Oh Elternabend, du Kleinod des Schulwahnsinn

Elternabende können neuerdings in meinem Leben gleich zweierlei Bedeutung haben. Die einen beschreiben eine späte Tageszeit, zu der mein Mann und ich erschöpft vom Tag auf dem Sofa liegen, eine Flasche alkoholfreies Bier in der Hand und ein wenig mehr oder minder romantische Elternzweisamkeit genießen. Die anderen Elternabende entsprechen ihrer klassischen Bedeutung und sind eine regelmäßige Freude meines Berufes.

Back to school – Back to Elternabend

Nach den ersten Schulwochen folgen sie ganz unweigerlich – die ersten Elternabende. Sie sind ohnehin schon ein besonders eigensinniges Juwel meiner Arbeitswelt, aber seit ich Mama bin, stellen sie mich noch einmal vor neue, ganz ungeahnte Herausforderungen. So verlangt ein Elternabend beispielsweise von mir, dass ich nach 20.00 Uhr…

1. …etwas trage, das eine nennenswerte Distanz zu einem Pyjama aufweist.

2. …sinnvoll aneinandergereihte Haupt- und Nebensätze verfasse, die auch noch eine gewisse Aussagekraft besitzen.

3. …generell und überhaupt wach bin.

Punkt 1 und 3 habe ich weitgehend erfüllt, als ich um kurz nach acht in meinem Klassenzimmer sitze, hübsch sortiert in einem netten Stuhlkreis und 19 gebannten Augenpaaren entgegenblicke, die nun von mir erwarten Punkt 2 in die Tat umzusetzen.

Ich schaue in die Runde, die dort auf winzigen Stühlchen, die Knie bis zu den Ohrläppchen hochgezogen, sitzt und auf ein Startsignal wartet. Es ist die klassische Zusammensetzung eines Elternabends in der Grundschule. Ein bis zwei Übereifrige mit ausgedruckter Tagesordnung, Notizbuch und gespitztem Bleistift, bereit jedes meiner Worte genauestens zu protokollieren, ein Elternteil, dass die Einladung zur heutigen Veranstaltung mit der Aufforderung zur Moderation derselbigen verwechselt hat, eine Elternclique, die sich laut gackernd auf den neuesten Stand der kleinstädtischen Dinge bringt und eine restliche Masse, die mit leeren Augen der Dinge harren, die da kommen, hoffend, dass alles möglichst schnell vorüber ist.

Lasst die Spiele beginnen…

Ich begrüße alle Anwesenden, stelle den groben Ablauf vor und gebe das Wort anschließend gleich weiter, denn bevor ich mein beeindruckendes Programm zum Besten gebe, steht noch die Wahl der Elternvertreter an. Eine Prozedur, die sich größter Unbeliebtheit erfreut und der ich glücklicherweise nicht beiwohnen darf. Ich ziehe mich dezent zurück und verlasse den Raum. Im Flur nehme ich an einem kleinen Tischchen Platz und warte. Ein Blick auf mein Handy verrät mir, dass zu Hause alles gut gelaufen ist und mein Mann nun seinen Elternabend genießt.

Drinnen geht es heiß her. „Kommt schon“, „Einer muss aber jetzt“, „Ich mach das nicht nochmal“, „Wie wärs mal mit den Männern“, „Man muss doch eigentlich fast nichts machen“, „dankbarer Job“, „Na gut, dann wird jetzt gelost“ sind die Satzfetzen, die zu mir nach draußen dringen. Nach 5 Minuten weiterem Gemurmel folgt Applaus und wenig später werde ich wieder hineingebeten. Ich gratuliere den gewählten Vertretern – einem Papa, der noch ganz verschreckt auf seinem Stuhl sitzt und sich vermutlich fragt, wie zur Hölle das passieren konnte und zwei Mamas. Jene mit Notizbuch und Bleistift.

Nun beginnt mein Part. Man mag es bis hierher vielleicht nicht vermuten, aber unabhängig von der Tageszeit und meinem derzeitigen Müdigkeitsstatus mag ich Elternabende. Irgendwie. Sie fordern mein soziales Geschick auf unterhaltsame Weise und wenn man sich als Moderator dieser Veranstaltung versteht und ein wenig kommunikatives Geschick besitzt, ja vielleicht sogar ein wenig Humor aufbringen kann, dann ist das alles in allem eine durchaus positive Abendbeschäftigung. Der Blickwinkel macht’s. Wie so oft.

Und so hangeln wir uns durch Organisatorisches, Fächerinhalte, Ausflugstermine und Fragen. Jede Menge Fragen. Die „Warum-Phase“ meines Sohnes ist ein Witz gegen das „Warum-Inferno“, das ein Elternabend mit sich bringt. Früher habe ich das charmant belächelt. Muss man denn immer alles so zerreden? So genau wissen wollen? Heute erkläre ich gern in aller Ruhe, dass meinen Schülerinnen und Schülern in Musik keine Fünfen drohen, nur weil die Eltern nicht singen können, dass es absolut in Ordnung ist, dass das erstandene Lineal biegsam ist, weil die anderen leider ausverkauft waren und dass ich es vertretbar finde, keine Gurke in die Brotbox zu geben, wenn das Kind nun mal keine Gurke mag.

