Ein Märchen wie du und ich

Es war einmal, vor vielen, vielen Monden, da stand eine junge Frau in ihrem Badezimmer und schaute prüfend in den Spiegel. Wie jeden Tag versuchte sie ihre Haare dazu zu überreden, sich doch wenigstens zu dem Hauch einer Frisur zu verbinden und gab ihre Bemühungen mit einem schlichten Zopfband alsbald auf. Sie legte noch etwas Lippenstift auf, schnappte sich ihre lederne Umhängetasche, schlüpfte in ihre Winterschuhe und verließ die Wohnung.

Wie häufig war sie etwas zu früh dran und entschied sich dieserhalben, das Fahrrad stehen zu lassen und sich zu Fuß auf den Weg zu machen. Es war später Herbst und einer dieser Tage, an denen es nicht so recht hell werden mag. Einer jener Tage, an denen der Morgen schon dem Mittag, schon dem Abend gleicht. Die Luft war kühl. Sie hörte Musik und lief durch die Gassen ihrer Stadt. Die Stadt, die ihr ein Zuhause geworden war. Die junge Frau lief und ließ ihre Gedanken schweifen.

Sie hatte eine Verabredung. Gleich würde sie ein paar neue Leute kennenlernen.  Das fiel ihr nicht leicht. Unbekannte Situationen empfand sie als Herausforderung, die sie in den letzten Jahren nur allzu gern vermieden hatte. Warum sie nun genau diese Gelegenheit angenommen hatte, konnte sie nicht recht sagen. Aber seit ein paar Monaten schon keimte in ihr der Wunsch nach etwas Neuem. Nach Abenteuern und Veränderung. Außerdem hatte ihr bester Freund sie gefragt. Er nahm ebenso an dieser Besprechung teil. Das machte sie etwas sicherer.

Sie blickte auf die Uhr. Sie war schnell gewesen und hatte bereits den Campus erreicht. Um die Zeit zu überbrücken, machte sie einen kleinen Umweg zur Cafeteria. Sie holte sich einen warmen Kaffee und schlenderte noch ein wenig über das Unigelände. Es war schön hier. Zweifelsohne. Selbst an so einem verhangenen Tag. Das Gebäude, das sie heute aufsuchte, lag am anderen Ende. Nicht auf ihrer Seite. Sie kam eher selten hierher.

Die Eingangstür ließ sich schwer öffnen. Sie betrat ein großes Foyer. Durch das gläserne Dach fiel das spärliche Herbstlicht und hüllte alles in eine kamingemütliche Stimmung. Links und rechts standen Tische, an denen Studenten saßen und ihre Stimmen hallten an ihr vorbei. Die junge Frau fischte einen kleinen Zettel aus ihrer Jackentasche. – Besprechungsraum 2.OG – stand darauf. Ein erneuter Blick auf die Uhr verriet ihr, dass noch immer ein paar Minuten Zeit blieben. Ihr bester Freund wollte sie direkt am Raum treffen und so stieg sie die ersten Treppenstufen empor. Im Obergeschoss angelangt, war noch niemand zu sehen. Sie setzte sich auf eine Stufe und beschloss hier zu warten.

Nicht lange und eine der Türen, zu denen die Treppe geführt hatte, wurde geöffnet und ein junger Mann trat in den Flur. Er ging ein paar Schritte, öffnete die Tür zum Besprechungsraum und verschwand dahinter. Die Frau wusste, dass die Veranstaltung von einem Mann geleitet wurde, sie kannte seinen Namen. Ihn selbst sollte sie heute zum ersten Mal treffen. Sie hatte keine Erwartungen, war schon gar nicht auf der Suche, aber in diesem Moment, als sie den Raumwechsel des jungen Mannes, dessen Gesicht sie nicht mal hatte sehen können, bemerkte, da waren auf einmal Gedanken. Aus dem Nichts und plötzlich. Welche, die gar nicht zu ihr passten, war sie doch eher so der schnörkelige Typ.

Aber sie dachte…

Was wäre es wohl für eine Geschichte, wenn dieser Mann es einmal werden würde. Ihr Mann. Wenn sie diesem Mann einst ihr Versprechen geben würde. Eines für die Ewigkeit. Was, wenn er es wäre. So schicksalhaft kennengelernt. Weil sie spontan die Einladung ihres besten Freundes annahm. Ja, was wäre das für eine wunderbare Erzählung. Ein Märchen. Aus dem Alltag gegriffen. Flüchtig. Und doch der Beginn einer Gesichte. Was wäre, wenn?

Die Ankunft ihres Freundes holte sie aus diesem kurzen Moment.

Noch wusste die Frau nicht, dass etwas in ihr das Richtige gespürt hatte. Noch wusste sie nicht, wen sie da in wenigen Augenblicken finden würde. Dass diese Gedanken eines Tages wahrhaftig werden sollten. Dass dieser Moment der Anfang war. Aber irgendetwas ganz tief hatte es schon gewusst. Lange vor ihr.

Heute sind Jahre vergangen. Und der Mann, den die junge Frau damals vorbeihuschen sah, hat ein Gesicht bekommen. Es ist ihr das Vertrauteste. Er sitzt neben ihr, während sie diese Zeilen tippt. Sie lächelt. Und seit einiger Zeit gehen zwei mal zwei kleine Füße mit ihnen. Die junge Frau und der junge Mann, sie gaben sich Ringe. Sie gaben sich ein Versprechen. Ein ewiges. Ein bisschen wie im Märchen. Ein Märchen wie du und ich.

Schlagwörter

Kommentare

  1. Mama Maus

    Hallo liebe Sassi, Wie schön, dass Märchen manchmal wahr werden. Ich wünsche euch einen wunderschönen Hochzeitstag und was noch viel wichtiger ist genauso viel Liebe auch an allen anderen Tagen des Jahres. Feiert euch und eure Liebe. Viele Grüße Mama Maus

    1. Sassi
      Sassi

      Vielen Dann. Wir sind sehr froh, um diese Beständigkeit in der heutigen Welt.

  2. Anne-Kathrin

    ❤❤❤❤❤omg? ...wie schön!!! Bleibt wie ihr seid?!

    1. Sassi
      Sassi

      Danke!❤?

  3. Melanie

    Liebe Sassi! Was für ein Liebesmärchen ❤ Wunderschön ❤ So soll es sein, so soll es bleiben...! Alles Liebe für Euch! LG, Melanie

  4. Alltagsheldin

    Wie wundervoll geschrieben. ♥ So eine schicksalhafte Begegnung, WOW! Alles Liebe weiterhin! Viele Grüße, Tanja

    1. Sassi
      Sassi

      Vielen lieben Dank. Es war wirklich ein Begegnung, die nur das Leben so schreiben kann. Verrückt, manchmal. Liebste Grüße, Sassi

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.