Die Listenschreiberin

Stellen Sie sich einen Schreibtisch vor. Groß und geräumig. Mit Ecken und Kanten. Nicht ganz eben. Mit kleinen Kerben, hier und da abgeblätterter Farbe und Tintenklecksen. Sie sind verwaschen und ausgeblichen, aber noch deutlich zu erkennen.

Und an diesem Tisch sitzt eine Frau. Eine Frau mit Ecken und Kanten, mit kleinen Kerben und Tintenklecksen auf der Hand. Verwaschen zwar, aber deutlich zu erkennen. Die Frau sitzt oft hier. Mit ihrem Stift. Und schreibt. Sie schreibt Listen. Unzählige davon. Einkaufslisten. Listen, die sie erinnern. Listen voller Termine. Gedankenstützen. Rettungsleinen für ihren übervollen Kopf, der nie stillsteht. Nicht stillstehen kann. Zu viele Wörter wohnen in ihm. Zu viele Bilder. Zu viele Lieder. Die Frau kennt das. Es war schon immer so. Nie anders. Also findet man seine Wege. Oder eben seine Listen. Sie schaffen Ordnung. Und, was vielleicht noch viel wichtiger ist, sie geben Sicherheit. Etwas, das im Leben der Frau nicht selbstverständlich war. Brüchig. Eine Lücke, viel zu oft. Etwas, das sie sich erkämpfen musste.

Und darum sitzt sie da. Und schreibt Listen. Die Listenschreiberin – das bin ich.

Es war ein gutes System. Es funktionierte. Bis zu dem einen Tag. Damals vor fast 4 Jahren. An einem Dienstag im Januar. Da erfuhr ich, dass ich nicht mehr allein bin. Ab jetzt nie mehr. Da leuchtete deutlich das Wort ’schwanger‘ vor meinen Augen auf und brannte sich ein. Ein paar Monate gingen ins Land. So wie bisher. Erstmal weitermachen und warten. Warten auf das, was sich da so zaghaft angekündigt hatte. Ein merkwürdiger Zustand. Echter als alles zuvor und doch so unbegreiflich. Ich war dankbar für Tabellen und Listen in dieser Zeit. War dankbar für Fachkräfte, die beruhigende Daten notierten. War froh um Mittelwerte und Normen. Die pragmatische Sicherheit, ich erwähnte sie. Jedes Abweichen nagte ein bisschen  an mir. Vielleicht auch ein bisschen mehr. In die Raster zu passen. Ein wertvoller, wenn auch nicht sonderlich glanzvoller Schatz für solche, die Sicherheit missen.

So ging es voran. Und irgendwann war da nicht mehr viel Zeit.

Zum Glück. Man wird ja ungeduldig. So gegen Ende. Es galt, sich vorzubereiten und ich tat, was ich schon immer getan hatte. Ich nahm mir Stift und Papier und schrieb. Ich schrieb Einkaufslisten. Babybett, Kinderwagen, Handtücher, Bodys. Ich notierte alles. Vom Wasserthermometer bis hin zur kleinen Portion Ersatznahrung. Schließlich weiß man nie. Ich verglich Preise, hakte ab. Ich verfasste einen nahezu lächerlich detaillierten Geburtsplan. Bevor ich die Kliniktasche pünktlich vier Wochen vorher in Angriff nahm, schrieb ich eine bis ins Kleinste durchdachte Packliste. Ja, ich ertränkte die letzte Zeit in Bürokratie. Wollte nichts dem Zufall überlassen.

Dann kam der Tag. Besser gesagt die zwei Tage. Ein Orkan. Ein Urknall. Und die ersten Stunden. Und von der ersten Sekunde an war nichts, absolut nichts so, wie ich es geplant hatte. Das kleine Bündel da auf meinem Bauch öffnete die Augen und lachte meinen Listen ins Gesicht. Na gut, es schrie ihnen ins Gesicht.

Das warf mich völlig aus der Bahn. In mir wohnte keine Sicherheit. Einfach so. Ich hatte sie immer selbst schöpfen müssen. Von außen. Listen als Strohhalme. Und an die klammerte ich mich verzweifelt. Ich machte alles ganz anders, als es da stand. Ich machte es von Anfang an gut. Denke ich. Ich hörte auf meinen Sohn. Auf die leisen und die vielen, vielen lauten Töne. Ich folgte ihm, ließ ihn die Richtung weisen. Doch es fühlte sich lange wie Versagen an, denn so stand es doch nicht auf meinen Listen.

