9 Buchstaben

Es gibt Tage, die sind so. Es gibt Tage, die sind ganz anders. Und dann gibt es Tage, die sind nichts von alledem. Die sind groß. Monumental. Säulen der eigenen Lebensgeschichte. Denkmäler. Sie kommen nicht oft. Eine handvoll solcher Tage. Vielleicht zwei Hände. Und heute erzähle ich euch von einem dieser Tage…

14. Januar 2014

Der Wecker klingelt. Es ist 6.17 Uhr. Der gleiche unerträgliche Klingelton meines Handys. Die Melodie hat sich unvergessen in mein Gehirn gebrannt. Sie war so eingestellt. Ich habe es nie geändert. Gewöhnung ist so eine Sache. Ich erwache allein. Mein Mann beginnt seinen Morgen in einer anderen Stadt. Frisch verheiratet. Zwei getrennte Wohnungen. Zwei Orte. Eine bewusste Entscheidung. Eine gute. Ehe ist eben einzigartig für jeden.

Draußen ist es noch dunkel. Im Gebäude gegenüber brennt in einigen Fenstern schon Licht. Ein Arbeitstag erwacht zum Leben und mit ihm Menschen, die ihn ausfüllen. Ich kuschle mich noch tiefer in meine Decke und wie jeden Morgen zögere ich das Aufstehen hinaus. Irgendwas in mir scheint immer auf ein Wunder zu hoffen, das mir aus heiterem Himmel einen freien Tag beschert. Ist natürlich nie passiert. Und mehr bleibt nicht zu sagen.

Aufstehen im Winter ist kalt. Eine Kälte, die man irgendwie nur schwer wieder los wird. Trotz aller Wolle, die der Kleiderschrank so hergibt. Für heute wähle ich eine schmale Jeans, ein klassisches, weites Oberteil und eine Strickjacke.  Eine mit Taschen. Und eine dieser Taschen wird in wenigen Stunden tonnenschwer gefüllt. Auf dem Weg ins Bad begegne ich meiner besten Freundin. Wir teilen  uns diese Wohnung und viele Pläne. Sie ist bereits um eine Morgenzigarette und vor allem eine Tasse Kaffee reicher und zumindest Letzteres erwartet auch mich. Lebenselexier. Wir murmeln „Guten Morgen.“ Aufstehen im Winter hat nicht viele Worte. Im Bad. Ein bisschen Kämmen. Ein bisschen Make-Up. und was sonst eben so ansteht.

Wir brechen gemeinsam auf. Zur Schule. Ich in pinken Sneakern. Sie machen Januartage ein wenig bunter. Es ist Dienstag. Für uns beide ein langer Tag. Meine Beste springt an ihrer Schule raus. Auf mich warten 20 weitere Minuten Autofahrt. Unterwegs halte ich noch bei der Tankstelle mit den guten Muffins. Frühstück muss sein.

Ich bin, wie so oft, die erste an der Schule. Ich mag das. Ruhe. Mein Kaffee. Einstimmen auf die nächsten Stunden. Die sind weniger ruhig. Und mit nicht so viel Zeit für Kaffee. Schön trotzdem. Nach und nach trudeln meine Kolleginnen ein. Die Schule wird lebendig. Der Kopierer beginnt seinen Dienst. Wortwechsel am Kaffeeautomaten. Absprachen. Beobachtungen. Dann das Zeichen. Ich mache mich auf in den zweiten Stock. Mein Klassenzimmer. Groß. Weite Fenster. Und unverwechselbar meine Note. Die Bilder an der Wand. Das Material. Ein Blick in den Stundenplan. Ach ja, Ethik. Eine Doppelstunde. Wir sprechen heute über Freundschaft. Ich mag diese Stunden. Zeit für solche Gespräche gibt der Schulalltag viel zu wenig her. Es folgen Musik und Deutsch. Mathe und Sport. Eine Pausenaufsicht. Und ein bisschen Zeit für die Muffins. Am Ende der 6. Stunde schicke ich meine Klasse nach Hause. Ein unspektakulärer Tag soweit. Jetzt habe ich 15 Minuten, bevor meine AG beginnt. Ich leite den Schulchor. Ich beginne eine Einkaufsliste zu schreiben, denn im Anschluss an den Unterricht will ich Besorgungen machen.

