Der Neue

20.00 Uhr. Donnerstagabend. Ein schnöder Siebzigerjahrebau.

Gruppenleiter Martin betritt den kargen Raum gemeinsam mit einem jungen Mann. Im Raum befindet sich ein akkurat aufgestellter Stuhlkreis mit deutlich zu kleinen Stühlen.

Stuhlkreis – Anders geht es nicht

Gruppenleiter: “Guten Abend! Ich möchte euch Hannes vorstellen.”

Hannes: “Hallo, ich bin Hannes und seit ein paar Wochen mit einer Grundschullehrerin verheiratet.”

Alle: “Hallo Hannes!”

Gruppenleiter: “Wir heißen dich herzlich willkommen in unserer Selbsthilfegruppe – ‘Hilfe, ich lebe mit einem Lehrer/einer Lehrerin zusammen’.

Gruppenleiter und Hannes setzen sich.

Gruppenleiter: “Nun, wie waren denn die letzten zwei Wochen? Mag jemand beginnen? Huch, Thomas, was ist denn mit deiner Hand passiert?”

Thomas (hebt mitleidig seine verbundene Hand): “Laminierverbrennungen. Zweiten Grades.”

Mitfühlendes Nicken und Gemurmel.

Inga: “Oh man, das kenn ich gut. Meine Frau hat demnächst ihren Verbeamtungsbesuch. Nichts da mit romantischen Fernsehnächten. Wir laminieren uns die Finger wund. Seht ihr (zeigt die Finger ihrer rechten Hand), ich hab auch noch Blasen vom Ausschneiden!”

Thomas: “Schmerzensgeld für Bastelverletzungen. Ich fordere endlich eine Anpassung der Bezüge.”

Luise (ruft panisch in die Gruppe): “8×4 IST 32!”

Hannes guckt verwundert.

Gruppenleiter: “Das ist Luise. Sie ist seit über 15 Jahren die Frau eines Erkunde- und Geschichtslehrers. Sie ruft zwanghaft nicht widerlegbare Fakten in die Runde. So kann ihr niemand widersprechen, eine Diskussion ist ausgeschlossen und sie hat einfach mal Recht.”

Hannes nickt verständnisvoll.

Senay: “Um diese allabendlichen Bastelsitzungen wär ich ja froh. Ich habe meinen Mann seit Wochen nicht gesehen.”

Thomas: “Abitur?”

Senay: “Deutsch und Englisch.”

Thomas zischt respektvoll Luft durch seine Zähne.

Senay: “Manchmal flucht es leise aus dem Arbeitszimmer, oder ich höre ein hysterisches Lachen und weiß dann wenigstens, dass mein Mann zu Hause ist. Ab und zu stehen leere Weinflaschen vor der Tür. Die tausche ich dann gegen neue aus. Man will ja helfen. Ist ne harte Zeit.”

Gruppenleiter: “Du siehst auch etwas müde aus.”

Senay: “Das liegt wohl am Kaffeeentzug. Mein Mann hat zu Beginn der Abiturprüfungen die Kaffeemaschine mit in sein Arbeitszimmer genommen. Und ich gehe da nicht freiwillig rein.”

Luise: “DER SIEDEPUNKT VON WASSER LIEGT BEI 100 GRAD CELCIUS”

Alle nicken schnell.

Hannes: “A propos Arbeitszimmer. Meine Frau hat natürlich auch eins. Es ist ein magischer Ort. Ihr Heiligtum. Ich betrete es auch nur selten und bewege mich darin nur mit äußerster Vorsicht. Nichts darf man anfassen. Oder gar hochnehmen. Das System. DAS SYSTEM.”

Thomas: “Ja, das kenne ich nur zu gut. Aber soll ich dir was sagen? Sie haben eigentlich selbst keinen Überblick. Ich habe heimlich zwei Ordner aus dem Regal gefischt. Und dann habe ich mal eben ein Mathearbeitsblatt aus dem einen Ordner mit einem schmissigen Sommerlied aus dem anderen Ordner vertauscht. Einfach umgeheftet. So. Und seit Wochen merkt sie wohl vielleicht die dezente Verschiebung im Raum-Zeit-Kontinuum ihres geheiligten Arbeitsortes, aber das von mir verursachte Chaos in ihren bunten Ordnern hat sie bisher nicht entdeckt.”

