruhigt. Noch eine Weile saßt ihr noch so da und irgendwann kramtest du ein Buch aus deiner Tasche und dein Sohn erzählte fröhlich. Es war ein Buch von Rabe Socke. Das weiß ich noch.

Liebe unbekannte Mutter, du bist meine späte Heldin. Heute, Jahre später, bewundere ich aus tiefstem Herzen für das, was du damals konntest. Ruhig bleiben, begleiten, ernst nehmen, abwarten, da sein. Und das nicht zu Hause, in den eigenen vier Wänden. Sondern in diesem Abteil. Unter den Augen und Ohren so vieler Menschen. Die sich gestört fühlten und alles besser wissen wollten.

Ich wusste nicht, wie es sich anfühlt, ein Kind zu haben. Wie es ist, rund um die Uhr gefordert zu sein. Wie viel Liebe man empfindet. Wie sehr all die grundlegenden Überzeugungen, die man jahrelang hatte, in einer Tonne verschwinden. Wie schwer es ist, mit solch lauten und heftigen Emotionen klar zu kommen. Wie schwer es ist, sich gegen all die Stimmen von außen  zu behaupten. All das wusste ich nicht. Du schon. Du warst bei dir. Und bei deinem Sohn.

Und darum gehen diese Worte an dich. Denn heute weiß ich. Und heute würde ich an deiner Seite stehen. Dir zulächeln. Und applaudieren. Und all die sich gestörten Herrschaften nach draußen bitten, bis sie sich wieder beruhigt haben.

Deine Sassi.

 

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