Elternsein oder Ein Leben in Schlagzeilen

“Weicheimütter – Wie sie kommende Generationen zu Tyrannen erziehen”

Es gibt Schlagzeilen, die findet man über Zeitungsartikeln. Und es gibt Schlagzeilen, die findet man in Köpfen. Oder davor. In schreienden Buchstaben auf die Stirn geschrieben. Sie schreiben sich schnell. Gedanklich. Und gern mit Blicken untermalt.

Gestern war ich einkaufen. Ich habe zwei Kinder. Und bin selbst ein Mensch mit Bedürfnissen. Eines davon ist zum Beispiel die regelmäßige Nahrungsaufnahme. Und darum muss ich gelegentlich ein Geschäft betreten. Und meistens tu ich das im Beisein der zwei zuvor erwähnten Kinder. Oft genug verläuft der Lebensmittelbeschaffungsprozess recht unspektakulär.

Und dann gibt es gestern. Das sind Tage, an denen dauert es länger. Und so lächle ich geduldig in die Gesichter mitleidig dreinblickender Einkäufer und Einkäuferinnen, während sich mein dreijähriger Sohn in gänzlicher Körperlänge auf dem Fußboden ausgebreitet hat. Er liegt da einfach. Ein stiller Protest. Gegen mich, seine Mutter. Die hat es nämlich gewagt, die Mitnahme eines undefinierbaren Plastikspielzeugs zu verweigern. Und darum wird jetzt zurückverweigert. In voller Körpergröße. Auf dem Fußboden.

Zum Glück habe ich Zeit. Zeit für diese Situation. Das Baby verspeist in aller Seelenruhe eine Brezel und ist somit bester Laune. Es grinst vorbeigehende Menschen an. Fast, als wolle es vom Spektakel seines Bruders ablenken. Vielleicht haben die beiden sich abgesprochen. Es wirkt ein wenig eingefädelt. Ich selbst knie ein Stück weit neben meinem Sohn und bin beinahe ebenso still wie er. Nur ab und zu spreche ich ein paar Worte, die sich irgendwo zwischen Erklärung und Verständnis bewegen. Ich schimpfe nicht. Ich zerre nicht. Ich warte nur. Weil, zum Glück habe ich Zeit. Und während ich da warte, sehe ich die Blicke. Mitleid, Wertung, auch Amüsement. Manchmal sehe ich die Schlagzeile. Weicheimütter. Früher hätte man… Und ein älterer Herr murmelt sie sogar. Nicht zu mir. Aber hörbar genug. Ich sage nichts. Vielleicht sollte ich. Aber ich habe hier gerade Wichtigeres zu tun.

Irgendwann bricht der Sohn sein Schweigen. “Mama, mein Joghurt ist alle. Aber ich such mir aus, welchen ich diesmal mitnehmen möchte.” Das kann ich erleichtert bejahen. Wir beide sind zufrieden. Ich habe einen Einkaufswagen ohne Plastikspielzeug. Und wenig später bin ich um ein Glas Joghurt “Mango-Vanille mit Einhornstreuseln” reicher. Manchmal lässt es sich so lösen. Manchmal anders. Manchmal fast gar nicht. Aber das “Wie” ist erstmal unsere Sache.

Umblättern.

“Helikoptermütter – Lasst eure Kinder in Ruhe”

Sommer. Den verbringen wir draußen. Buddelnd. Spritzend. Eisschleckend. Und schaukelnd. Ich schaukle gern. Mein Sohn auch. Das trifft sich gut. Denn er schaukelt ausschließlich mit mir zusammen. Auf meinem Schoß. Er ist in vielem sehr eigen. So wie Menschen eben sind. Und er hat einen, sagen wir mal, gesunden Respekt vor den Dingen des Alltags. So war es von Anfang an. Das ist sein Naturell. Das ist manchmal fordernd. Vieles ist nicht selbstverständlich. Aber ich finde mein Kind ziemlich perfekt. So wie es ist.

