Die Stimme

In mir wohnt eine Stimme. Sie wohnt dort schon lange. Vielleicht seit ich denken kann. Sie lernte mit mir das Sprechen. Vielleicht auch schon vorher. Sie ist gemacht aus Angst und Wut. Sie ist gemacht aus Liebe. Aus Herzblut und Lebensgeschichte. Aus Narben und Stichen.

Es ist die Stimme, die sich für Komplimente rechtfertigt und sie kleinredet, statt sich zu bedanken.

Es ist die Stimme, die in jedem meiner Erfolge das Suppenhaar findet.

Es ist die Stimme, die einen Blick in den Spiegel zu einem Kampf macht, weil sie nur die Falten sieht, nicht aber das Lachen zuvor.

Es ist die Stimme, die mich nicht Nein sagen lässt, wenn ich es müsste und nicht Ja, wenn ich es will.

Manchmal ist sie leiser. Manchmal ist sie laut. Und es gab Zeiten, da schien sie sogar stumm. Aber in der Sekunde, in der ich Mutter wurde, begann sie zu schreien. Wurde unüberhörbar. Und stänkert nicht mehr nur mit mir, sondern mit meinem Mutterherz. Mein Mutterherz voll unendlich Liebe, voll unendlicher Angst. Voll von dem Wunsch, das Beste zu sein.

Die Stimme weiß das. Und sie nutzt das. Immer wieder. Jeden Tag.

Sie erinnert mich vorwurfsvoll an die Wäsche in der Maschine, wenn ich mir abends zum ersten Mal nach einem anstrengenden Tag ein Pause gönne.

Sie spült mir Zeitungsartikel über vernachlässigte Kinder in meine Gedanken, wenn ich mich gerade darüber freuen will, dass sich mein Sohn ohne zu weinen von mir trennt.

Sie stachelt mein schlechtes Gewissen an, wenn ich Zeit für mich einfordere.

Sie lässt den einen doofen Augenblick, den einen ungeduldigen Moment, den einen Streit so viel mehr wiegen als die hundert schönen Stunden zuvor. Die, die voller Hingabe, Ruhe und Nähe.

Sie belächelt mich, wenn ich um Hilfe bitte.

Sie verzeiht mir nur schwer, gesteht mir keine Fehler ein.

Sie lässt Stimmen von außen ungefiltert in mein Herz, stellt in Frage und nagt an meinem Vertrauen, meiner Sicherheit.

Sie flüstert unaufhörlich „deine Schuld“ in mein Ohr, wenn die Dinge nicht rund laufen. Wenn es meinen Kindern schlecht geht.

Meiner Zufriedenheit, meiner Ruhe, meinem Stolz begegnet sie allzu oft mit dem „Ja, aber…“-Zeigefinger.

Sie erinnert mich an Vergänglichkeit und Zeit, wenn ich das Hier und Jetzt genieße.

Sie ist nicht fair, ihre Ansprüche unerreichbar.

Sie ist nicht selten.

In vielen von uns wohnt so eine Stimme. Ein hauseigener Spielverderber. Der in den unmöglichsten Situationen dazwischenfunkt. Der das Leben schwer macht. Uns im Weg steht. Gewachsen aus der eigenen Lebensgeschichte.

Diese Stimme ist ein Teil von mir. Anstrengend, fordernd und ungerecht. Ich verwünsche sie oft. Suche Wege, sie loszuwerden. Doch je älter ich werde, umso mehr verstehe ich, dass das kaum möglich ist. Man kann sich nicht leugnen. Auch diese Seiten nicht. Und vielleicht ist es manchmal gut, dass sie da ist. Denn sie lässt mich hinterfragen, lässt mich offen bleiben, zeigt mir die andere Medaillenseite. Das ist nicht immer falsch.

Diese Stimme ist ein Teil von mir. Aber eben nur einer. Einer von vielen. Sie verschwindet nicht, aber ich kann ihren Worten, ihrem Stänkern entgegen treten und sie nicht zu laut werden lassen. Ich kann ihr etwas entgegensetzen und sie in Einklang bringen mit all den anderen Teilen die mich ausmachen. Mit meiner Intuition. Mit meinem Wissen. Mit meinem Vertrauen. Mit meiner Selbstachtung. Mit meinem Optimismus. Ich kann eine Balance finden.

An manchen Tagen gelingt mir das. An anderen weniger. Doch ich lerne jeden Tag mehr mit ihr umzugehen. Mit dieser Stimme. Gemacht aus Angst und Wut. Aus Narben und meiner Geschichte. Aber auch aus Liebe und Schutz. Sie darf bleiben. Sie gehört hierher. Als ein Teil von mir. Neben vielen anderen.

 

Kommentare

  1. Verena

    Wow, das ist mein Leben! Genau so. Und da ich dich jetzt gerade gefunden habe, ebenfalls Mama und Schule, wie bei mir, habe ich das Gefühl in den Spiegel zu sehen und darin nicht nur mein Gesicht zu sehen. Das, was du schreibst, erlebe ich genau so! Unfassbar schön, das in deinen Worten zu lesen! Danke. Freue mich darauf, mehr von dir zu lesen. Bis bald!

    1. Sassi
      Sassi

      Liebe Verena, das sind sehr liebe Worte. Vielen Dank. Es rührt und freut mich immer zutiefst, wenn meine Worte erreichen. <3

  2. ruediger

    "Der hauseigene Spielverderber".... sehr getroffen.

  3. Melanie

    Liebe Sassi! Auch ich kenne und habe diese Stimme. Aber sie wird immer leiser... Trotzdem weiß ich, dass sie immer da sein wird. Ein unerwünschter Gast. Vielleicht aber auch einfach nur das Gegengewicht, damit man manchmal nicht vor Glück platzt. Ich wünsche mir nur so sehr, dass sie nie wieder laut wird. Denn diese Aufmerksamkeit verdient sie nicht. Dafür ist hier kein Platz mehr! Liebste Grüße, Melanie

    1. Sassi
      Sassi

      <3

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