Wie bereite ich mein Kind vor? Teil 2 unserer Reihe #Grundschulzeit

Über euer zahlreiches und so positives Feedback zum Starterartikel haben wir uns riesig gefreut und darum folgt nun Teil 2 der Reihe #Grundschulzeit. Noch einmal dreht es sich um das Thema Einschulung und Schulbeginn, diesmal aber unter dem Aspekt „Wie bereite ich mein Kind auf diesen Lebensabschnitt vor?“

Meine Wenigkeit und neben mir (re.) die zauberhafte Alu von Grossekoepfe.de

Was muss mein Kind können, wenn es in die Schule kommt?

Lehrerinnensicht:

Diese Frage beschäftigt viele Eltern im Vorschuljahr. Ich muss sagen, dass die Erwartungen diesbezüglich in den letzten 20 Jahren deutlich gestiegen sind. Ein Trend, der weiter anhält. Ganz nüchtern betrachtet, gibt es ein paar Kriterien als Anhaltspunkte und das sind in erster Linie die, die in der Schuleingangsuntersuchung des Kinderarztes betrachtet werden. Dabei geht es vor allem um die Grob- und Feinmotorik, den aktuellen Sprachstand, die Wahrnehmungsfähigkeit, die emotionale und soziale Reife und die allgemeine körperliche Verfassung. Und da man sich hier, ähnlich wie bei den bekannten Vorsorgeuntersuchungen an groben Entwicklungsrichtwerten orientiert, ist die Bandbreite der Ausprägungen groß. Zusätzlich zur ärztlichen Untersuchung gibt es noch einen weiteren Termin seitens der Schule, in denen der allgemeine Entwicklungsstand der Kinder getestet wird. Bei uns wird am Anfang des Vorschuljahres von der Schule aus eine Sprachstandsüberprüfung vorgenommen. Dazu aber später noch mehr.

Sicherlich sind diese Untersuchungen für eine grobe Einschätzung brauchbar, aber in Zeiten der Inklusion, der offenen Eingangsstufen, der reformierten Stichtage verschwimmt das ehemals sehr starre Konzept der Schulreife zusehends.

Ich persönlich nehme mir viel Zeit, meine zukünftigen Schülerinnen und Schüler kennenzulernen. Ich besuche jedes Kind im Kindergarten (oder lade sie zu mir in die Schule ein) und führe zunächst ein Gespräch, in dem ich versuche, ein wenig über das Kind zu erfahren. Wie seine Freunde heißen, was es gern isst, was es nachmittags am liebsten macht, die Lieblingsfarbe. Sowas eben. Ich bekomme so erste Einblicke. Auf mehreren Ebenen. Sind die Kinder kontaktfreudig? Wie verhalten sie sich mir als fremder Person gegenüber? Wie gestaltet sich ihre Sprache? Im Verlaufe des Gespräches klopfe ich mit Hilfe von Übungsmaterial und kleinen Spielchen ein wenig das Vorwissen in den Bereichen Deutsch und Mathematik ab. Dieser fachliche Überblick hat für mich aber herzlich wenig mit der Schulreife zu tun, hilft mir aber natürlich meine Anfangszeit in der ersten Klasse schon ein wenig vorzubereiten. Können manche Kinder bereits lesen? So etwas kann ich dann einfach im Vorfeld schon einplanen.

Und das ist der für mich heutzutage völlig merkwürdige Punkt. Viele Eltern und im Übrigen auch viele Lehrer konzentrieren sich unheimlich auf fachliche Inhalte. Auf Zahlen- und Ziffernkenntnis. Auf Kenntnis von Buchstaben und Anlauten. Darauf, dass das Kind den eigenen Namen schreiben kann. Ich kenne Lehrkräfte, die jedes Jahr wieder stöhnen, wie wenig die Kinder in diesem Bereich von den Kindergärten (und Eltern) vorbereitet würden. Dieses Vorwissen steht für mich nicht im direkten Zusammenhang zur Schulreife. Denn all diese Inhalte erwerben die Kinder in den ersten zwei Schuljahren. Dazu ist die Schule da und die Lehrpläne setzen da wirklich sehr grundlegend an. Ein Kind, das zur Einschulung keinen Buchstaben und keine Zahl kennt, kann die erste Klasse absolut erfolgreich absolvieren. Ihr merkt, es geht mir eher um den Punkt, was mein Kind alles wirklich noch NICHT können muss.

Zur Einschulung sitzt mir ohnehin eine Klasse mit lauter Individuen gegenüber. Kein Kind gleicht auch nur ansatzweise dem anderen. Alle sind in ihrer Entwicklung völlig einzigartig und können nicht im Geringsten über einen Kamm geschoren werden. Etwas, das ich persönlich an meinem Beruf liebe und unglaublich aufregend finde.

