Ich bin die, mit dem Schlüssel in der Hand

8.15 Uhr. Klack, klack, klack. Die Schuhe der jungen Frau hallten durch die Flure des Schulgebäudes. Klack, klack, klack. Sie bereute, heute morgen diese Wahl getroffen zu haben. Stundenlang hatte sie gegrübelt, überlegt, verworfen. Sie wollte seriös wirken, etwas hermachen. Heute an diesem ersten Tag. Sie wollte zeigen, dass sie jetzt einen Schritt weiter war. Einen Schritt erwachsener. Keine Schülerin mehr. Bald sogar Studentin. Das war sicher. Nur was genau sie studieren wollte, das konnte die junge Frau beim besten Willen nicht sagen. Nur eines stand lange fest, den Beruf, den jeder in ihr sah, den ihr jeder zuschrieb, den jeder von ihr erwartete, seit sie denken konnte, mit genau diesem Beruf konnte sie nicht warm werden.

„Aber eine Chance soll er kriegen“, dachte die Frau. Darum war sie heute hier. In dieser Schule. Für einige Wochen sogar. Um eine Chance zu geben, um zu beobachten, zu lernen. Und um zu entscheiden. Klack, klack, klack. Ja, sie war einen Schritt weiter. Und nun war dieser Schritt so verdammt laut und aufdringlich. „Ich hätte doch die Sneaker nehmen sollen.“

Eine Tür öffnet sich.

Der Unterricht hatte bereits begonnen. Die Klassenräume mit Leben gefüllt. Die Frau hatte bis eben noch Gespräch, einweisende Worte und Schlüsselübergabe. „Jetzt bin ich die mit dem Schlüssel in der Hand“, murmelte sie. Und in diesem Moment ahnte sie noch nicht, dass dies einst der Satz sein würde. Der Satz, der die Frage beantworte. Der sie versöhnt und den Knoten platzen lässt. Dieser Satz würde es werden. In ein paar Jahren.

Die Frau blieb stehen. Vor einer roten Tür. Vorsichtiges Anklopfen. Von drinnen ist ein deutliches Stimmengewirr zu hören. Aber keine Antwort. Erneutes Klopfen, diesmal kräftiger. Nichts. Langsam öffnete die Frau die Tür. Niemand achtete auf sie, als sie zaghaft eintrat. Ein wenig verwirrt betrachtete sie die ungewöhnliche Szene, die sich ihr bot. Soweit sie informiert war, wurde diese Klasse von 19 Kindern besucht. Und eben diese Kinder waren kreuz und quer im Klassenzimmer verteilt. Sie kletterten über Tische und Stühle oder krochen darunter durch. Einige schlichen an der Tafel vorbei, andere kugelten über die üppige Kissenlandschaft in der Leseecke. Man hatte der jungen Frau zuvor einen Stundenplan in die Hand gedrückt. 1. Stunde Mathe stand darauf.

„Ist eure Lehrerin nicht da?“, wollte die Frau gerade rufen, als aus einer Ecke des Klassenzimmers eine laute und klare Stimme erklang: „6 mal 3!“ Die Frau, die zu dieser Stimme gehörte, war nicht sehr groß und schlank. Sie trug eine braune Strumpfhose, Stiefel aus wunderschönem Wildleder und ein schlichtes, perfekt sitzendes Kleid. Um ihren Hals hing eine Kette, die aus 5 großen, herbstgelben Perlen bestand. Eine elegante und trotzdem lockere Erscheinung. Ihre Haare waren kurz und in einem intensiven Orange-Kupfer-Ton gefärbt. Ihre stechend grünen Augen schauten wach durch eine auffällige Brille mit großen Gläsern, die diese eindrucksvolle Gesamterscheinung perfekt abrundete. Das musste also die Lehrerin sein. Ihr Blick war freundlich und die junge Frau empfand sofort eine klare Sympathie.

„6 mal 3“ schallte es erneut durch den Raum und augenblicklich kam noch mehr Bewegung in die hier herumturnende Schülerschaft. In Windeseile fanden sich die Kinder zu Dreiergrüppchen zusammen. Eine Schülerin blieb übrig und eilte zur Lehrkraft und klatsche ab. „Es passt nicht ganz“, rief ein anderer Schüler. Eine bleibt übrig. Also ist das Ergebnis 18, weil wir sind ja eigentlich 19.“

„Jawoll“, rief die Lehrerin laut, „jetzt hast du’s!“ Nach diesem Aufruf kehrten die Kinder an ihre Plätze zurück, es wurde ruhig und plötzlich bemerkte man die junge Frau, die noch immer im Türrahmen stand. Auch der Blick der Lehrkraft fiel nun dorthin und sie bahnte sich ihren Weg an Stühlen und Ranzen vorbei. „Ach, Guten Morgen, die Praktikantin, richtig? Schön, dass du da bist. ich sag du, oder? Du bist ja schließlich Kollegin. Wir sind mitten im Einmaleins. Nicht wundern, bei mir ist es selten still. Manchmal schon. Man braucht ja beides. Du kannst dich hinten hinsetzen, wenn du magst. Aber eigentlich halte ich davon nicht viel. Ich brauch dich hier. Vorne. Oder mittendrin. Zuschauen allein bringt nicht viel. Ich habe gerne jemandem im Unterricht. Am besten wir steigen gleich ein. Die Kinder arbeiten gleich individuell. Schau dich um und unterstütze ruhig. Ach ja und ich bin Frau Hasel. Aber nenn mich Ida.“