„Aufstrich fehlt. Und Butter. Ach, und in den dm könnte ich auch noch. Neues Shampoo…“, überlege ich so vor mich hin. Dann versuche ich mich zu erinnern, ob ich nicht auch neue Frauenhygienartikel bräuchte. Schließlich müsste ja bald…erneutes grübeln…eigentlich müsste doch demnächst…rechnen…müsste nicht sogar heute? Ich zähle rückwärts. Ja, doch, heute. Mein Körper ist Preuße. Immer pünktlich. Immer. Sogar fast bis auf die Minute. Eine Verspätung mag manch einen kaum kümmern, mich macht sie sofort unruhig. „Aber wie soll denn…“, lenke ich sofort ein. „Nein, kann ja gar nicht…“, versichere ich mir. Und dann fällt es mir ein. Einmal. Doch. „KÖNNTE SEIN!“, schreit es in meinem Kopf und ehe ich so richtig merke, was passiert, haste ich zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppenstufen hinunter. Ohne Jacke. Und renne zur nächsten Apotheke. An der gegenüberliegenden Straßenseite.

Eine freundliche Verkäuferin nimmt mich in Empfang und ich stottere ihr halb atemlos mein Problem entgegen. Sie beginnt eine Beratung nach Lehrbuch. Über digitale Anzeigen und Striche. Über Preise und Produktbewertungen. Über Handhabung und Sicherheit. Ich nehme das Teuerste. Einen Sprint später, stehe ich vor der Toilettentür im Schulflur. LEHRERTOILETTE steht da. Laminiert. Natürlich. Ich schaue auf die Uhr. Noch 4 Minuten, dann beginnt mein Unterricht. Nun gut. Ich reiße die Verpackung auf und befolge die Anweisungen, deren Details ich hier mal ausspare.

Dann warten. Ich habe das digitale Produkt. Irgendwas fängt an zu blinken. Ich drehe die Anzeige um. Solange ich nichts sehe, ist alles wie bisher. Ist alles möglich. Und ich weiß nicht, welches „möglich“ es eigentlich sein soll. Die Zeit drängt. Und die Aufsichtspflicht. Ich halte den Atem an und drehe die Anzeige herum. Zack. Schnell. Wie Pflasterabreißen. Ein Wort. Nicht zwei. Nur eines.

9 Buchstaben. Und plötzlich ist da Leben.

Dieses Bild meißelt sich in meine Erinnerung. Wie ich da sitze. Auf dem Schulklo. Und diese 9 Buchstaben lese. Hallo du, ich bin deine Mama. Und gerade komplett aus der Bahn geflogen.

Ich stecke den Test mit tonnenschwerer Bedeutung in die Tasche meiner Strickjacke und gehe, wie in eine Blase gehüllt, in mein Klassenzimmer. Meine Chorkinder sind schon fast alle da. Ich krame mein Handy aus dem Korb und tippe. Es werden mehr als 9 Buchstaben: „Hallo. Ich denke, du wirst Vater.“ Dann lege ich das Handy zur Seite und leite den Chor. Wie jeden Dienstag in den letzten Wochen. Der Alltag wartet nicht auf Kometeneinschläge. Ich beende die AG ein paar Minuten früher. Mein erster Blick geht zum Handy. Eine Nachricht: „Echt jetzt?“

Ein Telefonat.

„Krass.“

„Total.“

„Und nun?“

„Mach ich wohl mal einen Termin bei der Ärztin.“

„Gut.“

„…“

„Soll ich zu dir kommen.“

„Ja. Nein. Ach, doch. Ich weiß nicht. Ja?“

(lachend) „Bis später.“

Dann wieder Alltag. Hefte korrigieren. Unterricht vorbereiten. Sich beim Bäcker gegenüber mit Nervennahrung versorgen. „Auf das Essen freue ich mich“, denke ich plötzlich. Und google, ob ich Butterbrezeln eigentlich jetzt noch essen darf. Und immer mal wieder hole ich sie hervor. Aus der Jackentasche. Diese 9 Buchstaben. Und dann ist der Alltag kurz keiner mehr.

Wenig später sitze ich im Auto. Und hole sie ab, die beste Freundin. Und da ist ein Kloß im Magen. Weil ich es ihr sagen muss. Gleich. Und weil es eine Bombe sein wird. Ein Einschlag. Ein Krater. Und drinnen unsere Pläne. So ist das Leben. Und es ist gut. Das hier ist etwas Gutes. Aber auch ein Komet. Und der macht erstmal Wirbel. Es wird ein langer Nachmittag. Mit vielen Worten. Solchen und solchen. Mit Überforderung. Mit Telefonaten. Mit Hektik. Und Kaffee. Mit Kopfzerbrechen. Und mit etwas Kleinem, etwas sehr, sehr Kleinem. Das da ist. 9 Buchstaben. Das ist alles, was ich bisher darüber weiß. Mein Körper weiß schon mehr. Und mir wird augenblicklich übel. Und mein Herz, das weiß es auch schon. Denn da beginnt in ihm etwas zu keimen. Eine Liebe, die irgendwann groß werden wird.