Elternsicht:

Diese Frage stellten wir uns beim ersten Kind und jetzt auch beim zweiten Kind wieder von vorn und immer waren es unterschiedliche Antworten die wir uns selbst gegeben haben, denn die Kinder sind so unterschiedlich, dass man keine exakte Standardantwort darauf geben kann. Bei der großen Tochter damals haben wir uns als selbst als Anhaltspunkt genommen, dass Sie sich von uns gut lösen kann und dass sie in der Lage ist ihre Rucksäcke selbst zu packen. Sie wollte bereits im Winter schon jeden Tag in die Schule gehen, auch daran hat man den Willen gemerkt. Beim Zweiten hatten wir ganz andere Kriterien, wir haben ihn letztes Jahr nicht eingeschult, weil er emotional nicht so weit war, jetzt hat er selbst das Verlangen nach Schule und Wissen.

Wie kann ich mein Kind denn dann überhaupt vorbereiten?

Lehrerinnensicht

Natürlich kann man sein Kind dennoch auf diese aufregende Zeit vorbereiten. Nur rate ich meinen zukünftigen Schuleltern hier ganz gezielt nicht zu „fachlicher“ Vorbereitung, die allerdings einfach wahnsinnig im Fokus steht. Zu Unrecht, wie ich bereits erwähnte.

Viel, viel wichtiger ist zum Beispiel das emotionale Vorbereiten. Die meisten Kinder sind im Bezug auf ihren Schulstart unglaublich nervös und aufgeregt. Sie sind gespannt auf das, was sie erwartet. Es ist ein großer Schritt. Manchen macht er sogar Angst. Darum sollte das Kennenlernen nicht zu kurz kommen. Einiges geschieht hierzu idealerweise von Seiten der Schule – Schulhausbesuche, Treffen der zukünftigen Lehrkraft und Schnuppertage. Ich selbst schreibe jedem meiner Erstklässler und Erstklässlerinnen in den Ferien auch noch einen persönlichen Brief. Und auch Eltern können das Kennenlernen unterstützen. Indem sie immer mal wieder mit dem Kind den künftigen Schulweg ablaufen (und dabei auch Verkehrsregeln besprechen), indem sie ihr Kind in die Besorgungen (Schulmaterial etc.) aktiv mit einbeziehen, indem sie das Kind die neuen Bücher und Hefte einfach schon einmal durchstöbern lassen und indem sie über das Kommende sprechen. Natürlich im zum Kind passenden Maße. Erzählt beispielsweise von eurer eigenen Einschulung und zeigt Fotos. Das finden Kinder wahnsinnig spannend.

Zusätzlich kann man Kinder stärken und „fit für die Schule“ machen, indem man ihr Selbstvertrauen und ihre Selbstständigkeit wachsen lässt. Dem Kind bewusst Aufgaben übertragen. Dem Kind etwas zutrauen. Was das genau ist, könnt ihr Eltern, die ihr euer Kind am besten kennt, auch am ehesten entscheiden. Die einen probieren sich schon gern beim Kochen aus. Die anderen trauen sich zu, selbst Brötchen zu holen. Es gibt hunderte individuelle Wege seinem Kind Selbstständigkeit, Freiraum zu ermöglichen und ein Vertrauen in die eigene Person und die eigenen Fähigkeiten zu stärken. Im Grunde tun das Eltern sowieso seit der Geburt ihrer Kinder. Lest euren Kindern vor, sprecht mit ihnen, lasst sie Primärerfahrungen machen. Das geht in der Stadt wie auf dem Land.

Natürlich bringen Kinder eine gesunde Neugier mit auf diese Welt. Viele Vorschüler und Vorschülerinnen brennen aufs Lesen- und Schreibenlernen. Sie wollen unbedingt rechnen können. Es ist absolut in Ordnung, diesem vorhandenen Lerndrang entgegen zu kommen, wenn er vom Kind signalisiert wird. Es gibt unzählige Hefte, voll von spielerischer und vorbereitender Übungen für Vorschulkinder. Es gibt durchaus Kinder, denen die Bearbeitung dieser Hefte viel Spaß macht und dann darf das auch unbedingt unterstützt werden, aber es ist eben kein MUSS. Auf diesem Part der Schulvorbereitung sollte nicht der Fokus liegen. Andere Dinge wiegen für mich einfach mehr. Ungewisses und Ängste abbauen, gestärktes Selbstvertrauen.

Das mit den Zahlen und Buchstaben machen wir dann schon.

