Leben ist, was passiert, während man Pläne macht…

Vorhang auf

Hallo, ich bin Sassi, 19 Jahre alt. Gerade fertig mit dem Abi. Aufregende Zeiten. So dazwischen. Abschluss und Neuanfang. Ja, ich werde wohl studieren. Also auf jeden Fall nicht Lehramt. Das wollen alle. Das erwarten alle. Weil ich das so toll könnte. Aber ich möchte lieber was Außergewöhnliches. Was zum Staunen. Was mit Kindern vielleicht trotzdem.

Und apropos Kinder. Ich mag sie. Hab ja selber vier Geschwister. Und bin eine gefragte Babysitterin. Aber selbst? Mama sein? Ich denke eher nicht. Ich steh nicht so auf Arztpraxen. Und während der Schwangerschaft muss man da doch dauernd hin. Und Spritzen, mit denen muss man auch rechnen. Und dann erst die Geburt. Wer tut sich das freiwillig an? Vielleicht adoptiere ich ja mal. Aber frei sein fühlt sich gerade gut an. Nein, Kinder kann ich mir nicht recht vorstellen.

Überblende

Ach, hallo, ich wieder, Sassi, 25 Jahre alt, Referendarin. Für Grundschullehramt. Fragt nicht. So richtig warm werde ich noch nicht mit dieser Berufswahl. Versteht aber keiner. Eine Prüfung nach der nächsten läuft hier mit Bravour. Aber nach Welt verändern fühlt es sich nicht an. Und das drängt in mir.

Die Kinder, die find ich toll. Das wirklich Gute. So unterschiedlich. Mit dem Kopf voller Wörter. Und so eigen. Ich merke jetzt schon, wie ich neue Wege suche. Ist aber schwer. Will man nichts von wissen. Und vor den Eltern werde ich gewarnt. Bisher ist’s ok. Ich mache gute Erfahrungen. Aber diese Erziehungssache, na, ich weiß ja nicht. Oft vermisse ich Konsequenz. Klare Regeln und Grenzen. Oft alles etwas überbehütet. Das sei doch nicht das Richtige. Heißt es doch immer. Viele meiner KollegInnen haben schon Kinder. „Du denkst völlig anders, wenn du mal eigene hast“, sagen sie. „Und bei den eigenen ist das anders“, höre ich. Eigene? Nicht in Sicht. Noch immer nicht Teil meines Lebensplans. Ich reise gerade viel. Genieße das Leben mit Freunden. Diese ganzen klassischen Wege kann ich mir noch nicht vorstellen. Seit einiger Zeit habe ich einen tollen Mann. Einen, bei dem „immer“ eine Option ist. Aber bitteschön ohne Ehe. Zu verstaubt.

2 Jahre später

Uffz. Puh. Huch, ach ihr wieder. Seid gegrüßt. Warum ich so stöhne? Na, seht ihr die große Kugel nicht? Da guckt ihr, was? Schwanger im neunten Monat. In wenigen Tagen soll es so weit sein. Nervenaufreibend das Ganze. Oh, wartet mal, ächz, war das jetzt eine Wehe? Ich google das später gleich mal. Nicht, dass ich hier was übersehe und zu spät losfahre und…

Ist ja alles fertig. Kinderzimmer, vor allem. Schränke eingeräumt und die Wiege aufgebaut. Da soll der Kleine von Anfang an drin schlafen. Sowieso im eigenen Zimmer. Was anderes fangen wir gar nicht erst an. So eine werd ich nicht, die ihr Kind nicht aus den Augen lassen kann. Einen Papa gibt es schließlich auch (erwähnte ich die Hochzeit?). Nur noch Kinder und Babykacke und nur noch ein Gesprächsthema. Nee, nee. Ich mach das alles anders. Das steht fest. Man muss das als Mama nur konsequent angehen, dann schläft so ein Baby auch. Und ruhig bleiben. Entspannte Mama, entspanntes Kind, oder?