Inga. “Das sind aber auch Höhlen des Gerümpels. Meine Frau hortet, sammelt und kauft wie eine Verrückte. Täglich trudeln Pakete namenhafter Lehreraustatteronlineshops ein. Und alles, ich meine ALLES könnte ja potentiell nochmal sinnvoll verwendet werden. Ich habe neulich in einem Reflex eine alte Klopapierrolle einfach weggeworfen, statt sie…”

Erschrockene Ausrufe unterbrechen Ingas Erzählung. Fassungslose und ängstliche Blicke werden ausgetauscht.

Inga: “…ja, also weggeworfen. Ja, weggeworfen habe ich sie. Es war furchtbar. Der Tag beinahe gelaufen, inklusive kleinem Ehekrach. Zur Besänftigung waren wir abends Cocktails trinken und sie durfte sowohl die Strohhalme als auch die bunten Schirmchen für eventuelle Bastelideen behalten. Das stimmte sie versöhnlich.”

Luise: “AM 21. JUNI IST BEI UNS SOMMERANFANG.”

Hannes will etwas sagen.

Luise: “DER KALENDARISCHE.”

Alle nicken sofort zustimmend.

Es entsteht ein allgemeines Gemurmel und einige Kursteilnehmer setzen zur nächsten Erzählung an. Der Gruppenleiter formt mit seiner linken Hand einen deutlich erkennbaren Flüsterfuchs. Alle schweigen augenblicklich.

Gruppenleiter: “Unsere Zeit ist bereits wieder um. Wir sehen uns in genau zwei Wochen wieder. Und denkt immer daran, die nächsten Ferien kommen bestimmt. Bevor ihr geht, lasst uns noch kurz ein paar positive Gedanken zu Miriam senden, die heute nicht hier sein kann, da ihr Mann seinen Geburtstag mit all seinen Kolleginnen und Kollegen zu Hause feiert.

Alle blicken ehrfürchtig zu Boden.

Gruppenleiter: “So, dann bis in zwei Wochen. Dann probieren wir erneut eine Stillemeditation. 15 Minuten absolute Ruhe. Ohne Schulgeschichten und Bildungsanekdoten. Wellnessurlaub für die Ohren. Freut euch darauf.”

Man verabschiedet sich und verlässt gemeinsam den Raum. Der Gruppenleiter löscht das Licht und schließt die Tür.

 

*ACHTUNG*

Diese Szene mag leichte Übertreibungen, Sarkasmus, Ironie und Augenzwinkerhumor beinhalten. Sie ist dennoch unbedingt und auf jeden Fall komplett ernst zu nehmen. 

Ach, ihr lieben Partnerinnen und Partner. Ihr habt es nicht immer leicht. Eine Lehrerin, einen Lehrer im Haus. Das ist ein Abenteuer. Aber ein Schönes und Lehrreiches. Im wahrsten Sinne. Danke fürs Begleiten. Danke für nächtliches Laminieren. Danke fürs Verzichten in Korrekturphasen. Danke für das offene Ohr bei all den Geschichten. Danke fürs Schmunzeln. Danke für Anerkennung. Dieses Fleißbienchen geht an euch.

Kommentare

  1. Aless

    Haha, das find ich wirklich lustig. Mein Mann würde der Selbsthilfegruppe auch gern beitreten. Er würde noch das Thema "Ich muss den ganzen Abend so tun, als ob ich arbeiten würde, damit sie nicht allein am Schreibtisch sitzt" aufmachen... :-D Bastelverletzungen kennt er hier auch... Viele Grüße!

    1. Sassi
      Sassi

      Guter Punkt. :-D Liebste Grüße, Sassi

  2. Isabelle

    Wuuunderbar geschrieben. Ich lieg neben dem schlafenden Tochterkind und habs fast wach gelacht. Hier Lehrerin in Elternzeit mit Mann im Ref. Doppelt schlimm. Super Text! Danke dir!

