Über Freiraum und Augenhöhe

Auf dem Spielplatz. Ich sitze in der Sonne und beobachte meinen Sohn, der seit einer kleinen Ewigkeit allein im Sandkasten spielt. Er gräbt, schaufelt und klopft. Ein Förmchen nach dem anderen entsteht und weil ihm seine meinem Empfinden nach gigantische Auswahl nicht ausreicht, zieht er kurzerhand seinen Stiefel aus und beginnt ihn bedächtig mit Sand zu füllen, wissen wollend, welche Figur er wohl ergeben würde.

Meine Begeisterung hält sich, an die Sandberge denkend, die sich später in unserer frisch gesaugten Wohnung auftürmen würden, in Grenzen. Aber ich lasse ihn gewähren und übe mich im Ja-Sagen. Es ist Teil meines Grundsatzes im Umgang mit meinem Kind. Freiraum, Platz für Entdecken und möglichst wenige, dafür aber gut durchdachte Grenzen. Die Worte „Nein“ und „Nicht“ fallen selten. Ich verwende sie durchaus, manchmal zum Schutz meines Sohnes, manchmal zu meinem. Ja, auch letzteres behalte ich im Blick. Aber unser Alltag soll eher durch ein klares Ja bestimmt werden. Und für uns bewährt es sich.

Seit mein Kind auf der Welt ist, denke ich viel darüber nach. Über Grenzen. Über Freiheit. Über Respekt. Über Recht. Über Augenhöhe und ernst nehmen. Als Mutter ergab sich schnell ein Leitbild für mich, eine Art roter Faden, getragen von Intuition, Liebe und wachsender Erfahrung. Freiraum ist ein Grundbedürfnis und wir sind bemüht, um eine gute Balance.

Familiär ist das umsetzbar, denn wir als Eltern haben ein recht großes Maß an Entscheidungsfreiheit was unseren Lebensstil betrifft. Wir können Strukturen festlegen, Grenzen setzen oder eben nicht. Wir sind es, die die Regeln bestimmen, das Familienleben gestalten. Und das ist gut so.

Ich denke an die Schule. Denn für unsere Familie habe ich einen Weg gefunden und gehe ihn mit Überzeugung, aber wie sieht es schulisch aus? Freiraum, eigene Entscheidungen, Augenhöhe. Wörter, die einem im Bezug auf den Großteil unserer Standardschulen spontan eher nicht in den Sinn kommen. Viel mehr sind es Orte voller Grenzen, Regeln, Kompromisse, Verbote, Hierarchien, Vorschriften und Enge. Ich beginne noch mehr den Kraftakt zu verstehen, den Kinder täglich leisten, wenn sie sich in diesem System bewegen. Auf den ersten Blick ist hier an Freiraum nicht zu denken. Der Tagesablauf ist klar getaktet, Essenzeiten geregelt, das Verhältnis von Anstrengung und Erholung vorgegeben. Die Kinder müssen rechnen, wenn es der Stundenplan befiehlt. Müssen das Schreibwerk nutzen, dass ihnen vorgeschrieben wird. Sie müssen auf Kommando schweigen. Und kassieren schlechte Noten, wenn sie an gewünschter Stelle nicht oft genug sprechen. Sie müssen. Und zwar eine Menge. Sie dürfen nicht. Ebenfalls eine Menge.

„Es muss ja auch nicht immer alles Spaß machen“, „Kinder müssen eben lernen, sich an Regeln zu halten“, „Hier muss nachgeholt werden, was viele Elternhäuser heute versäumen“, „Unsere Gesellschaft funktioniert nun mal so“. Diese Sätze fallen in der Regel noch ehe ich bis drei gezählt habe. Sätze, die unsere Eltern schon kannten, die uns vertraut sind und die weitergetragen werden. War immer so. Bleibt so.

An einem Ort, der so viele Individuen für viele Stunden unter einem Dach vereint, damit sie gemeinsam lernen und wachsen, braucht es sicherlich eine gewisse Grundstruktur und Sicherheit gebende Abläufe. Es braucht ein paar klare Grenzen und Regeln für ein positives Miteinander. Und es verlangt sicherlich eine gewisse Kompromiss- und Kooperationsbereitschaft. Aber innerhalb dieser Pfeiler, die sowohl den Kindern und vor allem auch mir als Lehrkraft gesetzt sind, herrscht eben doch ein gewisser Spielraum. Und in der letzten Zeit lote ich eben diesen Spielraum neu aus. Wie viel „Nein“ muss wirklich sein? Was sind altverstaubte Vorschriften? Was kann vielleicht endlich getrost über Bord? Wie kann ich Freiraum und Augenhöhe schaffen in einem festen Rahmen aus Stundenplan, vorgegebenem Lehrplan, definierten Lehrwerken und der Zeitnot, die so vielen in unserem Beruf im Nacken sitzt?

