Einmal ich, 1000 Gefühle, 1000 Erinnerungen

Wenn ich mich erinnere, dann mit allem. Dem Herzen, dem Kopf, den Augen, der Nase, den Ohren, dem Bauch.

Ich weiß, wie es war. Im Kindergarten. Als ich einmal nicht schlafen konnte, so fest ich die Augen auch zudrückte. Und wie meine Erzieherin das sah, mich flüsternd zu sich winkte und ich bei ihr bleiben durfte, während alle anderen Mittagsschlaf halten mussten. Weil es damals so war. Und wie ich heimlich von ihr ein Bonbon bekam. Es war rosa und schmeckte nach Seife. Aber in diesem Moment schmeckte nichts besser als Seife. Und da saß ich. Wach. Und es war ganz, ganz still. So still, dass es irgendwie in den Ohren dröhnte. Und es war schön.

Ich weiß, wie es war. Mein Klassenzimmer. Es war morgens immer ein bisschen zu kalt. Und im Laufe des Tages irgendwann immer ein bisschen zu warm. Es war alt. Roch nach Staub und abgeblättertem Holzlack. Es hatte riesige Fenster. Zu beiden Seiten. Aber ohne Gardinen. Gemütlich war es nicht. Und es hat gehallt. Aber ich war dort gern. Meistens. Wegen meiner besten Freundin. Die immer nach Erdbeeren roch. Sie hatte rote Haare und Sommersprossen und wir saßen fast 4 Jahre immer nebeneinander.

Ich weiß, wie es war. Unsere Familienurlaube. Mit Sand. Überall. Und Wanderungen. Schlafen mit meinen Geschwistern in einem Zimmer. Mit Spiel und Zeit. Mit Esspaketen und kühlen Getränken. Mit Ausflügen. Und mit langen Autofahrten. Die sich immer irgendwie klebrig anfühlten. Und mit dem nach Hause kommen. Und es fühlte sich an, als ob man das Haus erstmal wieder mit Leben füllen müsste. Als hätte es aufgehört zu atmen, während man weg war. Und jetzt musste man sich beschnuppern und wieder vertraut werden.

Ich weiß, wie es war. Die erste Liebe. Sie war nicht schön. Oder nur ganz kurz. Sie war zu stark, zu überwältigend. Sie war voller Angst und Überforderung. Sie hatte ihre Lieder und bis heute kriege ich Gänsehaut bei den Melodien. Und bin wieder 16. Sie gehörte dazu, aber ich war befreit und glücklich, als sie überstanden war.

Ich weiß, wie es war. Die erste Nacht im Bett neben diesem Mann, den ich so aufregend und schön und mutig und faszinierend fand. Den ich erst so kurz kannte. Wir lagen nur da. Es lief ein Film. Fräulein Smillas Gespür für Schnee. Wir sagten nicht viel. Ich dachte an meinen Freund, von dem ich mich grad trennte und fühlte Stiche überall. Es passierte nichts. Es war nur das gleiche Bett. Und doch war es der Beginn von etwas. Und manchmal heute, wenn wir so dasitzen heute, geschafft vom Tag, unsere zwei Kinder schlafen. Dann fühlt es sich so an, wie damals. In der ersten Nacht, einfach nebeneinander.

Ich weiß, wie es war. Die erste Prüfung. Mein Examen. Mein Uniabschluss. Ich habe nicht geschlafen. Nur halbwach geträumt. Mein ganzer Körper war müde und doch war ich geschärft bis in die Haarspitzen. Mit einem Kopf voller Zitate, Menschen, Ideen, Konzepten, Fakten, Zahlen. Alles purzelte durcheinander und alles war gedämpft. sehe die große Uhr. Wie sie über uns allen hing. In der riesigen Halle mit hunderten von Einzeltischen. Papiergeraschel. Räuspern. Der Geruch von Traubenzucker. Und dann hab ich geschrieben.

