Bis zum Ende

“Mama?”

“Ja?”

“Werde ich noch viel größer?”

“Ganz bestimmt.”

“Bis ich an die Decke stoße?”

“Ich vermute, du hörst ein wenig vorher auf zu wachsen.”

“Das ist gut. Aber wenn ich dann so groß bin, gehe ich vielleicht auch mal in ein Büro.”

“Ja, vielleicht.”

“Mama?”

“Ja?”

“Bist du dann trotzdem immer meine Mama?”

“Ja. Immer.”

“Bis zum Ende?”

“Bis zum Ende!”

In diesem einen Leben

In dieser einen Nacht im September fanden wir zueinander. Durchtrennten wir das eine Band und webten mit unseren Herzen gleich ein neues. Ein noch stärkeres. Eines für die Ewigkeit.

In diesem einen Leben wirst du noch viele Namen für mich finden. Schöne und weniger schöne. Solche, die wärmen und solche die Schürfwunden verpassen. Innen. Du wirst noch viele Worte für mich haben. Ich werde sie hüten wie Schätze, Die lauten und die leisen.

In diesem einen Leben werden wir nah sein. Und fern. Manchmal trennen uns nur Millimeter. Manchmal sind wir eins. Manchmal werden es Türen sein, manchmal Ortsschilder und manchmal Ozeane, die zwischen uns liegen. Da werden Feste sein, um uns herum und wir mittendrin. Gemeinsam. Und manchmal, da wirst du sie ohne mich feiern. Weil sie nur dir gehören.

In diesem einen Leben werden nur Augenblicke zwischen Wiedersehen vergehen. Und irgendwann Tage. Vielleicht Wochen. Vielleicht mal Monate. Loslassen. Ein Wort wie Blei. Wichtig zwar, ich weiß das. Aber noch bin ich froh, dass es nur Augenblicke sind. Und in alles andere wachse ich hinein. Mit dir.

In diesem einen Leben wirst du mich brauchen. Und ich werde da sein. Bei den ersten Schritten. Abends beim Einschlafen. Morgens beim Aufwachen. Für die Monster in Schränken. Für das Hören all deiner Geschichten. Fürs Pflasterkleben. Fürs Rumspinnen. Fürs Handhalten. Fürs Apfelschneiden. Und irgendwann schneidest du sie selbst. Vielleicht genauso wie ich. Zick, zack, zick, zack, ein Zauberapfel. Irgendwann schafft deine Hand vieles allein. Und du reichst sie jemand anderem. Irgendwann findest du andere Zuhörer. Und lachst den Monstern unterm Bett ins Gesicht. Irgendwann gehst du deine Schritte allein. Und ich lächelnd dahinter. Da sein. Aber leise. Und wartend. Und wenn du dich umdrehst, wirst du mich sehen.

In diesem einen Leben wird vieles kommen und gehen. Werden wir glücklich sein und traurig. Werden wir streiten und vertragen. Werden wir nah sein und fern. Werden wir klug sein und weise. Und manchmal herrlich albern.

In diesem einen Leben werden wir wachsen. Gemeinsam. Werden wir größer. Aber eines kannst du immer wissen, in diesem einen Leben.

 

“Bist du dann trotzdem immer meine Mama?”

“Ja. Immer.”

“Bis zum Ende?”

“Bis zum Ende!”

Kommentare

  1. Avatar
    Jenny

    jetzt musste ich aber ganz schön schlucken und ein paar Tränchen wegblinzeln - so so schön und gleichzeitug wird einem noch einmal bewusst, wie schnell sie doch groß werdrn 😍

  2. Avatar
    Einhornmama103

    Gänsehaut Alarm ❤️

  3. Avatar
    Astrid

    Dieser Artikel ist einfach wunderschön, er wärmt das Herz. Ich bin davon wahnsinnig berührt und beeindruckt. Du hast in Worte gefasst, was wirklich wichtig ist für eine liebevolle Mutter(Eltern)-Kind-Beziehung. Der respektvolle Umgang mit uns selbst und unserem Kind ist so grundlegend, um Vertrauen und Geborgenheit wachsen zu lassen. Vielen Dank für das Teilen deiner Gedanken. 💟

  4. Avatar
    Manu

    Pipi im Auge...

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    Katrin

    Schöne Zeilen. So wertvoll!

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    JennyPenny

    Oh, das hast du so schön geschrieben! Einfach toll. Ein bisschen hab ich Pipi in den Augen... Ein wunderschöner Text ❤❤❤

  7. Avatar
    Sandy

    Hachz... Wirklich poetisch 😅❤ Das braucht keine weiteren Worte mehr. Ich schmachte einfach noch ein wenig ❤

  8. Avatar
    Melanie

    Liebe Sassi! Tränennasses Gesicht. Mitten ins Herz. Mal wieder spiegeln Deine Worte die mir so vertrauten Gefühle. Danke für's Aufschreiben und Wiedererkennen lassen. Liebste Grüße, Melanie

    1. Sassi
      Sassi

      Ach, Lieblingsleserin ❤️

  9. Avatar
    Sabrina

    Oh meine Güte.. bin total verheult Sabrina, seit 10 Monaten Mama <3

  10. Avatar
    Anika

    Alle Muttergefühle in Worte gefasst. Schöner kann man eine Liebeserklärung nicht schreiben. Danke

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    Kathrin

    Oh mein Gott ist das schön ! Danke für diese warmen Worte

  12. 12 Monate und 12 Lesetipps: Lieblingsblogs 2018 - Hauptstadtpflanze

    […] Januar: Sassi von liniert-kariert ist die Lehrerin, die wir uns alle für unsere Kinder wünschen, wertschätzend, kreativ und liebevoll. Und solche Worte findet sie zu Jahresbeginn auch für ihre eigenen Kinder: Bis zum Ende. […]

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    Christine

    Der Text hat Tiefe - danke dafür. In mir drin sprang das Herz immer wieder von der Beziehung mit meinen Kindern zu der Beziehung mit meinen Eltern - und zurück. Es ist wirklich sehr rund und schön und fein getroffen, das was es im Kern ist, zwischen Eltern und Kindern, die Haltung die es braucht, damit es glücken kann. Ich werde ihn noch oft lesen, denke ich.

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