Welche Schublade bin ich? Und wenn ja, wie viele?

Seit vielen Monden lebe ich nun schon in der Elternwelt. Dieser eigensinnigen Welt aus Kinderlachen, Babyduft, Liebe und Müdigkeit. Ich bin Mutter. Schon eine Weile. Aber was für eine Mutter? Manchmal werde ich das gefragt und manchmal, da frage ich es mich selbst.

Was für eine Mutter bin ich?

Ich stehe vor einer riesigen Schrankwand voller Schubladen. Unzählige Schubladen. In welche davon passe ich?

Beginnen wir ganz einfach. Ich war bereits zweifache Mutter, bevor ich dreißig wurde. Kaum einer in meinem Freundeskreis hat schon Kinder. Ich öffne also zaghaft die Schublade „junge Mutter“. Aber Moment. Ich war schließlich schon eher Ende zwanzig bei der Geburt meines Sohnes. So richtig jung ist das ja nun auch nicht mehr. Ich schließe die Schublade wieder.

Fangen wir anders an. Was macht mich aus? Ich lasse meine Kinder nicht schreien. Ich stille nach Bedarf. Sie schlafen in meinem Bett. Wie hieß das noch? Bedürfnisorientiert? Nun gut, dann diese Schublade. Oder nicht? Wie war das mit den Bedürfnissen? Um welche geht es dabei? Auch um meine? Die versuche ich ebenso zu wahren. Also manchmal. Nicht jeder findet das angemessen. Nicht jeder versteht dieses Konzept so. Nein, zu heikel. Dieses Fach lasse ich lieber verschlossen. Außerdem gehe ich arbeiten und lasse meine Kinder betreuen. Von einer wundervollen, fürsorglichen, großherzigen und liebevollen Person. Aber das zählt nicht. Ich gebe meine Kinder ab. Wofür dann überhaupt Kinder haben? Fragen, die man sich gefallen lassen muss. Ich blinzle zur DER Schublade. „Rabenmutter“ steht darauf. In Großbuchstaben. Unmissverständlich. Einen Spalt nur. Einmal hineinschauen. Sie quillt über. Früher oder später landet jede mal hier. Dann kann die Schublade auch noch einen Moment warten. Sie läuft mir ja nicht weg. Am Ende hat sie sicher einen Platz für mich. Erstmal weiter umschauen.

Wie sieht’s denn mit den anderen Fakten aus?

Ich kaufe meist Bioprodukte. Und regional auf dem Wochenmarkt. Ich koche selbst. Das mit dem Brei lasse ich gänzlich. Meine Kinder essen ihn einfach nicht. Ich versuche nachhaltig zu leben. Gebe gern ein paar Euro mehr aus für einen bewussten Einkauf. Oder auch weniger, denn ich steh auf Secondhand. „Ökomutter“-Schublade. Die Sache ist klar. Obwohl – stopp – zugegeben, meine Kinder bekommen auch mal ein Stück Schokokuchen. Oder Gummibärchen. Oder Eis. Oh, und Fleisch. Und bei H&M habe ich auch schon mal gekauft. Darf man das als Öko? Ich bin verunsichert. Meine Schublade soll ja wirklich optimal passen. Nicht auszudenken, all die Arbeit, wenn ich umsortieren müsste. Also weitersuchen.

Vielleicht erstmal ein Blick auf mich.

Ich habe meinen Stil behalten. Ich mag Mode noch immer. Trage noch immer ausgewählte Stücke. Und schöne Handtaschen. Ich schminke mich. Stehe auf knalligen Lippenstift. Auf ausgefallene Accessoires. Ich bin noch immer recht schlank und ärgere mich heimlich über die paar Kilos, die nach der Schwangerschaft einfach nicht gehen wollen. Ich hab süße Coffee-To-Go-Becher. Einen hübschen Kinderwagen. Wunderschöne Tragetücher. Meine Wohnung ist hell. Weiße Möbel. Bin ich am Ende eine von diesen „Instamamas“? Eine „Latte-Macchiato-Mom“? Mit Stil zum Ziel? Ich schaue genauer hin. Trage ich nicht gerade meine zehn Jahre alte Jogginghose? Ist der teure Kinderwagen nicht voller Eisflecken und Sand? Überwuchern die Wäscheberge in unserer hellen Wohnung nicht die liebevoll drapierten Dekoelemente? Nicht sehr glamourös. Abzüge in der B-Note. Und ganz und gar nicht instatauglich.