So, und nun entschuldigt mich, ich muss noch was googlen…

Ein paar Monate später – morgens, sehr, wirklich sehr, sehr früh

Guten Morgen. Wie? Na, ich bin’s, Sassi. Ihr habt mich nicht erkannt? Machen wohl die Augenringe…

„Du denkst völlig anders, wenn du mal eigene hast“, sagten sie.

Wisst ihr, es ist alles wahr. Alles. Hätte mich denn nicht jemand noch deutlicher vorwarnen können? Oder mir, ob meines Holzweges, milde und wissend lächelnd auf die Schulter klopfen können? Mutterliebe. Wenn ich das gewusst hätte. Ihretwegen habe ich so ziemlich alles übern Haufen geworfen, was sich nur irgendwie werfen ließ. Ich lebe für meinen Sohn. Rund um die Uhr. Natürlich schläft er bei mir. Bei uns. Keine Sekunde mag ich ihn hergeben. Und von ihm reden könnte ich ständig. Da, guckt, jetzt fuchtelt er schon wieder so süß mit den Händchen.

Gutes Deo. Das ist wohl mein Tipp für nachfolgende Erstlingsmamas. Ich komme wegen ziemlich Vielem ins Schwitzen. Schreiattacken, sich ändernder Rhythmus, Stillchaos. Und gestern mussten wir zum Kinderarzt. 10 Minuten Autofahrt. 10 MINUTEN AUTOFAHRT! Ich saß hinten, Perlen auf der Stirn. Was, wenn er jetzt aufwacht? Was dann?

So vereinnahmend. Wunderbar. Einzigartig und zauberhaft. Aber es bleibt definitiv bei diesem einen Kind. Noch eine Geburt? Nochmal diese Tortur beim Stillen? Nochmal diese Hilflosigkeit? Dieses Gefühlschaos? Und eine Konkurrenz schaffen für dieses wunderschönste aller Erdenwesen? Niemals.

Kurzer Cut – Vorhang wieder auf

Hallo, ich bin Sassi, 30 Jahre alt, zweifache Mutter, Grundschullehrerin mit Herz. Ja, ich habe mich mit meinem Beruf versöhnt. Kenne meinen Weg und mein Ziel ein bisschen besser. Ich habe irgendwo angefangen. Denn jeder fängt irgendwo an. Und dann muss man vorwärts. Der Weg ist nicht gerade. Er ist schief und krumm, mit Schlaglöchern, mit Hügeln, mit Tälern, mal Sonnenschein, mal pfützennass. Er stellt einem Begleiter an die Seite. Und er ist nie vorhersehbar. Ich gehe ihn gerne und bin gespannt, was hinter der nächsten Kurve wartet.

Die Zeit lehrte mich, dass „immer“ und „niemals“ Worte sind, die nur selten, sehr selten gelten. Ich bin froh um meinen Horizont, der immer größer wird, die Farben wechselt und wann immer ich zurückblicke, muss ich schmunzeln. Über all die Dinge, an die ich mal wirklich fest glaubte und die mein Leben, mein Mann, meine Kinder, meine Freunde und mein Beruf immer und immer wieder verpuffen ließen und mir neue Gedanken gaben. Denn Leben heißt Veränderung.

Kommentare

  1. Florian

    Ein sehr cooler Text! Er hat mich darin bestärkt, meinen Weg zu gehen auch wenn ich momentan unzufrieden damit bin. <3 Lg florian.

    1. Sassi
      Sassi

      Danke. ❤️ Natürlich kann Unzufriedenheit auch mal der richtige Motor für Veränderug sein. In meinen Beruf habe ich wirklich hineinfinden müssen. Ich habe das, was er von mir forderte, stets gut gemeistert, aber ich hab mich darin nicht so recht zu Hause gefühlt. Aber ich hab dem ganzen eine Chance gegeben und mit der Zeit einen wahren Schatz in den Dingen gefunden. Ich wünsch dir das auch!

