Ja, genau du!

Hey, du! Ja, genau du! Du, mit den Augenringen. Du hast Kinder, stimmt’s? Kleine, sicherlich. Mit kurzen Nächten. Oder sehr langen. Je nachdem. Ja, genau du. Du, mit der grübelnden Stirn, die dich verrät. Die zeigt, dass dein Kopf voller Gedanken ist. Immer und zu jeder Zeit. Abschalten fällt dir schwer. Mutterherzen machen das so. Sie furchen Sorgenfältchen. Lachfalten auch. Zum Glück.

Ja, genau du. Du, mit dem schlabbrigen Pullover, der den Bauch versteckt. Mit dem schlichten Zopf, der die ungekämmten Haare bändigt. Du, mit dem teuren Make-Up, das die Schlaflosigkeit vertuschen soll. Wenigstens ein bisschen. In den Spiegel schaust du gerade nicht gern. Zu viel missfällt dir. Du findest immer etwas. Und du bist wütend. Auf die hartnäckigen Schwangerschaftserinnerungskilos. Auf die Schwerkraft. Auf diesen Körper, der jetzt deiner sein soll und doch so gar nichts mehr mit dir gemeinsam hat. Irgendwie. Du bist wütend über all die Texte, die dir sagen wollen, was ihr geleistet habt. Du und dein Körper. Welches Wunder. Dass du stolz sein sollst auf jedes Gramm. Und du nickst und wünscht dir, du könntest das so einfach. Zufrieden sein. Aber es will dir nicht gelingen.

Ja, genau du. Du, mit der Tasche unterm Arm. Sie ist voller Hefte und Arbeitsmaterial. Du arbeitest. Weil du musst. Aber nicht nur. Ein bisschen willst du auch. Denn du liebst, was du tust. Aber ich sehe ihn. Den zweifelnden Blick. Das nagende schlechte Gewissen, das nie ganz still ist. Die Fragen in deinem Kopf. Bin ich eine schlechte Mutter? Schade ich meinen Kindern? Sind die liebevollen Menschen, die sie in dieser Zeit umsorgen, wirklich so wunderbar, oder will ich das so sehen? Ist genug Zeit? Bin ich eine schlechte Mutter? Verbaue ich ihnen etwas? Vermissen sie mich arg? Werden sie es mir irgendwann vorwerfen? Bin ich eine schlechte Mutter? Ist der Große darum so sensibel? So ängstlich?  War ich das? Geht es ihnen nur bei mir gut? Und, bin ich eine schlechte Mutter?

Ja, genau du. Du, mit dem einzigartigen Ehering am Finger. Eine Spezialanfertigung. Einzigartig. Ein Unikat. Genau wir ihr beide. Zusammen. Du drehst den Ring nervös hin und her. Du hast noch etwas zu erledigen heute Abend. Bleibt da noch eine Lücke für euch? Gibt es noch genügend Euch? Zu müde, zu beschäftigt, zu erschöpft, zu eingeschlafen. Es beschäftigt dich. Ist das in Ordnung? Darf das mal so sein? Was muss?

Ja, genau du. Du, mit dem Handy in der Hand. Du liest angestrengt. Eine Nachricht aus der Ferne. Von deiner Besten. Du vermisst sie. Du würdest gerne viel öfter. Das schlechte Gewissen. Es kann an vielen Stellen nagen.

Ja, genau du. Du, mit dem abgeblätterten Nagellack. Dein Blick fällt flüchtig darauf. Du überlegst. Wieder. Da ist zu wenig Zeit. Für dich. Für Ruhe. Für Auszeit. Vielleicht wäre es ruhiger. Vielleicht wäre dann weniger Karussell. Man soll sich selbst nicht vergessen. Hast du gerade erst gelesen. Du liest es immer wieder. Über die richtigen Wege. Die einzig richtigen. Die einzig wahren. Die und keine anderen. Kannst du da mithalten? An manchen Tagen, da stehst du fest. An anderen Tagen sitzt du. So wie jetzt. In der U-Bahn. Und starrst grübelnd durch das Fenster in den dunklen Schacht.  Ja, genau du. Die, mit dem Spiegelbild im Fenster.