Was noch? „DIY-Mom“ steht auf einer der verbleibenden Schubladen. Sie ist besonders kreativ verziert. Nun, ich habe eine Nähmaschine. Und ab und an bastle ich mit den Kindern. Den Wickeltisch des Babys verschönerte ein selbstgestaltetes Mobile aus Pastellfilzkugeln. Zu Geburtstagen backe, koche und dekoriere ich größtenteils selbst. Na, das wär doch was. Gut, ich muss einräumen, ich kaufe doch ab und zu Dinge, die ich auch selbst hätte herstellen können. Aus Zeitmangel oder einfach, weil es andere noch viel, viel besser machen. Gelegentlich, da schnipple ich Obst und Gemüse und schmeiß die appetitlichen Stückchen einfach in eine Schüssel. Kein Mandala. Kein süßen Fruchttiere. Ist das erlaubt in der DIY-Welt? Nein, lieber nicht. Kein Risiko.

Ich schaue ratlos zwischen all den Fächern hin und her. Nichts mag so recht passen. Ich lese weitere Beschriftungen. Worte wie „unerzogen“, „Helikoptermama“, „Übermutter“. Ich entdecke mich in nahezu jeder Schublade. Aber eine allein bietet nicht annähernd ausreichend Platz für all mein Ich.

Gedankenswitch

Und nun? Mich zerteilen? In jede Schublade ein bisschen von mir? Entspräche sicher am ehesten der Wahrheit und würde mir doch nicht gerecht. Ich setze mich auf den Fußboden und starre auf diese gewaltige Wand. Auf dieses gigantische Fächerkonstrukt. Lange sitze ich da. Dann stehe ich auf, plötzlich genau wissend, was zu tun ist. Diese Schubladen sind gewaltig. Aber imaginär. Ihr Zuhause, das sind unzählige Köpfe,  die sie brauchen, um ihrer engen Welt Sicherheit zu geben. Doch niemandem kann so ein starres System aus Ecken, Kanten, aus Auf und Zu gerecht werden. Ich bin ein bisschen von allem. In mir steckt viel. Und nicht mal ich kenne mich immer ganz genau. Da sind noch Winkel, denen werde ich erst begegnen. Wir sind keine Schubladenmenschen. Wer so denken und urteilen mag, hält sich klein. Es gibt keine Rabenmütter, keine Ökotanten, keine Latte-Macchiato-Moms. Es gibt Mütter. Mütter mit unendlicher Liebe. Mütter mit Geschichte. Mütter mit Grenzen. Mütter mit eigenen Müttern. Und jede von uns hat tausend Gesichter. Und Tränen. Und Lachen. Und alle Schubladen dieser Welt könnten nicht greifen, wer wir sind.

Und so stehe ich auf. Und hole mein Werkzeug. Laute Musik brauche ich auch. Ein Teil von mir. Und Ton für Ton, Schraube für Schraube zerlege ich diese Wand. Scharnier für Scharnier fällt das Konstrukt in sich zusammen. Ich bin ruhig. Jeder Handgriff sitzt und ist längst überfällig.

Und am Ende stehe ich da. Vor einem Berg aus Brettern. Viel harmloser wirkt es so. Kein Platz mehr, um irgendjemanden in irgendetwas hineinzupressen. Kein Korsett mehr.

Vielleicht, denke ich, vielleicht baue ich etwas Neues aus dem alten Holz. Einen Spielplatz womöglich. Auf dem wir alle Platz haben. Und uns austoben können. Frei und so wie wir sind. Genau so.