Wir kennen uns gut. Das ergibt sich zwangsläufig so, wenn man drei Jahre täglich viele Stunden miteinander verbringt. Wir wissen, was wir mögen und was nicht. Wie wir uns streiten und vertragen können. Wir haben einen Weg gefunden, gute Tage miteinander zu verbringen. Auf genau die Weise, die für uns passt. Und das ist grundsätzlich eine Weise, die anderen uns begegnenden Menschen niemals Schaden zufügt. Und ein Teil dieses Weges ist eben, dass mein Sohn mich vielleicht ein wenig länger braucht, als dies Entwicklungsratgeber empfehlen. Oder andere Personen. Oder eben jene Personen, die uns auf dem Spielplatz beobachten. Gemeinsam schaukelnd. Mein Sohn auf meinem Schoß. Weil er mich darum gebeten hat. Weil er das braucht. Für seine Sicherheit. Weil es einfach ein schöner Moment ist. Und wenn wir fertiggeschaukelt haben, geht mein Sohn rutschen. Alleine. Übrigens.

Die Mutter auf dem Spielgerät. Ein perfektes Bild für Schlagzeilen. Und für Schubladen. Eine perfekte Szene für Erziehungsarroganz. Diese Helikoptermütter. Einmal wurde mir das entgegengebracht. Ich bräuchte keine Angst zu haben. Die Schaukel wäre ja nicht hoch. Und meinem Sohn würde bei einem Sturz nichts passieren. Und es wäre ja sehr wichtig, dass Kinder sich auch mal wehtun dürfen.

Alles richtig – vermutlich. Und ich könnte vieles anders machen. Wenn ich jemand anders wäre. Und mein Sohn auch. Aber wir sind eben wir. Und wir haben gemeinsam gute Wege gefunden. Und von diesen guten gibt es tausende. Eigentlich. Zum Glück.

Nur ein Moment – Auf ewig eine Schlagzeile

Alltagsschnipsel. Momentaufnahmen. Einzelsituationen. Die reichen aus, um Menschen dazu zu veranlassen, Gesamturteile zu verfassen. Diese Menschen gestatten es sich, mich und meine Kinder in Schubladen zu verstauen. Ein Augenblick und sie wissen Bescheid. Wer ich bin. Wer wir sind. Wie wir leben. Und wohin das alles führen wird. Erstaunlich. Finde ich. Fast übermenschlich, diese Fähigkeit.

Ich selbst denke, es kann nie so einfach sein. So eng gefasst. Wir sehen nur diesen einen Auszug. Einen Wimpernschlag. Wir wissen nichts oder wenig oder nie ausreichend über das Vorher und Nachher dieser Menschen, die uns begegnen. Und selbst wenn wir es wüssten, können und müssen wir immer mehr sein als Autoren engstirniger Schlagzeilen. Vielleicht sind wir zum Sortieren geboren. Zum Einordnen. Wir möchten Sicherheit. Sätze, die gelten. Wege, die richtig sind. Patentrezepte. Und wo ließen diese sich besser formulieren als in der Elternschaft. Im Umgang mit Kindern. Im Erziehen. Schließlich kennen sich da alle aus. Irgendwie. Und alles, was abweicht, ist schlecht. Zumindest schlechter als das eigene. Davon kann auch ich mich nicht gänzlich freisprechen. Nein, ich erwische mich. Aber ich kann mich immer wieder daran erinnern, dass Verständnis und Verstehen etwas mit Annehmen zu tun haben. Mit Gesprächen. Jedenfalls mit viel mehr Worten als in eine plumpe Titelzeile passen.

Wir Eltern sind mehr als eine Überschrift auf dem Spielplatz. Eine Schlagzeile im Supermarkt. Und wenn ihr mich da sitzen seht, in eben jenem Geschäft. Neben meinem Sohn auf dem Fußboden. Dann nehmt es an und geht vorbei. Oder setzt euch zu mir. Und wir quatschen eine Runde. Echte Inhalte nämlich. Die sind was. Und nicht Schlagzeilen.

