Grüße aus Dazwischen

Es ist 22.07 Uhr abends.

Ich liege im Bett. Neben mir tiefe, ruhige und gleichmäßige Atemzüge. Sie kommen von zwei zauberhaften Geschöpfen. Solche, die mich Mama nennen. Solche, deren Entwicklung ich mit überschwellendem Herzen betrachte. Deren Größerwerden ich voller Stolz erwarte und bestaune.

„Warte hier“, hat er heute zu mir gesagt, „ich mach das alleine.“ Wie so oft in letzter Zeit warte ich. Lasse ihn selbst erobern. Dieser dreijährige Junge, der doch eben noch als kleines Bündel auf meinem Bauch lag, nimmt seine Welt immer mehr für sich ein. Er schmiert sich sein Brot. Putzt alleine seine Zähne. Er entdeckt den Spielplatz, während ich bei der kleinen Schwester im Sandkasten sitze. Er gießt sich allein ein Glas Wasser ein. Bezahlt selbst unsere Brötchen. Er legt sich seine Tuschsachen bereit. Er fährt allein die große Rolltreppe in der U-Bahnstation und lässt mich erst folgen, wenn er oben angekommen ist. Er weiß genau, welche Lieder seine Schwester beruhigen und singt sie ihr vor, wenn sie weint. Stolz sehe ich ihm nach, wie er sich im Stadtdschungel bewegt. Immer zwei Schritte voraus, aber an jeder Straße wartend, bis ich da bin.

Ich bin so froh über seine Flügel, wissend um die starken Wurzeln, die er bei uns hat. Fortschritt kann Angst machen und immer wieder muss er überprüfen, wie fest die Wurzeln sind, wie stark das Band. Das fordert. Und trotzdem. Es ist ein wunderbares Gefühl, dieses Wachsen zu sehen und manchmal atme ich richtig auf, wenn wieder ein Meilenstein erreicht ist.

Und dann ist da noch meine Zweite. Das Baby, das längst keines mehr ist. Die kleinen Füßchen, denen am Anfang selbst die winzigsten Söckchen kaum passten. Diese Füßchen, mit diesem besonderen Duft der ersten Monate. Diese Füßchen standen heute zum ersten Mal fest auf dem Boden. Ohne, dass sich Hände irgendwo festhielten. Nein, diese Füßchen trugen heute ein kleines Menschlein. Ganz allein. Und wisst ihr, Stolz nutzt sich nicht ab. Es ist noch nicht lange her, da stand mein Großer. Ließ los und stand. Und es ist noch immer genauso besonders. Und ich noch immer die gleiche Mama, mit dem Glitzer in den Augen und dem unbändigen Glücksgefühl, wenn es einen Schritt weiter geht. Meine Kinder größer werden. Wenn sie wachsen. All das denke ich. Neben mir die Atemzüge.

Es ist 22.19 Uhr abends.

Ich liege im Bett. Noch immer wach. Noch immer in Gedanken. Neben mir tiefe, ruhige und gleichmäßige Atemzüge. Sie kommen von zwei zauberhaften Geschöpfen.

„Warte hier“, hat er heute zu mir gesagt, „ich mach das alleine.“ Wie so oft in letzter Zeit warte ich. Lasse ihn selbst erobern. Dieser dreijährige Junge, der doch eben noch als kleines Bündel auf meinem Bauch lag, nimmt seine Welt immer mehr für sich ein. Und manchmal, da schnürt sich mein Herz zusammen. Drei Jahre. Wie ein Wimpernschlag. Es geht schnell. Manchmal zu schnell. Er braucht mich nicht mehr immer an seiner Seite. Manchmal lieber dahinter. Ein Schritt überstolpert den nächsten und ich komme kaum hinterher. Er schmiert sich alleine sein Brot. Löst seine Hand aus meiner. Erobert seine Welt. Und ich sehe ihm hinterher und vermisse das kleine menschliche Bündel, das einst nur mich sah und brauchte. Und noch ein, zwei Wimpernschläge mehr, dann sind wir ein, zwei Schritte weiter. Die Wurzeln wird er weiter prüfen, wird sie weiter fordern, aber dann reicht vielleicht ein Blick. Eine kleine Frage.