Elternsicht:

Wir haben mit beiden Kindern immer geschaut, dass wir sie sozusagen in ihren Interessen und Stärken fördern. Beide Kinder konnten nicht vor der Schule lesen, oder sowas. Wir lesen den Kindern schon seit jeher viel vor, rätseln und spielen mit ihnen. Wir haben vor der Schule beim großen Kind immer wieder mit ihr gesprochen, was genau Schule denn bedeuten kann. Viele Kinder, viel Wissen, längere Sitzpausen. Wir haben geschaut, dass wir ihre Geduld spielerisch fördern (eben durch Brettspiele). Auch beim Mittleren üben wir immer wieder Geduld und versuchen vor allem ihn generell zu unterstützen in seiner Person. Was genau Vorschularbeit in der Kita bedeutet, hat Konsti mal aufgeschrieben.

Sollte ich auch die Geschwisterkinder einbeziehen? Wenn ja, wie?

Lehrerinnensicht:

Nicht selten ist vor allem für kleinere Geschwisterkinder die Einschulung des großen Bruders oder der großen Schwester auch eine gewaltige Veränderung. Besonders, wenn beide vorher zum Beispiel den gleichen Kindergarten besuchten. Es ist also wichtig, auch mit den Kleineren über diese neue Zeit zu sprechen. Zu erklären. In manchen Familien bekommen die jüngeren Geschwister am Tag der Einschulung auch eine kleine Schultüte. Aber in diesem Punkt hat sicherlich Alu ganz konkrete Tipps für euch, denn für sie steht ja bereits die zweite Einschulung an.

Elternsicht:

Diese Sache kann man sehr gut von zwei Seiten betrachten. Bei der großen Tochter haben wir den Sohn immer mit einbezogen. Er war sehr neidisch auf die Große, sie bekam Geschenke, sie musste nicht mehr in die Kita und so weiter und so fort. Zum Tag der Einschulung der Schwester bekam der Mittlere eine kleine Schultüte und da die große Tochter schnell lesen lernte, profitierte auch der Sohn davon, denn seitdem liest sie ihm gerne Comics vor.

Jetzt bei der zweiten Einschulung hilft uns die Große sehr ihn auch vorzubereiten. Durch das Abholen der Schwester in der Schule kennt er bereits das Gebäude, sie hat ihm bereits alles gezeigt vor Ort. Spannend ist auch, dass er sich nun sehr gezielt bereits auf Dinge freut. Ich finde also das Einbeziehen von Geschwistern echt toll und hilfreich, gerade auch jetzt beim zweiten Kind.

Habt ihr noch Fragen? Immer her damit. Und freut euch auch schon auf den dritten Teil unserer Reihe. Dann zum Thema „Die ersten Schulwochen“.

Kommentare

  1. Katrin

    Wie gehst du als Lehrerin damit um, wenn ein Kind mehr "Hirnfutter" braucht und permanent mehr lernen möchte..... wie diffferenzierst du ?

  2. SilkeAusL

    Was mich im Moment so an"bricht"😫: Unsere Nachbarin:"Oh, hoffentlich kommt Deine Große nicht zu Frau G. Wenn ja, versuch zu tauschen. Die ist total schlimm, schreit die Kinder an und mit ihr sprechen kann man auch nicht. S.musste wegen ihr ein Jahr wiederholen, weil sie ihr grundlos schlechte Noten gegeben hat! Unmögliche Frau.". Selbstverständlich bekommt meine Große jetzt Frau G.als Klassenlehrerin. Und die Tochter der Nachbarin hat es jetzt auch geschafft, mein Kind damit "anzustecken", sie jetzt schon schlimm zu finden. Die Schwestern von ihrer Freundin hatten auch beide bei ihr Unterricht, und die Mutter wusste nichts negatives zu erzählen. Ja, sie sei manchmal etwas strenger, aber das müsse ja auch mal sein. Ansonsten war sie zufrieden mit ihr und mag sie. Ich bin jetzt natürlich auch total verunsichert, obwohl ich eigentlich immer versuche, positiv an alles ranzugehen. Aber ich hatte in der GS auch 4 Jahre "so eine" Klassenlehrerin, die ihre Lieblinge und ihre "Hasskinder" hatte, die immer nur angeschrien wurden, weil sie "störten". Die Schulleitung hat aber extra betont, die Einteilung sei verbindlich. Und es WILL ehrlich gesagt auch keiner "tauschen". Ich habe gesagt, ich warte es erstmal ab. Sollte es sich aber bewahrheiten, was meine Nachbarin erzählt hat, müssen wir wohl Konsequenzen ziehen. Es wird dann ja nicht nur mich betreffen. Dann muss man wohl mal an entsprechender Stelle nachhaken, dass es SO nicht geht. Mein Kind soll keine Angst sondern Spaß an der Schule haben! Besorgte Grüße Silke

