„Der Ernst des Lebens“ – Stark machen statt drohen

„Wenn du erst mal in die Schule kommst, kannst du das aber nicht mehr machen!“

„Bald kommst du in die Schule, dann ist Schluss mit lustig!“

„Du wirst dich umgucken, wenn du erstmal in der Schule bist.“

„Das werden sie dir in der Schule schon austreiben.“

„Da beginnt der Ernst des Lebens.“

Kennt ihr solche Sätze? Habt ihr sie schonmal gehört? In der eigenen Kindheit? Oder gar heute noch? Ich für meinen Teil kenne sie gut. Aus Kindertagen und ich begegne ihnen auch dieser Tage regelmäßig. Phrasen wie diese sind nach wie vor allgegenwärtig. Schnell dahingesprochen. Meist als Reaktion auf ein unerwünschtes, als nicht „regelkonform“ empfundenes Verhalten seitens des angehenden Schulkinds.

Was ist schon dabei?

Könnte man fragen. Schließlich wird es ja wirklich ein sehr neues Kapitel im Leben. Die Schulanfänger lernen eine völlig neue Welt kennen, mit ganz eigenen Regeln und großen Herausforderungen. Das wird ein gewaltiger Schritt für sie und manche tun sich in den ersten Wochen auch wirklich schwer. Ankommen braucht eben seine Zeit.

Die meisten Kinder freuen sich auf die Schule. Sie fiebern dem großen Tag ihrer Einschulung entgegen. Sie wollen richtigen Unterricht haben. Sind tatsächlich neugierig auf Hausaufgaben. Sie sind stolz auf ihren Schulranzen. Sie wollen lesen und schreiben lernen. Und rechnen. Sie wollen auch dazugehören. Groß sein. Diese Neugierde und Freude ist so wichtig und schön. Genau an ihr muss man anknüpfen, um diese jungen Menschen mit dem positivsten Gefühl in dieses neue Abenteuer zu entlassen. Es soll ja ein schöner Start werden.

Sätze wie die oben genannten tun genau dies nicht. Sie machen nicht neugierig. Sie machen Angst. Sie vermitteln den Ort Schule, das System Schule als Machtinstitution mit Regeln, die keinerlei Spaß mehr erlauben. Oder Freiheit. Sie sagen: „Dein Verhalten ist in der Schule so nicht erwünscht.“ Sie sagen: „Wenn du dich so verhältst, wirst du Probleme bekommen.“ Das Wort Bestrafung schwingt mit.

Aber so ist es doch? Schule ist ein hartes Pflaster.

Die eigene Schullaufbahn ist nicht immer rosarot. Sicherlich nicht. Es wird Schlaglöcher geben, Weggabelungen und unerwartete Hindernisse. Es wird mal stürmisch. Das möchte ich nicht bestreiten. Unser Bildungssystem ist für Kinder eine große Herausforderung. Zweifelsohne. Aber umso wichtiger ist es, sie gestärkt auf diesen Weg zu schicken. Der im Übrigen mit ebenso viel wunderbaren Erfahrungen bestückt ist.

Auch das Leben hat seine Hürden. Von Anfang an. Und eigentlich alle Eltern, die ich bisher kennenlernte, haben den Wunsch ihre Kinder stark zu machen. Ihnen das nötige Handwerkszeug mitzugeben, um diese Hürden zu meistern. Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein, Selbstständigkeit, Mut, Sicherheit und das Wissen, so geliebt zu sein, wie man ist. Man begleitet durch schwierige Phasen, gibt kleine Anstupser, tröstet und ist ein sicherer Hafen. Angst machen und drohen sind dabei wenig förderlich. Sätze wie „das Leben wird dich schon kleinkriegen“ würden wohl niemandem dabei helfen, tatsächlich auftauchende Krisen zu meistern und zum Glück hört man so etwas auch eher selten. Nur im Hinblick auf den Schulanfang, da fallen sie noch schnell. Die einschüchternden Sätze und negativen Erzählungen. Und sie haben Einfluss. Es gibt einige Studien darüber, wie baldige Schulkinder sich das Schulleben vorstellen. So wurden z.B. 5-Jährige beim „Lehrer spielen“ beobachtet. Fazit: Sie agierten besonders hart. Verteilten Strafen, stellten enge Regeln auf und quittierten „Fehlverhalten“ umgehend mit schlechten Noten. Nun weist dieses aufschlussreiche wie erschreckende Rollenspielverhalten sicherlich auch auf generelle Grundsätze unserer Leistungsgesellschaft oder klassische Erziehungsgrundsätze hin, aber die oben aufgeführten Drohungen, die Schulanfänger immer wieder hören, bestärken dieses strikte Bild auf das Schulsystem und deren Personen. Ein Ort voll Hierarchie, Sanktionen und Hindernisse. Diese Strukturen lassen sich durchaus finden, auch wenn ich betonen möchte, dass ich persönlich wirklich viele engagierte und den Kinder zugewandte Lehrkräfte kenne.  Aber, wie gesagt, umso wichtiger ist es, das eigene Kind zu stärken und nicht schon im Vorfeld zu entmutigen. Denn so hat es vielleicht schon gar keinen Blick mehr für all die schönen Dinge, die die ersten Schuljahre zu bieten haben.