Kommentare

  1. Zesyra

    So, dann versuche ich mal mein Unbehagen in Worte zu fassen. Also, bezüglich des Mutter-Mythos. Ganz toller Text dazu vorweg: https://www.krachbumm.com/2014/08/11/die-erfindung-der-mutterrolle/ Wie immer schreibst du humorvoll und emotional und so ganz grundsätzlich liebe ich den Text dafür. Aber wie ich auf Twitter schon schrieb, er nährt für mein Empfinden den Mutter Mythos. Woran liegt das? Zum einen, obwohl du zu Beginn von einer Elternwelt sprichst, wendest du dich danach ausschließlich Mutterschaft zu. Dass es für Väter nicht dieselben Schubladen gibt thematisierst du zB gar nicht, obwohl dass vor allem daran liegt, dass Väter selten einer Fremdbewertung ausgesetzt sind und wenn doch dann meist einer eher positiven, es sei denn es sind "abwesende" Väter. Eltern die weder Mutter noch Vater sind werden auch nicht mitgedacht. Klar es geht ja in erster Linie um dich und deine Selbstidentifikation, aber so ganz grundsätzlich halte ich dich für reflektiert genug zu prüfen warum der Schrank mit diesen Schubladen da überhaupt steht und das dann auch deinen Leser*innen nicht vorzuenthalten. Weil der Kontext hier eben enorm wichtig ist. Weil sonst nur das schale Gefühl übrig bleibt, dass Mütter eben Mütter sind und auch wenn sie nicht in Schubladen sortiert sind. Das formulierst du ja selbst: "Es gibt Mütter. Mütter mit unendlicher Liebe. Mütter mit Geschichte. Mütter mit Grenzen. Mütter mit eigenen Müttern. Und jede von uns hat tausend Gesichter. Und Tränen. Und Lachen. Und alle Schubladen dieser Welt könnten nicht greifen, wer wir sind." Mutterschaft wird hier zur Identität. Und das löst das Unbehagen bei mir aus. Weniger wegen des Geschriebenen als wegen des vielen Ungeschriebenen, der Zuschreibungen die automatisch im Kopf der Leser*innen entstehen, wenn sie das Wort "Mutter" hören (siehe eingangs verlinkter Text). Das wäre dann der andere Punkt: die emotionalen Formulierungen wie eben zum Beispiel: "Dieser eigensinnigen Welt aus Kinderlachen, Babyduft, Liebe und Müdigkeit. Ich bin Mutter. " Lediglich beim Punkt der Rabenmutter erwähnst du den gesamtgesellschaftlichen Aspekt kurz: "ch gebe meine Kinder ab. Wofür dann überhaupt Kinder haben? Fragen, die man sich gefallen lassen muss." Übrigens eine Frage, die sich niemand gefallen lassen muss. Mutterschaft als Identität und Kinder als Sinn und Erfüllung weiblichen Lebens. Das ist etwas, was mir auf den Keks geht. Versteh mich nicht falsch: Ich bin selbst ziemlich glückliches begluckendes Elter, werde von den Kindern Mama genannt und in der Regel als Frau gelesen. Ich habe nichts gegen den Lebensentwurf eines Lebens mit Kind(ern) zuhause, gleich welches Geschlecht eins hat. Ich habe auch nichts dagegen den eigenen Lebenssinn in Kindern zu finden o.ä. Ich habe etwas dagegen, dass das regelmäßig als Sinn und Zweck weiblichen Daseins reproduziert wird und ich glaube, dass dir das auch ein bisschen passiert. Es sind so kleine Nebensätze wie zB "Kaum einer in meinem Freundeskreis hat schon Kinder.". Lustigerweise verwendest du hier die männliche Form statt der weiblichen. Aber es scheint eine gedankliche Voraussetzung zu sein. Ich hoffe ich konnte meinem Unbehagen ein bisschen ausformulierte Struktur verleihen. Liebe Grüße