    1. Sassi
      Sassi

      Liebe Silke, dein Problem ist kein Seltenes. Auch hier gibt es totale Kämpfe um einen Platz in der Klasse der "besseren Lehrkraft". Leider. Ich persönliche finde ziemlich schwierig, was dir deine Nachbarin da um die Ohren haut. Ich würde bei solchen Aussagen immer vorsichtig sein. Ich bekomme seit Jahren immer wieder mit, wie Eltern Lehrkräften sehr übel nachreden, meist, wenn sie irgendwie ein Problem mit ihnen hatten. Gerade solche heftigen Aussagen, wie die deiner Nachbarin kannst du in der Regel gleich erstmal drei Stufen runter schrauben. Gerade wenn es deutlich positivere Gegenstimmen gibt. Bitte macht euch euer eigenes Bild. Versuch deine Tochter von dieser Beeinflussung fernzuhalten. Oder sprich mit ihr offen darüber. Mach ihr Mut. Lehrerkräfte haben ihre strengen Momente. Aber auch viele Kinder würden das manchmal von ihren Eltern sagen, auch wenn das kaum das echte Bild ist. Manchmal aus einer Laune heraus. Lasst das auf euch zukommen. Wenn ihr euch jetzt schon so darauf versteift, dass das schlimm wird oder, dass etwas schief laufen wird, steht das ganze zusätzlich unter einem schwierigen Stern. Dann wartet ihr zu sehr auf Fehler. Macht euch unnötig Angst und überschattet euch dieses schöner Erlebnis des Schulbeginns. Ich kann euch nur raten, ruhig zu bleiben. Der Lehrkraft offen zu begegnen. Ohnehin ein "Geheimtipp". Lehrkräfte, die streng und distanziert wirken, haben nicht selten krasse Sachen im Beruf erlebt. Vielleicht viel Undankbarkeit, Ungerechtigkeit, Überlastung. Und dann wirken sie verbittert. Sie haben sich eine Art Schutzpanzer zugelegt. Ein freundliches Wort. Ein nettes Lächeln. Ein offenes Zugehen, kann Wunder wirken. Kann sehr gut tun. Diese Erfahrung mache ich sehr oft. Also begegne Frau G. freundlich. Und wenn doch Probleme auftauchen, geht zuerst zu ihr. Versucht das unaufgeregt und sachlich zu klären. Ich wünsche euch von Herzen einen wundervollen Schulbeginn. Macht euch frei von dem Gerede anderer und macht euch ein eigenes Bild. Gebt dem ganzen eine Chance. Ich hoffe für euch, es wird alles gut. Und bei Fragen hast du hier jederzeit einen Ansprechpartner. Liebste Grüße, Sassi

  3. Was passiert in den ersten Wochen in der Schule?

    […] wir uns in den ersten beiden Artikeln der  Reihe #Grundschulzeit der Einschulung  und der Vorbereitung der Kinder auf die Schulzeit gewidmet haben, geht heute mit Teil drei und spannenden Fragen zu den ersten Schulwochen weiter, […]

  4. May

    Meine Große kommt jetzt auch in die Schule - und beim ersten Durchlesen denke ich "alles gut". Wir üben kein Schreiben mit ihr, rechnen ein bisschen, weil es sie interessiert (vor allem, wieviel Geld sue hat und was etwas kostet). Aber ich kenne einige der anderen Eltern aus ihrer Klasse und weiß, dass die sehr ehrgeizig sind und viel vorher lernen. Was macht denn die Lehrerin, wenn die halbe Klasse schon lesen kann? Langweilen die sich dann nicht?

    1. Sassi
      Sassi

      Liebe May, diese Unterschiede bei den Kindern (und auch der Elternschaft kenne ich gut). Ich habe ohnehin 20 Individuen vor mir sitzen. Und das einige der Kinder schon lesen kann, ist heute nichts Ungewöhnliches mehr. Ich finde das auch nicht schlimm, denn manche Kinder wollen sich damit wirklich einfach schon vor der Schule beschäftigen. Wenn es von den Eltern jedoch bewusst trainiert und forciert wird, finde ich das unnötig. Was mache ich mit den unterschiedlichen Kindern? Mein Unterrichtskonzept ist prinzipiell sehr offen und an der Montessoriphilosophie orientiert. Man kann z.B. prima im Tandem lernen (immer ein Leser und Nichtleser). Außerdem habe ich selten einen klassischen Lesetext, sondern verschieden Texte in verschiedenen Lesestufen und bilde Gruppen. Und neben dem Lesen gibt es ja noch eine Menge anderer Dinge, die in der 1. Klasse anstehen und mit denen sich die Leser dann beschäftigen. Liebe Grüße, Sassi

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