Zack, bumm. Der Unterricht wurde fortgesetzt. Mit viel Material, Austausch, Kichern, Fragen und kindlichen Fachdebatten. Die junge Frau fühlte sich, als wäre sie in einen Bullerbü-Roman geschmissen worden. Ein Kinderbuch. Denn so etwas war ihr bisher nicht begegnet. Gerade noch war sie selber Schülerin gewesen. Oberstufe. Bestehend aus Abiturdruck, Notenkampf, Fächertakt und dicken Büchern. Das hier war so anders. Und diese schillernde Figur, die dort zwischen den Gruppentischen hin- und hertanzte, lobte und nachbohrte und im rechten Momente vielsagend zwinkerte, diese leuchtende Person, der man sofort auch ein bisschen Magie zutraute, die war so ganz anders, als das, was die junge Frau bisher kennengelernt hatte.

„Eine Chance soll er kriegen, dieser Beruf“, das war es, was die Frau beim Betreten des Schulgebäudes gedacht hatte. Und da vorne stand sie. Die Chance. Die Möglichkeit in diesem Beruf etwas zu sehen. Sich ihm anzunähern. Ihn neu zu entdecken. Da stand sie. In Form einer Frau mit orangenkupfernen Haaren und einem Herz, das für diese Sache schlug. Dann musste da was dran sein…

Und heute blicke ich zurück.

Zurück auf diese junge Frau. Denn die gab es wirklich. All das gab es wirklich. Nur Ida Hasel mag eventuell anders heißen. Aber nicht sehr. Die junge Frau fand an jenem Tag in ihr ein Vorbild und ihre Mentorin. Fand an diesem Tag einen ersten Weg in einen Beruf, den sie so lange abgetan hatte. Sie erkannte, dass es etwas mit Berufung zu tun hatte.

Heute bin ich vielleicht nicht mehr ganz so jung. Noch ein paar Schritte weiter. Dieser Beruf wurde mein Beruf. Meine Berufung. „Jetzt bin ich die mit dem Schlüssel in der Hand.“ In vielerlei Hinsicht. Ich kann so viel tun. So viel bewirken. Auch wenn es uns nicht immer leicht gemacht wird. Wir uns in engen Grenzen bewegen. Grenzen, die mich wütend machen, mich unnötige Kraft kosten. „Umso wichtiger, dass es uns gibt“, hatte Frau Hasel mal zu mir gesagt, „je düsterer es ist, umso wertvoller ist Licht. Selbst der kleinste Schimmer wird gebraucht. Und ich mag es, gebraucht zu werden. Das ist etwas Großes. Danach streben so viele und wir bekommen es. Einfach so.“ Jahrelang hatte ich gehadert. Mich fast für meine Berufswahl geschämt. Langweilig, spießig, belächelt. Das System verflucht. Und dann dieser Satz. Der platzende Knoten.

Heute gehe ich den Flur entlang. Klack, klack, klack. Manche Dinge ändern sich nie. Manche Schuhe auch nicht. Und ich bin die mit dem Schlüssel in der Hand. Ich drücke die Klinke der Tür herunter und weiß, das hier ist etwas Großes.

Denn ich werde gebraucht.

(Für Frau B. – Danke für alles was du warst und bist.)

 

 

Kommentare

  1. Kathi

    Was für ein schöner Text, der mir so aus der Seele spricht! Ich bin "Sonderschullehrerin" (in Bayern heißt das noch so, ganz furchtbar) und bin auf ganz ähnlichem Weg zu meinem Beruf gekommen. Ein Praktikum, das ich einfach mal gemacht habe und dann war da diese tolle Lehrerin! In meinem Fall schon über 60 und einfach eine Inspiration! Und diese Kinder, die einem so viel zurück geben! Da war es klar! Ich möchte keinen anderen Beruf haben!

  2. Tamara

    Wie toll. Wie wundervoll. Das Herz wird ganz warm beim Lesen und Mitfühlen 💜

  3. May

    Wie schön! Das erinnert mich sehr an einige tolle Lehrer, die ich hatte. Eine besonders, eine Kunstlehrerin, die mir gezeigt hat, was Begeisterung für den Beruf ist. Und für Menschen. Die immer das Beste in allem und allen gesehen hat. Leider ist sie viel zu früh gestorben. Aber sie hat einen Unterschied gemacht, einen großen.

    1. Sassi
      Sassi

      <3 Wertvoll!

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