Erste Stunden

Es sind schon viele Stunden, die uns einen. Viele Stunden voller überfüllter Wäschekörbe, voller Sandberge in der Wohnung, voller Schlafmangel, voller süßer Worte und erster Schritte und viele Stunden voller Liebe. Ich kann sie nicht mehr zählen. Zusammengefasst sind es 3 Jahre. Fast. Und den nahenden besonderen Tag, deinen Geburtstag, möchte ich nutzen, um auf ein paar ganz einzigartige Stunden zurückzuschauen. Die ersten Stunden. Deine. Meine. Unsere.

Es ist ganz still.

Es gibt keine Stimmen mehr. Keinen Laut. Keine Zeit. Keine anderen Menschen. Alles hat kurz angehalten. Noch eben fegte ein Orkan durch dieses kahle Zimmer. Durch mich und meinen müden Körper. Noch eben brauste und tobte es. Eben noch hatte ich auf dich gewartet. Deinen Papa an meiner Seite haben wir uns durch den Sturm gekämpft. Dann ein erster Schrei und das Gefühl eines Bündels auf meinem Bauch. Dann Stille. Die Welt steht. Ich versuche, wieder ruhiger zu atmen. Ich schaue dich an. Ich bin überrascht. Du fühlst dich so echt an. Viel schwerer als ich dachte. Ein richtiger Mensch. Einfach so und plötzlich da. Und dann siehst du mich an. Mehr ein Blinzeln. Deine Augen sind tiefblau und tragen alles in sich. Alles Wissen dieser Welt, alle Weisheit. Und das ist die Sekunde. Die Sekunde, in der du mich hast. In dieser Sekunde explodiert mein Herz und durchflutet mich. Mit Liebe. So mächtig, dass sie augenblicklich alles einreißt, an das ich noch vor Minuten fest glaubte. Und mich durchflutet Angst. Eine Angst, die mich bis in jede Fingerspitze ausfüllt. Angst, dir könnte etwas passieren. Angst, dass das hier nicht real ist. Dass ich dich doch wieder verliere. Angst vor allen Herausforderungen, die dir das Leben stellen wird. Eine Angst, die nie wieder erlöschen wird. Angst, die mein neues Mutterherz für immer prägen wird. Nur mit der Zeit lässt Vertrauen und Erfahrung sie oft schweigen.

Das war diese Sekunde.

Ganz langsam beginnt, die Welt sich wieder zu drehen. Völlig neu.

Ich erwache langsam aus diesem Moment. Wir sind nicht allein. Dein Papa hält noch immer meine Hand. Er lässt erst los, um nach deiner Hand zu greifen. Er streichelt sie. Schaut dich an und sagt nichts. Er sagt ohnehin nur wenig, das wirst du sicher bald merken. Aber er braucht keine Worte. Nicht viele.

Ich komme wieder zu mir. Decke dich noch ein wenig weiter zu. Versuche dieses Gefühl zu verstehen. Ich habe es geschafft. Wir. Du und ich. Ein bisschen auch dein Papa. Es liegt hinter uns. Und ab jetzt ganz viel vor uns.

Es ist nicht mehr still. Stimmengewirr um mich herum. Es wird getan, was zu tun ist. Krankenhausroutine. Ich lasse sie gewähren. Mein Blick gilt nur dir. „Bald kann ich sie alle anrufen“, denke ich, „und ihnen sagen, dass es dich gibt.“ Stolz durchströmt mich. Und dann höre ich dich. Du machst dich bemerkbar. Laut und durchdringend. Die letzten Minuten waren eine kleine neue Ewigkeit. Jetzt kommst du an. Deutlich und stark. Meine Ohren und mein Herz eichen sich auf diese Töne. Auf dieses Rufen.

Und in diesem Moment wusste ich es schon. Habe ich sofort gespürt, wer du bist und wie du sein wirst. Dass dir das Grelle, das Laute, das Hektische stets zuviel sein wird. Dass du immer Rückzug brauchst ohne zu viel Kontakt. Dass es auf die Zwischenzeilen ankommen wird. Auf die kleinsten Kleinigkeiten. Dass du die Welt um dich herum ins Detail wahrnimmst und dass dir das schnell Angst macht. Dass du Wege finden musst, damit umzugehen. Dass nichts nie Selbstverständlich werden würde. Dass wir Geduld brauchen würden. Du und ich. Ein paar Augenblicke haben ausgereicht. Und ich wusste, wer du bist. Und du wusstest es auch. Wer ich bin. Dein Blick zuvor hatte es gesagt.