Es ist ein schmerzliches Gefühl, dieses Wachsen zu sehen und manchmal halte ich die Luft an, wenn wieder ein Meilenstein erreicht ist.

Und dann ist da noch meine Zweite. Das Baby, das längst keines mehr ist. Kam es mir nur so vor, oder habe ich hier noch schneller geblinzelt? Hier war es doch höchstens ein halber Wimpernschlag? Sie hat die Zeit noch schneller laufen lassen und manchmal habe ich das Gefühl, ich habe dieses Baby verpasst. Das steht ein Kleinkind vor mir. Steht. Eine klare Persönlichkeit. Mit eigenem Kopf und klaren Worten. Stolz nutzt sich nicht ab. Aber wisst ihr, Wehmut auch nicht. Und es geht noch immer genauso tief. Und ich bin noch immer die gleiche Mama, mit den Tränchen in den Augen und dem schweren Herzen, wenn es einen Schritt weiter geht. Meine Kinder größer werden. Wenn sie wachsen. All das denke ich. Neben mir die Atemzüge.

Ich bin Mutter. Und ich lebe im Dazwischen. Immer hin- und hergerissen. Zwischen Stolz und Vorsicht. Zwischen Ungeduld und Wehmut. In Erwartung der nächsten Schritte und dem Versuch, festzuhalten. So ist es und so wird es bleiben. Ich werde einst aufgeregt Schultüten befüllen. Und mich doch zurücksehnen. Ich werde einst voller Glück auf Abschlussfeiern klatschen und sentimental an diese Schultüte denken. Ich werde einst stolz auf Hochzeiten tanzen oder auf anderen Feiern und mich erinnern. An Zeiten, in denen es neben mir nicht viel gab.

So ist es und so wird es sein. Schwer und schön. Irgendwie dazwischen. Grüße von dort.

 

 

Kommentare

  1. Lene123

    Ich habe dich vor gerade mal 3 monaten entdeckt. Auf Instagram. Als eine Empfehlung einer anderen Mama-Bloggerin. Und ich bin so begeistert von dem, was du schreibst. Hauptsächlich folge ich dir bei instagram. Habe heute erst das zweite mal auf deinem blog vorbeigeschaut. Und du triffst mir immer mitten ins herz, mit dem was du schreibst, was du sagst, mit den gefühlen, die du auf so viele arten und weisen transportierst. Es ist so wunderbar dir zuzuhören. Es gibt mir so oft kraft, nerven oder lässt mich sachen nochmal überdenken. Bisher war ich eher eine stille Folgerin aber ich glaube, das sollte ich langsam mal ändern und aktiv werden. Du bist ein ganz toller Mensch. Behalte dir deine tolle offene, fröhliche und ganz bezaubernde Art bei :) Liebe Grüße Lene

    1. Sassi
      Sassi

      Ach, liebe Lene, vielen Dank für deine Worte. Es bedeutet mir sehr viel, wenn meine Worte Menschen erreichen. Wenn sie etwas auslösen. Und in anstrengenden Zeiten, wie sie es mit 2 kleinen Kindern gerne mal sind, gehen mir so liebe Sätze wie deine natürlich direkt ins Herz. Danke, Sassi

  2. isabelle

    Hach bittersüß und genau. Ganz genau so geht es mir auch! Deine Worte sind meine Gefühle auf Papier gebracht. Danke. Und nun lege ich das Handy weg und lausche meiner liebsten Einschlafmelodie. Dem Atmen meiner Kinder. Und werde mich diese Nacht darin üben der Enge im Bett und der geklauten Decke etwas positives abzugewinnen. Denn bald. Ein paar Wimpernschläge weiter,da werde ich wieder alleine (naja....hoffentlich zu zweit) in meinem Bett liegen und wehmütig an mein überfülltes Bett voll warmer Kinderhändchen und füßchen zurückdenken. Lange Tage. Kurze Jahre. Oder wie war das?!

    1. Sassi
      Sassi

      So poetische Worte <3

  3. coffeefee

    liebe sassi! genau, ganz genau so ist es. lebenslanges dazwischen in stolz, freude, mitfiebern und wehmut. danke! 💜

    1. Sassi
      Sassi

      <3

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