Siehst du? Ja, du. Schau mal genau hin. Blick dir ins Gesicht. Ja, da sind müde Augen und ein paar Falten mehr. Und vielleicht ein wenig runder. Aber schau hindurch, schau nach links und rechts. Siehst du auch den Stolz in deinem Blick? Auf die letzten Jahre. Auf diese zwei Wesen, die dich und dein Leben umkrempeln? Siehst du nicht das kleine Lächeln, weil du gerade an sie denkst? Weil du dich auf sie freust? Immer wieder neu? Siehst du, wie schön das macht?

Ja, du. Schau mal genau hin. Auf deine Tasche. Du leistest viel. Du leistest Großes. Und schau auf das Gesicht deiner Tochter, wenn sie ihre Tagesmutter sieht. Das freudige Quieken. Die offenen Arme auf beiden Seiten. Schau in das Gesicht deines Sohnes. Der freudig winkt. Der in sprudelnden Worten erzählt, wenn du ihn abholst. Worte, denen du vertrauen kannst. Dem es gut geht. Schau in die Gesichter eurer Kinder, die dich haben. Jeden Tag. Voll und ganz. Für Stunden. Nur ihr. Siehst du, wie wertvoll das ist?

Ja, du. Schau mal genau hin. Auf deinen Ehering. Ein Unikat. Er passt niemand anderem. Nur dir. Er ist für dich gemacht. Und er auch. Ihr hattet immer eure eigenen Regeln. Und offene Worte. Ihr hattet immer mal mehr Euch, mal weniger. Und es war immer gut so. Es ist gut so. Siehst du, wer ihr seid?

Ja, ganz genau du. Mit den Nachrichten auf dem Handy. Und den Lieblingsmenschen in der Ferne. Sieh genau hin. Es sind ausgewählte Worte, die ihr euch schickt. Sie sind voller blindem Vertrauen. Voller Verständnis und Respekt. Und voller Unabdingbarkeit. Siehst du, was das zählt?

Ja, du, dich meine ich. Dich, mit dem abgeblättertem Nagellack. Aber dem Kopf voller Ideen und Worte und der Zeit, sie hier zu verewigen. Ganz genau du, sieh hin, was du schaffst. Ein wenig Karussell brauchst du. So war es immer. Trau dich und sei gut zu dir. Milde. Und fair. Sei nicht immer nur Richter. Vergiss die einzigen, richtigen Wege von denen man die erzählt. Von denen es tausend einzig Richtige gibt.

Weißt du, Sorgenfältchen sind Teil des Vertrags. Das macht das Mutterherz so. Aber auch Lachfältchen. Viele davon. Zum Glück.

 

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Kommentare

  1. Sandy

    Du. Wir. Mitten ins Herz. ❤ Danke. Von Herzen ❤ Liebste Grüße, Deine Wallawalla-Mähne-Mum 😅

    1. Sassi
      Sassi

      Herzdame. ❤️

  2. Julie

    Was für ein wundervoller Text! Wie recht du damit hast!

  3. Anne

    Ach! Ja! Du sprichst mir soooo aus dem Herzen. Ständig dieses Zweifeln und Hetzen, organisieren und machen. Und zum Glück dann auch diese unbändige Liebe. Das ist es wert. Nicht einfach, aber einfach großartig. Danke für deine Worte!

    1. Sassi
      Sassi

      Danke fürs Lesen! ❤️

  4. Anita

    Oh, wie treffend. Einfach zauberhaft! Danke.

    1. Sassi
      Sassi

      Danke. ❤️

  5. Anini

    Wie schön 😍

    1. Sassi
      Sassi

      Danke! ❤️

  6. coffeefee

    danke, liebe sassi, für diesen text! die "eigenzeit", die fehlt oft und wird als erster über bord geworfen, wenn es mal wieder drunter und drüber geht. und dann wieder gibt es zeiten, da sucht man sich eine neue definition für "eigenzeit" und kann innehalten und genießen. ein dickes herz für dich, die du deine gedanken, die die gedanken so vieler sind, so treffend in worte fasst! deine coffeefee

    1. Sassi
      Sassi

      Vielen Dank für deine, die ich ebenso wertvoll aufnehme. ❤️ Und ich hab dich nicht vergessen. Also deine Fragen. Und irgendwann wenn’s ruhiger ist, dann bekommst du Antworten.

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