  2. May

    Sehr schön geschrieben! Und tatsächlich verblüffend für mich. Irgendwie dachte ich immer, so ein Weg wäre für Grundschullehrerinnen (gerade die guten) geradezu vorgezeichnet. Es ist mir tatsächlich nie in den Sinn gekommen, dass es anders sein könnte. Gerade deshalb interessant!

    1. Sassi
      Sassi

      Das hat viele überrascht. Es war Liebe auf den zweiten Blick. Aber Liebe ist es jetzt. Und das zählt. Liebe Grüße, Sassi

  3. Inga

    Toller Artikel! Automatisch denke ich darüber nach, wie ich an den einzelnen Stationen so war und welche Überzeugungen ich über den Haufen geworfen habe. In Bezug auf Kinder stelle ich fest: ich hatte nie einen Plan oder ein Erziehungsdogma und finde das ganz schön so! Alles entwickelt sich. Aber die Erkenntnis, dass sich das Leben mit Kindern oft nicht so planen lässt, wie man das möchte und wie man es sich vorher vorstellt, an die muss ich mich jeden Tag wieder gewöhnen! 😀 Jedes Kind ist anders, braucht etwas anderes und es hält sich dabei nicht an die Pläne der Eltern. Das verstehen viele in unserer Gesellschaft der maximalen Selbstverwirklichung erst, wenn sie selber Eltern sind. Und auch, dass man manchmal Pläne und Überzeugungen gerne für die Kinder aufgibt, einfach weil man sie liebt und ihre Bedürfnisse vor allem in den ersten Jahren an erster Stelle stehen.

    1. Sassi
      Sassi

      Das war, so weit ich mich erinnere, eine der schönsten Erkenntnisse meines Lebens. Dass man nicht alles planen kann und dass die Worte "nie" und "für immer" wirklich nur selten unveränderlich sind. Ich bin ein Kontrollmensch und mich auf etwas so Freies und Unvorhersehbares wie Kinder einzulassen, war mein größtes Abenteuer bisher.

  4. Sabrina

    Ich habe Tränen in den Augen. Das ist so schön geschrieben und tatsächlich kann einen niemand auf diese Mutterliebe vorbereiten. Ich bin auch wie May ein bisschen überrascht, da bei einigen die Wege von außen betrachtet wirklich total geradlinig und vorgezeichnet aussehen. Hach, aber wie schön, wenn man mit dem Ungeplanten was das Leben für einen bereithält, dann so glücklich und zufrieden sein kann. Alles Liebe weiterhin.

    1. Sassi
      Sassi

      Danke für deine lieben Worte. Natürlich hält das Leben auch mal nicht so schöne Überraschungen bereit. Die man nicht so willkommen heißen kann und die man verflucht. Aber dieser Artikel dreht sich um die Schönen. Die man früher nicht für möglich hielt. Und soll eine gewisse Grundhaltung dem Leben gegenüber zeigen. Ich freue mich sehr, über so wunderschönes Feedback. <3

  5. Aless

    So viele Sachen könnte ich für mich genauso schreiben. Das mit dem Beruf war bei mir anders, ich wusste seit dem ersten Schultag, dass ich mal Lehrerin werden wollte... Aber mit den Kindern ging es mir ganz genauso. Was habe ich diese "Weich-Muttis" belächelt und bemitleidet, die sich dermaßen von ihren Kindern beeinflussen ließen... die nicht sofort hart durchgegriffen haben. Heute bin ich froh über meinen Erfahrungsschatz und mein Herz voller Liebe und verteidige meine Kinder gegen alle, die mich auffordern endlich hart durchzugreifen. Heute schäme ich mich für manchen abschätzigen Blick und wünsche mir, ich könnte allen "Opfern" nochmal ein Lächeln schenken!

    1. Sassi
      Sassi

      So geht es mir auch. Hatte eine klare Haltung und Einstellung gegenüber diesen Eltern und jetzt schön ich mich ein bisschen dafür. Aber ich mache es jetzt wieder ein wenig gut, indem ich niemals verurteile (also abgesehen von gesetzeswidrigen Dingen), Eltern stets zulächle, hilfsbereit bin und immer gute Worte finde.

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