Ein bisschen Standard

Wiegen. Messen. Anziehen. Foto. Es gefiel dir nicht. Mir auch nicht. Ich lag da. Unendlich müde und doch bis in die Haarspitzen geschärft. Erst als meine Arme dich wieder sicher hielten, atmete ich aus.

Draußen war es dunkel. Muss es gewesen sein. Wenn ich deine Ankunftszeit lese, dann war es so. Ich selbst weiß es nicht mehr. So viele Stunden. Tageszeiten kamen und gingen. Jetzt gab es sie nicht mehr. Keinen Rhythmus, nur einen Anfang.

In der Sicherheit weißer Decken und Kissen brachte man uns auf ein Zimmer. Dann fiel die Tür ins Schloss. Ruhe. Nur wir drei. Eine Familie. Zum ersten Mal. Deine Augen waren schon zugefallen. Bald auch die deines Papas. Und ich lag da. Du ganz nah neben mir. Ich lächelte das leere Babybettchen an, das man uns bereitgestellt hatte und ahnte, dass nichts so werden würde, wie noch gestern von mir geplant. Liebe ist nicht planbar. Diese Gefühle sind es nicht. Ich war erschöpft und müde. Und doch blieben meine Augen so offen wie mein Herz. Ich konnte nicht einschlafen. Aus Angst, es wäre am nächsten Morgen nur ein Traum gewesen. In diesem unechten, schummrigen Licht lag ich da, meine Hand um deine und saugte sie auf. Diese ersten Stunden. Dein Leben. Mein Leben. Unser Leben.

Und eines Tages…

…da wird es auch letzte Stunden geben. Meine letzten. Da wird mein Weg ein Ende finden. Ein Gedanke wie Blei. Und doch wünsche ich mir etwas für diesen Augenblick. Für diese Atemzüge. Ich wünsche mir diese Bilder. Ein Gedächtnis, dass diese bewahrt hat. Daran will ich denken. An diese, an unsere ersten Stunden. An das Schönste, was mir mein Leben je schenkte. Diese ersten Momente. Du und ich. Die möchte ich mitnehmen, wenn ich gehe. Daran will ich denken.

Ich liebe dich. Seit vielen Stunden. 3 Jahre fast.

Deine Mama.

Kommentare

  1. Melanie

    Wunderschön ❤ mitten ins (Mama-)Herz ❤ vieles so vertraut. Herzseufz ❤ Melanie

  2. Theresa

    Das ist wirklich wunderbar geschrieben. Ich hatte erst am Wochenende den ersten Geburtstag unseres vierten Kindes zu feiern und konnte die ganze Nacht nicht schlafen, so sehr war ich drin in den Flashbacks der Geburt und den wunderschönen Erinnerungen. Es ist ein Geschenk, das so erleben zu dürfen und ich glaube, die Erinnerungen halten für immer. Ich kann die Nacht meiner Geburt fast miterzählen, denn an jedem Geburtstag erzählt Mama von neuem, wie schön es war, als ich geboren wurde - "kaum warst du da, fingen die Vögel an zu zwitschern" , so sagt sie immer. Wer diese magischen Stunden auch toll beschrieben hat, war Reinhard Mey http://www.reinhard-mey.de/start/texte/alben/die-erste-stunde

    1. Sassi
      Sassi

      Danke. So eine schöne Erinnerung. Tolle Mama. Vier Kinder, wow. Tatsächlich die Zahl, die wir uns hier auch mal vorstellen können. ❤️ Das Lied werde ich auf jeden Fall anhören. Ich mag den Mey total, aber das kenne ich tatsächlich noch nicht.

  3. Hanna

    Oh Gott Sassi, mich hat selten ein so schöner Text zum weinen gebracht... Dein Sohn ist ein wunderbarer kleiner Mensch geworden, aber das muss ich dir nicht sagen. Der Rubbelbatz vermisst ihn sehr und fragt oft, ob ihr das seid, wenn ein Auto in den Hof fährt.

    1. Sassi
      Sassi

      Vielen lieben Dank! <3 Ich bin derzeit aber auch wirklich sentimental. Zwei Geburtstage so hintereinander sind ein harter Brocken fürs Mamaherz. Ja, ich hab ja erzählt, dass mein liebster Sohn völlig enttäuscht war, dass wir nach Berlin fahren, aber den kleinen Lord nicht besuchen.

  4. isabelle

    Was für ein unfassbar schöner,bittersüßer Text. Du hast mich ins Herz getroffen und dank dir hab ich mich gerade auch erinnert. An die weisen Augen meines neugeborenen Sohnes. Und ja, man erkennt sie. Gerade jetzt im Rückblick. Hach. Die Sache mit der Liebe

  5. Chantal

    Was für einen wunderschönen Beitrag <3

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