So groß wie dieser Tag. Ein Tag, der nichts von alledem war. Nicht so und nicht anders. Er war monumental. Eine Säule der eigenen Lebensgeschichte. Ein Denkmal. Errichtet von zwei Menschen, die an diesem Abend ausnahmsweise gemeinsam in einem Bett liegen. In der gleichen Stadt. Obwohl es ein Dienstag ist.

Heute vor genau 4 Jahren. Da gab es 9 Buchstaben. Und einen Gedanken: „Hallo du, ich bin deine Mama. Und ich wurde gerade komplett aus der Bahn geworfen.“

Und diese neue Bahn wurde das Schönste, in das man mich je schleuderte.

Kommentare

  1. Jule

    Wunderschön deine Worte. Ein ganz ganz herzengreifender und fesselnder Beitrag, der einen ruckartig zurück bringt zu eben diesem Moment. Das Pipi in meinen Augen ist etwas übergelaufen ❤️

    1. Sassi
      Sassi

      ❤️❤️❤️ Es war für mich selbst ganz wertvoll das zu schreiben.

  2. Jollmama_cj

    Was für ein wunderschöner Text. Er berührt mich sehr und beschreibt einfach so wunderbar, was diese 9 Buchstaben mit einem anstellen. Ich habe zum ersten Mal diese bedeutenden Buchstaben am 11.2.2013 gelesen. Es war Rosenmontag und Papst Benedikt legte sein Amt nieder.... 😄

    1. Sassi
      Sassi

      Jeder dieser 9-Buchstaben-Tage hat seine eigene Geschichte...❤️

  3. Julie

    Das war wunderschön. <3

    1. Sassi
      Sassi

      Danke! ❤️

  4. Manu

    Wow. Einfach Wahnsinn, dieser Text. Wie aus einem guten Buch. Danke, sowas wunderbares habe ich seit langer Zeit nicht mehr im Internet gelesen ❤⚘

    1. Sassi
      Sassi

      Danke, das sind aber wunderbare Worte. Solche Rückmeldung bedeutet mir viel. ❤️

  5. Die Schwangere entscheidet, wann sie es euch sagt. Sie hat ihre Gründe. – Mein Glück

    […] Sassi von liniert-kariert hat aufgeschrieben, wie es war, den positiven Schwangerschaftstest in der …. Ihre Geschichte war so schön, dass sie mir Tränen in die Augen getrieben hat. Vor Glück. […]

    1. Sassi
      Sassi

      Eine ganz fesselnde Geschichte. ❤️

  6. Uta

    Schön! Bei mir war es ähnlich. Mitten im Referendariat, Freund in Berlin, eigentlich war für den Tag ein wilder Abend mit der besten Freundin geplant. Stattdessen Gespräche. Solche und solche. Es meiner Freundin zu erzählen war eine der schwierigsten Aufgaben, aber auch eine der selbstverständlichste.

  7. isabelle

    Sassi,was für ein wundervoller Text! Ich bin so gerührt und liebe es deine Texte zu lesen. Und sie haben mich auch auf ganz schöne Weise zu meinen beiden besonderen Tagen geführt....die waren allerdings mit pinken Strichen. Und zufälligerweise in den Ferien. Das war nicht verkehrt....diese Kometensache und so....ich hätte keinen Chor leiten können...von wegen aus der Bahn geworfen und so.

    1. Sassi
      Sassi

      Liebe Isabelle, glaub mir, ich habe absolut keine Ahnung mehr, wie ich das hingekriegt habe. :-D

  8. 9 Buchstaben – oder doch nicht? – totalsubjektiv

    […] Die Idee zu einem Beitrag über diese 9 Buchstaben kommt nämlich von Sassi. Sie schrieb darüber diesen wundervollen Text und überhaupt ganz wundervolle Texte, da werd ich mich heute noch durchlesen. Aber vorher möchte […]

  9. 9 Buchstaben – oder: wie auf einmal alles auf dem Kopf stand

    […] Schokolade mit Sahne und Marshmallows-schön ist. Besser kann ich das leider nicht beschreiben. Sie hat über neun Buchstaben, die das Leben verändern geschrieben. Neun Buchstaben, auf einem digitalen […]

  10. ruediger

    Sehr gerne gelesen. Ein toller Text.

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