Du und mein Sohn

Ich kenne jemanden, der ist Autist. Er ist ein wunderbarer, ewiger Bestandteil meines Lebens. Er ist so eigen wie wir alle. Aber seine Eigenheit scheint für viele weniger akzeptabel. Seine Eigenheit muss sich ihre Berechtigung immer wieder erkämpfen. Zum Glück hat er Menschen, die das mit ihm gemeinsam tun. Kämpfen. Aber auch ruhen und einfach ohne große Aufregung annehmen, was ist. Denn schließlich ist er nur so eigen wie wir alle.

Heute ist Welt-Autismus-Tag. Ein Tag, der aufmerksam machen soll. Ein Tag für dich. Und für dich sind diese Zeilen.

Denn, weißt du, dass du für meinen kleinen Sohn ein ganz großer Held bist? Weißt du, dass er mit leuchtenden Augen von dir redet? Dass sein junges Herz vor Freude tanzt, wenn er erfährt, dass ihr euch sehen werdet? Ich glaube, du weißt es. Und ich glaube, dass dir das gefällt. Ich jedenfalls finde es unglaublich schön.

Mein Sohn hat viele wundervolle Menschen in seinem Leben. Omas und Opas, Tanten und Onkel, unsere Freunde, seine Freunde, Nachbarn. Und alle schätze ich jede Minute. Sie haben ihre eigene Beziehung zu ihm aufgebaut. Aber weißt du, eure Verbindung finde ich einzigartig. Ich beobachte euch mit Faszination und Bewunderung. Du bist ein besonderer Begleiter für ihn.

Mein Sohn ist zwei. Das ist ein herausforderndes Alter. Vielleicht hast du das schon mal gehört. Ich bin meist entspannt und auch geduldig in einer Weise, wie man sie mir kaum zugetraut hätte. Ich wohl am wenigsten. Aber manchmal gibt es da Grenzen. Das macht der Alltag, das Leben und die Liebe nun mal so.

Aber wenn ihr beide zusammen seid, dann ist das anders. Dann ist da so viel Ruhe und Erdung. Du stellst keine Erwartungen, du forderst nicht, du sagst nie Nein. Das liegt in deiner Natur. Dir ist es lieber, wenn jemand anders vorweg geht, Vorschläge macht und Richtungen andeutet. Du beobachtest gern und hörst immer zu. Du unterbrichst nicht. Sagst wenig, nie ein Wort zu viel. Du liebst die Sprache, aber sprechen dürfen gern die anderen. Du bist so aufmerksam, siehst viele Details, die mir im Trubel schnell untergehen. Du liebst die Wiederholung. Du verstehst die Welt auf eine ganz eigene Weise und deine Filter, sind denen meines Sohnes nicht unähnlich. Du wartest ab. Gibst alle Zeit. Du hast es nie eilig. Du brauchst Rituale und Rhythmus und fühlst dich in ihnen sicher. Keineswegs eingeengt oder fremdbestimmt.

Und so sitzt ihr da, im Zimmer meines Sohnes. Und ich beobachte. Und ich sehe einen mittlerweile jungen Mann, der meinem Sohn ganz viel Raum lässt. Der geduldig jedes Spiel verfolgt. Der ihm nichts verbietet, ihn einfach machen lässt. Der ihn in seinem kleinkindlichen Rededrang nicht bremst. Der ihn nicht treibt. Der die Details versteht. Der wartet und sich mitströmen lässt. Der unbekanntes Gemüse aussortiert. Und der jeden Morgen sein süßes Brötchen einfordert, weil es schon immer so war.

Gleichzeitig sehe ich meinen Sohn. Ohne Wut. Ohne Weinen. Ohne laut. Sondern mit Freude und Ruhe. Versunken in eurem Zusammensein, eurem Spielen, seinen Erzählungen. Nie, aber auch wirklich nie geratet ihr aneinander. Weil ihr euch keine Erwartungen stellt. Ihr lebt und lasst gemeinsam. Es ist ein Phänomen.

Die Welt ist nicht schwarzweiß. Die Welt ist bunt. Voller Einzigartigkeit. Und das ist ein Geschenk.

Ein bisschen muss ich dir helfen. In der Struktur drumherum. Du möchtest direkte Anweisungen. Das ist Teil deines Lebens. Dass eben nicht alles so selbstverständlich ist wie bei anderen. Aber ein bisschen Hilfe braucht jeder irgendwo. Das ist ganz in Ordnung.

Heute ist Welt-Autismus-Tag. Ein Tag, um aufmerksam zu machen. Ein Tag für dich. Ein Tag, um zu sagen, was für ein wunderbarer Mensch du bist und dass ich kaum stolzer auf dich und das, was du geschafft hast, sein könnte. Ein Tag, um dir zu sagen, dass es mir bis heute viel bedeutet, eine der wenigen Personen gewesen zu sein, mit denen du in den ersten Jahren deines Lebens gesprochen hast. Ein Tag, um dir zu sagen, dass du und mein Sohn ein wundervolles Team seid. Und dass du im Umgang mit Kindern etwas besitzt und etwas verstanden hast, was vielen anderen Menschen oft schwerfällt. Annehmen. Raum geben. Leben und lassen.

Ich hab dich lieb.

 

Dieser Text wird nun auch mein Beitrag zum scoyo ELTERN! Blog Award 2017. Weil ich mich über jeden freue, der von diesem wundervollen Menschen liest, der mein Leben schon so viele Jahre bereichert.

http://www-de.scoyo.com/eltern/scoyo-lieblinge/eltern-blogs/ELTERN-Blog-Award-2017

Kommentare

  1. Christian

    Hallo Sassi, mal ganz ehrlich: hast du schon mal ein Buch veröffentlicht? Oder sogar mehrere? Ich würde sie alle kaufen, egal welches Thema. Danke für deinen wunderbaren Blog! Viele Grüße, Christian

    1. Sassi
      Sassi

      Hallo Christian, das ist aber wirklich sehr, sehr nett von dir. Tatsächlich gibt es mich noch nicht in Buchform. Aber sollte es je so weit kommen, erfahrt ihr es hier als erstes. Lust darauf hätte ich sogar. Mal schauen, wie das Leben so für mich spielt. Vielen Dank nochmal für deine lieben Worte, Sassi

  2. isabelle

    So ein wunderbar warmer Text voll Liebe und schlauem Beobachten.

    1. Sassi
      Sassi

      Vielen Dank. Ich mag diese kleinen Geschichten des Lebens. <3

  3. 13 Miniportraits ::: Die Finalistinnen des scoyo Eltern! Blogaward 2017

    […] findet ihr ihren Text Du und mein Sohn und zur Abstimmung für ihren Beitrag geht es hier […]

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