Und wenn ich gefragt werde, wie man denn das eigene Kind auf die Schulzeit vorbereitet, antworte ich: „Machen Sie Mut, schaffen Sie Vertrauen und Zuversicht, stärken sie die Neugier und Vorfreude, geben sie der Selbstständigkeit Raum.“

Es braucht kein inhaltliches Vorwissen. Niemand muss Zahlen und Buchstaben kennen, wenn er zu mir in die Schule kommt. Das schaffen wir gemeinsam in den ersten beiden Schuljahren. Aber ich blicke am ersten Schultag gerne in aufgeregte, neugierige, vielleicht noch ein bisschen schüchterne, aber vor allem gespannte Gesichter. Gesichter von Kindern, die sich auf das freuen, was da kommt. Denn mit Zuversicht und einem positiven Blick begegnet man Hindernissen einfach anders.

Wie genau stärke ich mein Kind für die Schule?

1. Drohende Sätze vermeiden.

Sätze, wie zu Beginn des Artikels sollte möglichst nicht fallen. Sie verstärken die ohnehin vorhandene Unsicherheit und Anspannung.

2. Aus der eigenen Schulzeit erzählen.

Erzählt doch mal was Positives aus eurer eigenen Schulzeit. Ich weiß, viele verbinden nicht so viel Schönes mit dieser Phase, aber irgendetwas habt ihr vielleicht doch in guter Erinnerung. Eine besondere Lehrkraft, einen tollen Ausflug, die Freunde, lustige Spiele in den Pausen oder ein Lieblingsfach.

3. Vertrautheit schaffen.

Ihr könnt die Unsicherheit vor dem Unbekannten abbauen, indem ihr mit eurem Kind regelmäßig den baldigen Schulweg abgeht/abfahrt. Außerdem könnt ihr es in die Vorbereitungen einbinden. Gemeinsam das Schulmaterial kaufen und zu Hause in Ruhe bestaunen. Gemeinsam eine Schultüte basteln oder besorgen. Befüllen kann man sie ja trotzdem allein. Gemeinsam den Einschulungstag planen.

Und zum Schluss habe ich noch einen Buchtipp (keine Werbung) für euch. „Der Ernst des Lebens“ von Sabine Jörg und Ingrid Kellner. Dieses Buch behandelt das eben beschriebene Thema sehr liebevoll und zeigt, wie Kinder versuchen, die „Schuldrohungen“, die sie so oft hören, einzuordnen. Ich lese die Lektüre immer am Tag der Einschulung mit meiner neuen Klasse und finde sie einfach süß gemacht.

Kommentare

  1. Dirk

    Ja, das ist immer wieder erschreckend. Im Prinzip führen wir im Geiste immer noch alte Traditionen von vor 250 Jahren fort, als in Preußen die Schulpflicht eingeführt wurde und ehemalige Offiziere als Lehrer eingesetzt wurden. Kinder sollten erst mal Gehorsam lernen. Wir haben das immer noch nicht abgelegt. Schule ist für viele immer noch so eine Art staatlicher Disziplinarmaßnahme.

    1. Sassi
      Sassi

      Ganz genau. Und wehe, sie macht Spaß. Leider stoße ich mit meinen Unterrichtswegen tatsächlich auch noch bei vielen Eltern auf Granit.

  2. Suse

    Das Buch ist ein Muß für die Schultüte. Denn es relativiert all Negative, was man vorher so zu hören bekommt als Erstklässler.

    1. Sassi
      Sassi

      <3 Ich finde die Auflösung so bezaubernd.

  3. Frauerr

    Ein Sehr schöner Post! Ich glaube, oft projezieren Eltern eben ihre Erwartungen auf die Kinder. Und das schon vor Schulantritt. Wer es selbst schwer hatte in der Schule, wird das Kind nicht unvoreingenommen in die Schule schicken können. Zudem hoffen und bangen ja sehr viele Eltern um die berufliche Zukunft der Kinder, wenn diese kein Abitur "schaffen". Das erhöht den Druck. Natürlich ist das System Schule erst einmal ungewohnt für die Kinder aber ich kann nur hoffen, dass fähige Lehrkräfte eventuelle Vorbelastungen abfangen/ abmildern können, sodass die Kinder Freude am Lernen haben. Ich selbst (bislang nur als Referendarin) gebe mit Mühe damit. Liebe Grüße, Frauerr von thestruggleisreal31.blogspot.de

    1. Sassi
      Sassi

      Vielen Dank, ja, ich denke so ist es. Ich selbst blicke auch mit sehr gemischten Gefühlen auf meine eigene Schulzeit zurück und werde mich sehr darum bemühen, dies nicht auf meine Kinder zu übertragen. Zumal mein jetziger Blick auf die Schulwelt ein ganz anderer ist. Und wenn ich das so lese (und auch in meinem Leben beobachte), sind die Schulen wirklich voll toller LehrerInnen. Alles Gute für das Referendariat und viel Erfolg, Sassi

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