    1. Sassi
      Sassi

      Vielen Dank, dass du so aufmerksam und reflektiert liest. Ich kenne deine grundlegende Einstellung auch schon ein wenig von Twitter und kann mich in vielen Ansätzen absolut wiederfinden. Auch hier verstehe ich deinen Punkt sehr gut. Ich finde wichtig, dass es Menschen gibt, die bei dem Korsett der Gesellschaft sehr viel grundlegender ansetzen als ich es tue. Die die großen Kategorien in Frage stellen. Ich empfinde diesen Weg als unglaublich wertvoll und bin dankbar, dass es dich gibt und die ihn gehst! Nun zu meinem Text: Bei meinen Freunden spreche ich vor allem deshalb in der männlichen Version, da ich überwiegend männliche Freunde habe. Das wissen meine LeserInnen natürlich nicht und könnte ich ergänzen. Zur Mutterrolle: Ich selbst setze eher im Kleinen an. Vermutlich auch ein Phänomen meines Berufes. Kleine Schritte. Ich selbst empfinde mich als Mutter. Ich sage das stolz, denn es ist ein Teil meines Ichs, dem ich diesen Begriff gegeben habe. Er bezeichnet für mich den Sachverhalt, dass ich Zeugerin zweier wundervoller Kinder bin. Dass ich Verantwortung für sie habe und als Vorbild schützend durchs Leben begleite. Für mich ist der Begriff positiv. Ich sehe ihn recht unvoreingenommen. Aber ich stimme dir zu, dass es in den Köpfen vieler Menschen anders aussieht. Ich selbst sage aber ebenso stolz, dass ich Lehrerin bin oder Musikerin. Oder eine beste Freundin. Oder eine Partnerin. Und egal welche Facette meines Ichs ich benenne und betrachte, sie alle sind mit Schubladen behaftet. Und heute gab es mein Wort zu den Schubladen der Mütter. Wer hineinliest, dass ich nicht mehr bin als eine Mutter, der liest zuviel. Das assoziieren vielleicht manche damit. Ich selbst sage das mit keinem Wort. Ich bin Mutter. Und so viel mehr als das. Aber dieser Text gilt diesem Puzzleteil. Und der Schrank voller Schubladen der hinter diesem Begriff steht, deren Herkunft reiße ich an. Köpfe sind es. Enge Köpfe. Mutterschaft ist ein Teil meiner Identität. Ich empfinde mich als Mutter. Die Schuld liegt nicht in diesem Satz, sondern bei denen, die es wagen, Menschen wegen einer Aussage auf eben genau diese zu reduzieren. Mich macht das Muttersein glücklich. Mich macht auch mein Beruf glücklich. Jeder Mensch findet einen anderen Sinn in seinem Leben. Und wenn Kinder nicht dazugehören, ist das selbstredend auch in Ordnung. Darüber würde ich nie urteilen! Ich schließe mit diesem Artikel natürlich Menschen aus. Menschen, die keine Kinder haben, beispielsweise. Aber wenn ein Artikel über Zahnärzte erscheint, dann bin ich damit auch nicht angesprochen, aber werde nicht verurteilt mit diesem Text, nur weil ich kein Zahnarzt bin. Der Text berichtet von meinem Muttersein und einem spezifischen Problem damit. Wer nicht angesprochen ist, den verurteile ich nicht damit. Das ist mir sehr wichtig! Was genauer das Vatersein anbelangt, hast du Recht. Sie sehen sich nicht diesen (aber vermutlich anderen) Schubladen gegenüber. Da ich aber kein Vater bin und nicht am eigenen Leib erlebe, womit sie konfrontiert sind, schreibe ich auch nicht darüber. Ich rufe aber dringend Papas dazu auf, ihre Sichtweise zu ergänzen. Ebenso Eltern, die weder das eine noch das andere sind. Das wäre mehr als spannend und durch sie tausendmal besser zur Sprache gebracht. Denn aufgrund fehlender Erfahrung liefen meine Sätze hier Gefahr, leere Parolen zu werden. Ich betrachte einen kleinen Teil. Beginne mit der Dekonstruktion für mich im Kleinen. Erst die kleinen Schubladen weg, dann die großen Kategorien. Du denkst gleich viel globaler, viel radikaler und das finde ich ebenso wichtig. Es inspiriert mich und erweitert meinen Horizont. Danke dafür! <3 Den Artikel zur Mutterrolle werde ich nochmal aufmerksam lesen, mit Zeit heute Abend. Danke für den Link! Allerliebste Grüße, Sassi

  2. Nicole

    Yeah! Danke! Bin durch Zufall auf Deiner Seite und genau diesem Post gelandet. Es spiegelt wieder, was ich selbst oft denke bzw. schon oft gedacht habe. Warum fühle ich mich schlecht, wenn mich jemand geschminkt in hochhackigen Schuhen mit Kind an der Hand sieht und warum fühle ich mich genauso schlecht, wenn ich mit Birkenstock's und ungeschminkt auf den Wochenmarkt gehe? Warum denke ich, dass es doch besser das FSC-Holzspielzeug sein könnte, wenn Oma eine Plastik-Kindergitarre mitbringt, auf der mein Kind wie wild und voller Begeisterung "spielt"? Warum habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich draußen, abseits vom Spielplatz, eine Zigarette rauche, während mein Kind dort mit anderen Kindern spielt und es genießt, dass Mama nicht die ganze Zeit mit im Sand hockt? Ich habe beschlossen, dass jeder mich in seine, für sich passende, Schublade stecken kann, wenn er/sie mag. Ich bin Mutter mit vollem Herzen. Aber ich bin genauso Frau aus vollem Herzen und vor allem eins: ein selbständig, frei denkender Mensch, der sich in keinen Schrank der Welt stecken lassen möchte und das auch am liebsten bei Anderen so handhaben würde. Daran denke ich auch, wenn ich eine rauchende Mutter in Birkenstock's sehe, deren Kind gerade mit einer Bifi im Mund mit anderen Kindern im Sand spielt... selbst, wenn sie dann ruft: "Nimm bitte das Sandspielzeug nicht in den Mund, da sind Bakterien dran." Dann verdrehe ich die Augen und fange kurz darauf an zu schmunzeln. Wie schön, dass wir alle nicht perfekt sind.

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