    1. Sassi
      Sassi

      Liebsten Dank! <3

  3. Reiner

    Hi, ich bin der Mann einer Grundschullehrerin. Herzallerliebst und voll ins Schwarze. Ich habe mich voll wieder entdeckt. Wir heben sehr viel auf, sammeln allerlei, fahren in Bäumarkte zum Leimholz, Leim etc. kaufen. Ja und ich säge zu hause Bastelherzen mit der Stichsäge aus, welche die Kids dann weiter bearbeiten. Und jedesmal denke ich, die Kinder können sich freuen, dass meine Frau immer mit ganzem Herzen für sie da ist. Ein tolles Gefühl. Ja! Super geschrieben, Bravo!!! Gruß Reiner, der Mann einer Grundschullehrerin;-)

    1. Sassi
      Sassi

      Ja, das Leben mit LehrerInnen ist schon ein ganz besonderes. Schön, dass du das so wertschätzt! <3

  4. Laura

    genialer Text!! :D ich komme zwar jetzt erst ins Referendariat (gleichzeitig mit meinem Mann..), aber durch diverse Praxisphasen aber vor allem durch meine Mutter die Förderschullehrerin ist, kann ich alles sehr gut nachvollziehen und musste mehrmals auflachen :D:D:D

  5. Bernd

    Hi, fantastisch 😂. Bin seit 97 im Spiel als bester „Gehilfe“ einer GS Lehrerin und hätte gar keinen „Urlaub“ für die Selbsthilfegruppe bekommen 😉. Aber es bessert sich mit den Dekaden, wenn die eigenen Kinder groß sind und man ohne schlechtes Gewissen die Wochenenden durchackern kann. Nur die Arbeit wandelt sich weg vom basteln hin zum IT Spezialisten ... 🤓. LG und noch viel Spaß bei Eurer Berufung

  6. Gerhard

    Hallo, bin Teil der Gruppe, verheiratet mit einer Grundschullehrerin... Liest sich alles lustig, ist aber eigentlich ziemlich daneben. Mir würden eine Reihe von Krankheitsbildern einfallen, die auf die beschriebenen Schemata passen. Insbesondere die oft Jahrzehnte andauernde Sippenhaft, macht das Szenario so problematisch. Und während sich der Lehrer in den häufigen Ferien erholen kann, bleiben für den Ehepartner, der nicht in einem Lehrerberuf tätig ist, die erstaunlich solidarisch getragene Doppelbelastung. In welchem anderen Beruf ist eine solche Unterstützung durch den Ehepartner üblich? Allerdings sind die Hingabe und die Hinwendung des lehrerseienden Partners zu den Kindern und dem Beruf beneidenswert :-)

    1. Sassi
      Sassi

      Lieber Gerhard, danke für deine Worte. Ja, du hast recht, das kann für den Partner belastend werden. Mein Partner ist vermutlich sogar eher verschont. Ich mache da viel allein. Weil es bei uns so passt. Ob sich ein Lehrer oder eine Lehrerin in den Ferien erholen kann, das lasse ich mal offen. Das ist sicherlich sehr unterschiedlich. Ebenso unterschiedlich wie die tatsächliche Belastung der (Ehe-)Partner. Für mich persönlich gehört es irgendwie dazu, sich in seinem Beruf, sofern es der Partner wünscht, zu unterstützen. Mein Mann hat sich im IT-Bereich selbstständig gemacht. Ich unterstütze ihn da sehr. Das kostet Kraft. Ist aber dennoch wunderbar, ihn bei diesem Weg zu begleiten. Liebe Grüße!

  7. Emmili

    Den Partnern/Partnerinnen von Sozialpädagogen und Erziehern ergeht es ähnlich. Mein Mann musste schon die Bauaufsicht und aktive Mitarbeit für den Aufbau von Schaukeln, Sonnenbedachung für eine riesige Sandkisre leisten. Kollegenmänner haben schon fleißig viele Wände gestrichen und Kollegenfrauen genäht und....

  8. Torsten

    Louise, es tut mir Leid, aber das kann ich so nicht stehen lassen. Das sind nicht alles Fakten, was du da von dir gibst, das ist nur DEINE Sicht der Dinge. 8 mal 4 ergibt nur im Dezimalsystem 12, im Hexadezimalsystem sind es 20. Der Siedepunkt von Wasser liegt nur bei sogenannten Standardbedingungen bei 100°C. Auf der Zugspitze z.B. liegt der Siedepunkt bei nur 90,07°C. Und das gilt auch nur bei Standard Luftdruck. Herrscht gerade ein Tiefdruckgebiet, ist es noch weniger! Sommeranfang... na gut. Nein, ich bin kein Lehrer. Ich habe erfolgreich ein Physik Studium abgebrochen und arbeite als Programmierer. Aber ich bin nicht der Meinung, dass unsere Lehrer- Partner und Partnerinnen es leichter mit uns haben, als wir es mit ihnen haben!