Es war alles so anders. Schön. Herausfordernd. Und mit Liebe überhäuft. Aber anders. Und das kann erschrecken. Alle belächelten Ratgeber, schimpften über Normtabellen. Ich verstand es und war doch heimlich froh, dass es sie gab. Sie waren ein Halt. Nicht jeder findet gleich diese geballte Kraft. Das Vertrauen. Und für jene sind es Anker.

Die Monate gingen ins Land. Ich schrieb weiter. Notierte und brachte zu Papier. Starrte auf die vielen Worte und Werte und hoffte auf eine Antwort von ihnen. Ich wartete lange. Ich wartete vergebens. Und während ich da saß, tat mein Sohn, was er am besten konnte. Er wirbelte. Er machte Unordnung. Er schnappte sich meine Listen. Knüllte sie, gluckste freudig über jedes Rascheln. Stopfte sich meine Worte, auf die ich so viel Hoffnung gesetzt hatte, neugierig in den Mund. Ein Papier nach dem anderen musste dran glauben. Und während ich hilflos nach etwas suchte, das mir nun die Wege vorgeben sollte, stand mein Sohn auf. Langsam, leicht wackelig. Noch Papierfetzen an der Strumpfhose klebend. Und machte seine ersten Schritte. Einen nach dem anderen. Eine Hand in die Luft gestreckt, wissend, dass ich jederzeit da sein würde, um sie zu halten. Wenn er es wollte.

Und in diesem Moment glimmte es endlich auf.

Ein Funke Sicherheit. Ein Schein Vertrauen. Nicht von außen. Sondern in mir. In meinem Herzen. In meinen Fasern. Plötzlich flüsterte eine Stimme, leise zwar, aber unüberhörbar, dass alles gut war. Und richtig. Dass alles so sein sollte. Dass nicht die Listen und Werte darüber entschieden, ob mein Weg, ob unser Weg der richtige war. Etwas in mir hatte von Anfang an gewusst, was zu tun war. Was wir brauchten. Was gut für uns war. Ich war ihm gefolgt. Ich hatte nur nicht vertraut.

Ich blickte auf den Schreibtisch. Er war fast leer. Kein Papier. Keine Listen. Und zum ersten Mal machte mir das keine Angst. Er war frei. Ganz viel Fläche. Man sah seine Kerben nun deutlich und auch die verwaschenen Stellen. Aber er hatte nie besser in dieses Zimmer gepasst.

Ich blickte auf mich. Kein Papier, keine Listen. Ich war frei. Oder befreiter. Zumindest. Ganz viel Fläche. Und diese Fläche ist übersät mit Kinderlachen, Luftküssen, mit Milchduft, mit Sand, mit getrockneten Tränen, mit Marmelade und Augenleuchten, mit kleinen Fingerabdrücken. Sie ist gepflastert mit tausend wunderbaren Worten. Und ein paar doofen. Aber Gewitter gehören dazu. Und all diese Dinge geben mir Sicherheit. Lassen mich wissen, dass es gut ist. Vielleicht nicht alles. Nie ganz. Aber fast. Und fast alles ist schon ziemlich schön.

Ich habe viel gelernt in den letzten Jahren. Vieles war kostbar. Doch der größte Schatz war das Finden meines Vertrauens. Zu merken, dass ich das kann. Dass ich etwas ganz sicher weiß, etwas fühle. Einfach so. Aus mir heraus. Ohne dafür zu kämpfen. Ein Gefühl wie Goldmünzenregen.

Ich schreibe immer noch. Nur Listen weniger. Ich schreibe andere Dinge jetzt. Ich schreibe sie groß.

Dinge wie „Du bist gut!“, „Er ist gut!“, „Ihr seid gut!“

Kommentare

  1. Lene123

    Wieder so ein schöner Text, der mich zum nachdenken anregt, mir zeigt, wir sind nicht alleine mit unseren Gedanken und Gefühlen und mir Mut gibt, doch nicht alles falsch gemacht zu haben. Mir ging es auch so, dass ich mich gerne an Listen, an "Regeln" oder an "Standards" geklammert habe. Aber so ist es nicht. Mein kleiner Sohn hat mich eines besseren belehrt, mein Leben bereichert und mein Handeln und Denken dadurch so positiv beeinflusst. Ich bin immer noch ich, aber ein ich 2.0, das Dinge nun klarer sieht, auch ohne Listen, Standards. Das auch mal seinem Herzen und Bauch vertraut ohne fünfzigmal nachzufragen. Wieder mitten ins Herz dein Text <3

  2. Melanie

    ❤ Wundervoll auf den Punkt gebracht! LG, Melanie

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