Ich weiß, wie es war. Die Bombe, die einschlug, als du, mein wunderbarer Sohn dich ankündigtest. Ich weiß das Zittern, weil Pläne sich überwarfen, weil alles neu werden würde. Und weil ich Entscheidungen machen müsste. Keine dich betroffen hätten. du warst ein sofortiges Ja. Aber Drumherum. Da wuselte es. Ich weiß, wie sich mein Magen fühlte. Wie furchtbar die Gurke roch, die da auf dem Teller lag. Wie ich plötzlich Muffins aß. Süß. Wie müde ich war und wie gelähmt. Und wie lang sich der graue Matschwinter zog. Und wie es besser wurde, mit jedem Sonnenstrahl. Und an den warmen Sommer mit Kugel. Die klein war und klein blieb. Und all die Reisen, die wir beide machten, die Menschen, die wir sahen. Die Ungewissheit und Zuversicht, die in mir wohnte. Und die Ungeduld. Tag für Tag. Zeichen deutend. Bis zu dem Tag.

Ich weiß, wie es war. Dein erster Schrei. Deine erste Berührung. Dein erster Blick. Und wie ich ab dann nur noch aus unendlicher Liebe und unendlicher Angst bestand.

Ich weiß, wie es war. Der erste Schritt in mein neues Zuhause. Zum hundertsten Male ein Umzug. Aber diesmal mit Ziel und Wunsch. Ein Wunsch nach Wurzeln. Wie ich die Räume betrat und alles beißend nach Farbe roch. Ich weiß, wie ich euch, dich und deine ungeborene Schwester durch die Zimmer toben sah. Da war sofort ein Bild. Und Vertrautheit. Ich brauchte mich nicht umzusehen. Ich wusste es.

Ich weiß, wie es war. Der erste Tag. In der Arbeit. Ohne dich. Ein neuer Abschnitt hatte begonnen. Du mit deinem Vormittag inmitten anderer Kinder. Ich in meinem Beruf. Mehrere Kilometer getrennt. Es war schön und furchtbar zugleich. Es war Freiheit und Vermissen. Und Zeit und Zeitnot. Und es war anstrengend. Aber gut so. Wirklich gut so.

Ich weiß noch, wie es war. Das erste Mal zu Viert in einem Zimmer. Mein Sohn, mein Mann, wie sie hereinkamen, um uns zu besuchen. Die kleine Schwester. Wenige Stunden alt und ich. Wieder ein neuer Mensch. Ich weiß meine Tränen, weil der Große wirklich groß war. Ein Riese. Und so weit weg, obwohl er neben mir stand. Ich war voller Sehnsucht. Und noch mehr Liebe. Es roch nach Essen und Krankenhaus und Blumen. Und Baby. Und wir waren ein Stück kompletter.

Ich weiß so vieles. Und wenn ich mich erinnere, dann mit allem. Dem Herzen, den Kopf, den Augen, der Nase, den Ohren, dem Bauch.

Kommentare

  1. Avatar
    Aless

    So schön geschrieben. Viele Erinnerungen kenne ich ebenso... Manchmal läuft ein Lied im Radio oder es hat sich irgendwas in meine Playlist eingeschlichen, und auf einmal kommen ganz alte Erinnerungen hoch, von denen ich gar nicht wusste, dass sie mit einem speziellen Lied verbunden sind.

    1. Sassi
      Sassi

      <3 Ja, Musik kann richtige Zeitreisen auslösen.

  2. Avatar
    Melanie

    Liebe Sassi ! Wie immer zauberhaft geschrieben. Schön, dass wir mit auf die Reise gehen dürfen. Und ich habe da schon wieder was im Auge... Liebste Grüße, Melanie

    1. Sassi
      Sassi

      Bei euch liegt aber wirklich immer viel in der Luft...:-*

  3. Avatar
    ruediger

    sehr gerne gelesen.

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