Öffnung ist möglich, manchmal im Kleinen, im Detail und manchmal auch in größeren Kontexten. Aber oft sind es eher die vielen alltäglichen Situationen, in denen ich entgegen komme und meinen Schülerinnen und Schülern eine Grundhaltung vermitteln möchte: „Eure Stimme und eure Bedürfnisse sind mir etwas wert.“ Und so dürfen die Kinder so oft es geht, selbst über ihren Arbeitsplatz entscheiden. Darüber, wie aufgeräumt er sein muss und ob es überhaupt der Tisch sein muss. Denn manchmal rechnet es sich in der Leseecke viel leichter. Und ein Text flutscht eventuell besser, wenn man ihn gemütlich auf der Fensterbank schreibt. Wenn es geht, bestimmen sie über ihre Lernpartner. Ich schaffe ausreichend Phasen, in denen auch eine weitgehend freie Wahl der Lerninhalte möglich ist. Natürlich im Rahmen der gegeben Umstände. Ich gestehe den Kindern zu, Pausen einzufordern, anstatt darauf zu warten, dass ich eine Notwendigkeit erkenne. Wir erarbeiten die grundlegenden Regeln immer gemeinsam. Ich bleibe offen und spontan und greife die Ideen der Kinder gerne auf. Aus solchen Impulsen sind schon Stunden entstanden, die das beste Unterrichtskonzept nicht hätte planen können. Ich begleite, bin Vorbild, leite sachte an. Es gibt auch Grenzen, die von mir kommen. Die bestimme ich ganz klassisch. Aber wie als Mutter auch überdenke ich sie genau und versuche, sie möglichst gering zu halten.

Ich kenne mittlerweile viele Lehrer die so arbeiten. Manche sehr verstärkt, andere zumindest hin und wieder. Aber ich kenne auch viele Menschen, die diese Arbeitsweise sehr skeptisch betrachten.

„Wo kommen wir denn da hin, wenn jeder machen darf was er will?“

Nun, egal wie viel Freiheit ich schaffe, wie oft ich versuche den Stimmen meiner Schülerinnen und Schüler Raum und Gewicht zu geben, Schule bleibt ein Ort mit eng gesteckten Grenzen, mit Vorgaben und vielerlei Momenten, die Nachgeben und Kompromisse fordern. Ängste, es könnte alles völlig aus dem Ruder laufen, sind daher mehr als unbegründet. Ich habe nur die Chance, die Kinder zu mündigen Menschen heranwachsen zu lassen, wenn ich an eben diesem Ort wenigstens ein bisschen Balance schaffe, zwischen Regeln und eigenen, freien Entscheidungen. So funktioniert das Leben nämlich später tatsächlich. Mit einem bedeutenden Maß an Mündigkeit innerhalb eines klaren Rahmens.

Und was den Spaß betrifft, der in der Grundschule doch bitte nicht immer Priorität haben soll, so kann ich nur sagen, lasst Lernen unbedingt und auf jeden Fall Spaß machen. Daran ist auf keinen Fall etwas Schlimmes. Nicht das Geringste. Ich möchte Kinder, die morgens das Schulhaus mit Freude betreten, ich möchte Kinderlachen in den Fluren und Räumen. Ich möchte lautes Staunen und wildes Durcheinandergerede, weil das Thema einfach zu spannend ist. So und nur so funktioniert es für mich. Im Übrigen geben ein Großteil der Erwachsenen, wenn man sie nach den Gründen für ihre Berufswahl fragt, an, sie wünschen sich einen Job, der sie erfülle und ihnen Spaß mache. Und ich möchte nicht akzeptieren, dass wir genau diese Faktoren gerade mal sechs- bis zehnjährigen Kindern absprechen.

An all das denke ich, während mein Sohn bereits das dritte Stiefelförmchen beklatscht und wenig später halbbarfuss auf mich zuläuft. Lachend und zufrieden. Und ich weiß, mein Weg ist richtig. Zumindest für mich.

 

Kommentare

  1. Catharina

    Liebe Sassi! Ich hoffe doch sehr, dass mein Sohn eines Tages eine Lehrerin wie dich hat! So wird Schule ein tolles Erlebnis!

    1. Sassi
      Sassi

      Vielen Dank, es bedeutet mir viel, wenn meine Arbeit so wertgeschätzt wird. <3 Ich wünsche deinem Sohn, auch wenn es noch ein Weilchen dauert, dass ein schönes Schulleben auf ihn wartet. Liebste Grüße, Sassi

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.