    1. Sassi
      Sassi

      Die arme Luise...

  9. Torsten

    Argh. Tippfehler ... 8 mal 4 ergibt nur im Dezimalsystem 32

  10. Barbara

    Mein Leben beeinhaltet das gleich im doppelpack , Denn meine Eltern sind beide Lehrer . 😓

    1. Sassi
      Sassi

      Uiuiuiui...

  11. Rolf

    Meine Hauschefin liegt gerade neben mir im ausserschulischen, dafür privatem Arbeitszimmer und fährt sich mit einem Onlinespiel die Schulseele wieder auf Normalzustand runter. Passiert übriegens jeden Tag, bzw. Abend. Ich lese laut ihr deine Geschichte vor. Etwas besonderes geschieht. Sie unterbricht ihr Spiel und fällt in mein Gelächter über den Schreibstil mit ein. Wieso sehe ich nicht nur sie in deiner Geschichte an vorderster Front an der Tafel stehen, sondern auch mich entsprechende Holzteile zu sägen, kleine Belohnungsnaschereien Einkaufen und all die anderen Sachen machen, welche der rückwärtige Hausdienst einer Lehrerin nun einmal irgendwie erfüllt? Aber ich habe es nie bereut genau jenen chaotischen, unordentlichen, hektischen, sammelwüdigen, unbelehrbaren, arbeitswüdigen, warmherzigen, aufopferungsvollen, verständnisvollen Menschenschlag zu heiraten. Dabei waren Lehrer in meiner Sturm und Drangzeit nichts anderes als Typen, welche am Vormittag immer recht haben wollten, am Nachmittag Feierabend genossen und 8 Wochen Ferien am Stück bekamen. In den Pausen sinnlos Kaffee und andere Rauschmittel in sich reinschütteten und den Zigarettenautomaten als ihr Privateigentum ansahen. Also quasi Menschen von einer anderen Welt. Die Selbsthilfegruppe von und bei dir als solche, gerade zum Austausch gefällt mir genauso, wie dein Schreibstil. Hätte echt nicht vermutet, dass eine Lehrerin dazu in der Lage sein könnte, sein kann, auch einmal über sich selber lachen. Hat mir hier bei dir gefallen. Werde öfters rein schauen und setze mich jetzt erst einmal ganz hinten an eine Bank bei dir......mit Blick aus dem Fenster. 😉

    1. Sassi
      Sassi

      Vielen lieben Dank für diese Worte. ❤️ Und hoffentlich ist der Blick aus dem Fenster bald ein wenig frühlingshafter...

  12. Sven

    Absolut passend,könnte noch einiges ergänzen! Dieser alltägliche Wahnsinn hat mich schon zwei Beziehungen gekostet,die nächste muss wohl eine Kollegin werden 😜😜😜😜

  13. Julie

    Ich selbst bin Junglehrerin und erkenne mich lachend wieder. Ich landete auf dieser Seite als ich Pinterest mal wieder nach Anregungen für meinen Unterricht nutzte... dabei geht auch viel Zeit drauf und bei der Suche nach Material für Vertretungsstunden. Mein Mann ist übrigens von der ganz anderen Sorte. Wenn ich mir daheim nen Kopf mache, was ich denn diesmal machen könnte, sagt mein Mann seinen Standardsatz: ,, Mach es doch wie meine Lehrer früher. Filmwagen rein, Filmchen rein und dann haste 2 Stunden Ruhe...'' Das wäre dann mal eine andere Sicht. Eine Selbsthilfegruppe für Lehrerİnnen, die PartnerInnen haben, die kein Verständnis für die Aufopferung haben und einen manchmal aus der Grübelei holen mit Sätzen wie ,, Es sind doch nicht unsere eigenen Kinder''

    1. Sassi
      Sassi

      Ja, manchmal muss man sich erden. Es muss alles noch ein Verhältnis haben. Aber ich stelle immer wieder fest. Die Arbeit lohnt sich. <3

  14. Steffi

    😂 Mein Mann Hannes (ehrlich!!) und ich haben uns schlapp gelacht! Er ist mittlerweile Meisterlaminierer! Und hat kurz darüber nachgedacht, ob ich hinter diesem Artikel stecke 😂

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