Sonnenschein und Regenwetter – Liebe und Leben

Du bist zwei Jahre alt. Ein heikles Alter, sagt man. Ein Alter voller Wut, Unverstandenheit, voller heftiger Emotionen, voller Kräftemessen, voller Entdeckerdrang und natürlicher Grenzen, voller Krisen, voller Urknall.

Kurzum – du hast es nicht leicht.

Und weil du es nicht leicht hast, hab auch ich es nicht leicht. So ist das mit der Liebe. Und ich bin voll davon. Alles was du fühlst, alles was dich aufwühlt, wirbelt auch durch mich. Nein, wir beide haben es grad nicht leicht. Ich möchte für dich da sein, dich auffangen, dich begleiten. Ich möchte, dass es dir gut geht. Ich möchte mir die Zeit nehmen, dir geduldig zu zeigen, wie man die Krisen des Alltags überwindet. Meistens gelingt mir das. Glücklicherweise. Das sind die guten Tage. Dann gebe ich dir abends einen Gute-Nacht-Kuss und denke an den schönen Tag, der hinter uns liegt.

Mauern erklimmen – Neues entdecken

Aber manchmal, da will es nicht klappen. Das sind die Wolkentage. Solche, die mein schlechtes Gewissen auftürmen wie schwere Gewitterberge. Weil ich doof zu dir war. Doof und bescheuert. Weil ich laut war. Und ungeduldig. Und ganz und gar ungerecht. Obwohl ich es besser weiß. Das ist wie Folter.

Du bist mir so unheimlich ähnlich. Du siehst aus wie dein Papa, zweifelsohne. Wie dein wunderbarer Papa. Aber dein Wesen schlägt meinen Takt. Jede Sekunde. Und so spüre ich einmal mehr jeden deiner Töne, jedes Gefühl. Ich weiß genau, was in dir vorgeht. Ich verstehe dich in jeder Faser. Und wenn ich zur Miesmama werde, dann ist es, als würde ich mir zusehen. Von der anderen Seite des Zimmers. Da sitze ich. In Schockstarre, es tausendmal besser wissend und muss hilflos mit ansehen, wie ich die Geduld verliere. Wie ich dich drängle, weil ich es eilig habe. Wie ich nörgle, bei Dingen, die nicht mehr als Kleinkram sind. Wie ich aus dem Raum gehe, um durchzuatmen, wissend, dass ich bei dir bleiben müsste. Wie ich schimpfe und dabei Sätze sage, die ich als Kind hasste. Ich sage diese Sachen in der Verzweiflung des Augenblicks, weil sie mir so vertraut sind.

Ich weiß, das ist menschlich. Ich weiß, ich tue nichts wirklich Schlimmes. Das könnte ich auch nie. Dafür bin ich dankbar. Und manch einer wird lachen, dass diese eher unspektakulären zwischenmenschlichen Normaligkeiten mich so mitnehmen. Wir streiten eben. Stoßen uns manchmal, weil wir Unterschiedliches wollen. Und meist kann ich uns da liebevoll hinausmanövrieren, denn das ist meine Aufgabe. Aber manchmal, da ist die See in mir zu stürmisch, um klar zu sehen. Wenn sich meine Wogen wieder glätten, dann entschuldige ich mich. Das tue ich immer. Ich erkläre. Ich küsse und drücke dich. Und gebe offen zu, wie blöd ich mich verhalten habe. Du umarmst mich fest und dann spielen wir gemeinsam. Du verzeihst mir immer mit deiner reinen Kinderseele. Die mich braucht und liebt wie keine
anderen. Das macht es nicht leichter. Das füttert dieses riesige schlechte Gewissen, das bei mir wohnt, seit du geboren wurdest. Es ist ein Teil von mir.

Und dann denke ich zurück…

Gestern war wieder einer dieser Tage. Einer von denen, die nicht gut sind. Wir strudelten in einer „Nein“-Schleife. Und ich war genervt. Es gab keine Eskalation, die gibt es eigentlich nie, aber meine angeschlagenen Nerven legten einfach einen unschönen Schleier auf unsere gemeinsamen Stunden. Dabei muss ich endlich sehen, blöde Tage sind nicht nur blöd. Sie sind nur nicht in jeder Minute bilderbuchperfekt, aber das hätten meine hinterhältigen, verflixten hohen Ansprüche gern so.