 

Kommentare

  1. Aless

    Danke für diesen tollen Text. Er spricht mir aus der Seele. Wie oft finde ich mich in Situationen, in denen man schimpfen, meckern, zerren könnte. Oder warten könnte - und reden. Wie hättest du in der oben genannten Situation reagiert, wenn die Kleine sich nicht so einfach selbst beschäftigt und mitgewartet hätte? Dann sehe ich mich im Dilemma. protestierendes Kindergartenkind, dass gerade Zeit zum "ausbocken"/verstehen, ... braucht versus ungeduldiges Kleinstkind, welches so schnell wie möglich aus der Situation heraus möchte. (z.B. Geduld zum einkaufen schon aufgebraucht...)

    1. Sassi
      Sassi

      Berechtigte Frage. Meist kann ich auch dann echt ruhig bleiben. Ich bin tatsächlich eher in den eigenen vier Wänden genervt/überfordert. Auch wenn das komisch klingt. Wenn die Kleine nicht mehr mitmacht, stille ich manchmal einfach. Oder gebe ihr was zum Spielen (zB Nudelpackung) in die Hand. Oder halte sie einfach im Arm, beschäftige mich mit ihr, während ich warte. Und wenn alle Stricke reißen, muss ich Bedürfnisse abwägen. Dann müssen z.B. Überredungskünste her. Aber so einen kompletten Showdown hab ich zum Glück selten. Wirklich wegtragen oder so, mache ich tatsächlich nie. Aber eher, weil der Große es absolut nicht zulässen würde. ;-)

  2. Aless

    Zugegebenermaßen ist das jetzt auch erst in den letzten 2 Wochen vorgekommen, seit der Kleine auf einmal seinen Willen stärker und intensiver äußert. Mir schwant, ich habe hier bald 2 Kinder in der "Trotzphase" - das eine noch nicht ganz raus, aber an manchen Stellen schon sehr vernünftig, das andere noch nicht ganz drin, und lässt sich manchmal noch mit Baby-Taktiken abwimmeln. ;-) Wir halten fest: Es bleibt spannend.

    1. Sassi
      Sassi

      Hier gerade exakt das. Die Kleine ist schon mittendrin in der Trotzphase. Mit Wuranfällen aus der Hölle. Aber beim Einkaufen nich ausreichend abgelenkt. Oder mit Essen ruhigzustellen.

  3. Melanie

    Liebe Sassi! Wieder einmal sitze ich zustimmend nickend auf dem Sofa. Genau so ist es bei uns häufig auch. Und doch sind es nur winzigste Schnipsel, die von uns wahrgenommen werden. Von uns Familien, von uns Müttern. Es ist eine nur eine Ahnung dessen, was wir wirklich sind. So vielfältig, so wunderbar, so einzigartig. Manchmal geduldig, empathisch und entspannt. Mit der Sicherheit, das Richtige zu tun. Um dann sich selbst auch komplett gegenteilig zu erleben und zu erfahren. Wie ein Mosaik. Nur alle Teile ergeben das komplette Bild. Der Rest ist nur ein Augenblick. Mal wundervoll, mal seltsam. Für den, der zuschaut... Liebste Grüße, Melanie

    1. Sassi
      Sassi

      <3

  4. isabelle

    So wahr....und ganz selten erwische ich mich auch....aber seit ich Kinder habe,wirklich selten. Auch mein Sohn ist ein bisschen eigen und anders und es ist so schön zu lesen,wie du mit den Bedürfnissen deines Kindes umgehst. Was für ein großes Glück,wenn ein solches Kind bei einer solchen Mama gelandet ist. Und mal ehrlich.....schaukeln ist doch so oder so das Beste auf dem Spielplatz! Mach ich immer!

    1. Sassi
      Sassi

      <3

  5. Sandy

    Tolle Worte liebe Sassi! Ich stimme dir da voll zu! Weniger Schubladen-Denken, mehr Herzmomente. ❤

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