Seitenwechsel…

Denn vor kurzem saß ich plötzlich selbst bei ähnlichen Veranstaltungen. Diesmal als Mutter. Und bevor ich wusste, wie mir geschieht, hatte die erste Frage bereits meinen Mund verlassen. Wenn es um die eigenen Kinder geht, dann ist ein ausgereiftes Interesse an den Dingen, denen die Schützlinge tagtäglich ausgesetzt sind, einfach natürlich. Sicherlich kann man dabei übers Ziel hinausschießen, das passiert auch immer wieder, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass besonders in der ersten Zeit geduldiges Beantworten und Ernstnehmen eine Basis schafft und die Fragen mit der Zeit deutlich weniger werden lässt. Vertrauen muss man sich verdienen.

Die Fragen verebben, die Themen sind abgegrast, die Luft im Klassenzimmer hat mittlerweile eine dezente Miefnote angenommen und so beende ich die Versammlung und bedanke mich für das zahlreiche Erscheinen. Es entsteht eine kurze Stille, die gerade versucht, ins Peinliche abzurutschen, als plötzlich ein Klatschen ertönt. Es stammt von dem Vater, der zuvor als neuer Elternvertreter gewählt wurde und sich von diesem Schock scheinbar noch nicht gänzlich erholt hat. Ein paar Eltern schließen sich an und schnell entsteht ein kleiner wenn auch verwirrt wirkender Applaus.

Etwas irritiert nicke ich lächelnd. Man soll die Lorbeeren ja nehmen, wie sie fallen. Und ich fühle mich nach einem Elternabend tatsächlich ein wenig wie ein Pilot, der ein großes Flugzeug sicher und ohne größere Komplikationen auf die Landebahn manövriert hat. Warum nicht also Applaus?

Das Zimmer lichtet sich und nach ein paar weiteren Minuten bin ich allein. Ich atme einmal tief ein und schnappe mir das Tablett mit den von mir spendierten Snacks. Natürlich wurde wie immer nichts angerührt, aber genau darauf habe ich spekuliert. Es wird eine kalorienreiche Heimfahrt. Aber das hab ich mir verdient.

Kommentare

  1. SilkeAusL

    Hach Mensch, wie gerne hätte ich Dich als Grundschullehrerin für meine Große. Leider hab ich von unserer Nachbarin schon viel Negatives im Vorfeld gehört, was jetzt zum Schluss- ohne mein Zutun- bis zu meiner Tochter vorgedrungen ist. Und unser Nachbarsjunge, der mit diese Panik verbreitet hat (zu dem Zeitpunkt wusste noch niemand, in welche Klassen aufgeteilt wird), hat eine andere Lehrerin bekommen. Jetzt heißt es abwarten. Normalerweise hätte ich ja mit so einem Gerede keine Probleme, weil die Aussagenn für mich zu subjektiv sind und hätte gedacht:"Ach, lass'e reden!" Leider hatte ICH aber eben genau so eine Lehrerin, wie mir von der Nachbarin beschrieben wurde, als Grundschullehrerin. Auch wenn es in mir kein "Trauma" verursacht hat(und "damals"noch andere Zeiten waren-es stand mehr der Unterrichtsstoff denn der einzelne Schüler im Vordergrund), bin ich trotzdem- jetzt im Rückblick betrachtet- gerne zur Schule gegangen. Schön war es trotzdem nicht. Angeschrien zu werden zum Beispiel(was diese jene welche Lehrerin meiner Tochter auch machen soll...Ausserdem ist sie zu keinem schnellen Gespräch außerhalb ihrer "Termine" bereit. Es ist eine kleine Schulen mit nur je 2 Klassen pro Jahrgang "aufm Dorf"). Aber nichts destotrotz "freue" ich mich auch schon "sehr" auf die Elternabende(habe ich doch schon im Kindergarten innerlich viel die Augen verdreht)und bereite im Geiste schon mal einen nassen Tafelschwamm für die "ja aber...!"-Sager vor 😅. Sehr schön geschrieben von Dir, ich "bewundere" Deine Mühe und Deine Geduld! Hoffnungsvolle Grüße Silke

  2. ruediger

    gerne und mit schmunzeln gelesen. :)

  3. Svenja

    Genau so ist es! Haha. Am besten gefällt mir die Frage nach dem biegsamen Lineal... Ich versuche auch immer alle Fragen ruhig und zufriedenstellen zu beantworten, aber innerlich breche ich manchmal zusammen :)

    1. Sassi
      Sassi

      Es hat oft was von Kabarett.

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