Und manchmal, wenn ich das Gefühl habe aus meiner Laune gar nicht herauszukommen, dann denke ich zurück. An dich und dein wunderschönes bisheriges Leben bei uns. An dich als Baby. Meine Gefühle für dieses kleine duftende Bündel, dass du noch vor wenigen Monaten warst. Du brauchtest so viel Schutz. Wir waren eine so enge Einheit. Ich habe dich getragen. Ich war deine Welt. Und ich bestand nur aus Liebe. Na gut, auch aus Kaffee und Müdigkeit. Aber dieses Schutzbedürfnis. Deine Verletzlichkeit. An unsere gemeinsamen Tage und Nächte. An diese einzigartige Zeit und diese Watte. Du hattest mich. Hast mich. Und heute ist deine Welt schon viel größer geworden. Da sind mehr Menschen. Mehr Freiraum. Neue Herausforderungen. Und so viel mehr Eigenständigkeit. Und darüber vergesse ich manchmal, dass ich für dich noch immer wichtig bin. Du mich noch immer brauchst. Du Schutz und Sicherheit suchst. Perfekt warst du damals und bist es noch immer. Wir wachsen beide und das ist gut so. Du bist nicht mehr das Baby. Wir können uns abstimmen. Auch ich darf jetzt mehr einfordern. Aber das, was wir waren, nehmen wir mit. Das steckt noch in uns. Und dann atme ich deinen Duft ein, rieche noch ein wenig von diesem Bündel, erinnere mich an das Gefühl, deinen Zauber und werde ruhiger.

Irgendwann finde ich sie. Die Balance. Aus Zuwendung, Freiheit, Streit und Lachen. Aus Ja und Nein. Aus Anspruch und Verzeihen. Irgendwann.

Und bis dahin bleibt mir meine Liebe. Und immer ein neuer Tag. An dem ich das Beste möchte. Für dich.

 

 

Kommentare

  1. coffeefee

    liebe sassi! danke, dass du nicht die perfekte mutter darstellst - die gibt es nicht (zum glück). danke, dass du dich nicht über andere erhebst - das darf niemand. danke, dass du so offen und ehrlich bist - das fällt schwer! danke, dass du mit deiner ehrlichkeit die tür öffnest. jeder kommt an seine grenzen, sieht sich zu beim meckern und ungeduldig sein, das ist menschlich. wir sind menschen und je mehr wir dazu stehen, desto mehr ermuntern wir andere dazu, auch ehrlich zu sich selbst zu sein. denn dann ist man in der lage, sich beim kind zu entschuldigen, sein verhalten zu reflektieren und vielleicht in ganz genau diese falle nicht noch einmal oder zumindest vorerst nicht noch einmal zu tapsen. deine coffeefee

    1. Sassi
      Sassi

      Liebe coffeefee, nachdem ich dich aus meinem Spamordner gerettet habe, ganz lieben Dank für diese Worte. Ich achte sehr darauf, wie weit ich die Tür zu mir für andere öffne, aber das, was ich zeige ist immer ehrlich. Ich gebe zu, ich möchte eine perfekte Mutter sein, aber was perfekt ist, das bestimmen wir. Meine Kinder und ich. Und dazu gehört, dass sie auch in doofen Situationen ein Vorbild in mir haben. Ich mache Fehler. Das dürfen meine Kinder sehen und wissen und ich möchte ihnen zeigen, wie ich damit umgehe. Denn so ist das Leben. Auf und ab. Und für beides brauchen meine Kinder ein Vorbild. Wichtig ist, dass sie am Ende wissen, dass sie geliebt sind. In jeder Sekunde. Und das Streit das nicht ändert. Liebste Grüße und noch einmal von Herzen Danke für die schönen Worte. Sie bedeuten mir etwas. Sassi

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