Über Flugzeuge, einen Kindersitz und wahren Mut

“Schöne Scheiße!”, denke ich. Ich sitze am Rand, meine Beine berühren keinen Boden mehr. Weit unter mir ein Flickenteppich Erde. Vor mir ein Gebirgspostkarten-Panorama und über mir leuchtendes Blau. Ich mittendrin.

“Schöne Scheiße!”, denke ich noch einmal. Und dann denke ich nichts mehr. Dann falle ich. Mein Verstand fällt mit und verabschiedet sich für ein Weilchen: “Das kannst du schön alleine machen. Sowas gebe ich mir nicht. Sieh doch zu, wie du da wieder rauskommst.” Ich kann es ihm nicht verübeln. Ich rase im Augenblick mit sehr hoher Geschwindgkeit dem Erdboden entgegen, auf dem ich noch vor wenigen Minuten wackligen Schrittes zu diesem Abenteuer aufbrach. Und nun pfeift mir der Wind um die Ohren und mein Herz schlägt ohne Pausen. Dann ein Ruck. Ein neues Gefühl. Ich werde gehalten und alles steht still. Ich öffne langsam die Augen. Unter mir noch immer der Flickenteppich. Ein bisschen näher vielleicht. Aber nicht viel. Über mir das Blau. Und ich mittendrin.

Dass ich das gemacht habe. Diesen Sprung. Ich bin eher ängstlich. Ich mag Sicherheit. Und Kontrolle. Die mag ich auch. Ich stehe mit meinen Füßen gerne auf festem Grund. Und trotzdem habe ich vor einer halben Stunde einen Anzug angezogen. Habe mich festschnallen lassen. Bin in ein kleines Flugzeug gestiegen. 4000m in die Höhe. Ich habe zitternd aus den kleinen Fenstern geschaut. Und trotzdem auf die Frage: “Sicher?” mit einem klaren “Ja!” geantwortet.

Die Flicken unter mir breiten sich aus. Sie werden zu Wiesen. Feldern und langsam erkenne ich deutlich den kleinen Flugplatz. Ich übe meine Ankunft. “Beine hochziehen” ruft es hinter mir. Unten sehe ich meinen Mann. Und meinen großen Bruder. Na gut, eigentlich ein Freund. Aber Familie. Denn manche Familie wird nicht durch Gene bestimmt. Sie laufen mir entgegen, während ich mit meinem Allerwertesten ein wenig unsanft lande. Sie strahlen mich an. Ich werde umarmt. Und sage nichts. Ich stehe einfach da mit einem Gefühl aus Welteroberer und Unendlichkeit.

Ich war mutig. Das war ich schon öfter. Trotz meiner Kontrollliebe. Surfen im Atlantik. Schluchtenklettern ohne Sicherung. Kajak auf unbekannten Gewässern. Alles mit Herzklopfen. Alles Abenteuer.

– Szenenwechsel –

“Schöne Scheiße!”, denke ich und versuche den kleinen graublauen Kinderautositz vorsichtig abzusetzen. In Zeitlupe. Bloß nichts riskieren. In dieser kleinen Schale ein Bündel. Ein bisschen über 50cm groß. Vor einer guten Stunde gab man es mir in den Arm und sagte “Ihnen und Ihrem Sohn alles Gute”. Und dann fuhren wir los. Nach Hause. Ich auf der Rückbank, den Blick ununterbrochen auf dieses winzige Menschlein gerichtet, für das ich ab nun verantwortlich sein sollte. Und auch wenn es biologisch angeblich unmöglich ist, so schwöre ich, dass ich die halbstündige Autofahrt nicht ein einziges Mal geblinzelt habe.

“Schöne Scheiße!”, denke ich noch einmal, während die Babyschale endlich den Boden erreicht. “Und nun?” 3 Tage alt. Mein Sohn. Und ich irgendwie auch. Ich bestehe seit 72 Stunden ausschließlich aus Liebe. Und Angst. Und da sitze ich nun. Auf dem Küchenboden. Neben meinem neuen Leben. Und in diesem Moment wird mir klar, dass das hier etwas Großes ist. Das größte Abenteuer. Und dass ich nie je so mutig war, wie ich es ab jetzt sein würde.

Ich könnte die Welt umsegeln, fernste Länder bereisen, neue Berufe erlernen, Menschen begegnen, von Klippen springen, von Vorne anfangen, Weitermachen, mit Haien tauchen. Nichts, absolut nichts davon würde je soviel Mut von mir fordern wie das Wort “Mama” und alles, was daran hängt.

Vor 72 Stunden habe ich mich für etwas Ewiges entschieden. Mutig, in unserer flexiblen und schnelllebigen Welt. Ich habe mich gebunden. Komplett. Ohne Hintertür, ohne doppelten Boden.

Vor 72 Stunden habe ich meine Stimme geweckt. Und mein Kämpferherz. Ab jetzt braucht jeder Tag ein bisschen von diesem großen Mut. Um meinen Weg zu gehen. Oder unseren. Um mich lächelnd gegen die zu stellen, die ihn nicht gutheißen. Ab jetzt muss ich zu mir stehen. Mehr denn je. Aber es wird sich lohnen.

Vor 72 Stunden habe ich mich verwundbar gemacht. Ich habe jede Schutzschicht abgelegt. Ich bin aus Glas. Ab jetzt kann man mich brechen. Kaum etwas erfordert so viel Mut wie der Augenblick, in dem man sein Herz verschenkt. Sich so verletzlich und angreifbar zu machen, brauch Stärke. Ab jetzt habe ich einen schwachen Punkt. Er ist ein bisschen über 50 cm groß.

Kommentare

  1. Thomas Schmidt

    Viel Spaß mit dem neuen Familienmitglied und weiterhin viel Mut. Den braucht man, bis man merkt, dass die Teile fast unkaputtbar sind. Ich bin eigentlich auch der Sicherheitsbevorzuger, aber wenn es um meinen Nachwuchs geht, kann ich zum Tier werden. Und: „Schöne Scheiße!“ - Kommt ganz sicher noch einige Male; aber so schlimm, wie einem einige weiß machen wollen, ist es meistens nicht.

  2. Meine Lieblinks der Woche (08/18) | Kind | Küche | Chaos

    […] was echter Mut ist und wieviel davon man als Eltern jeden Tag aufbringt, hat Sassi geschrieben – ein echter Herzenstext, den ich mir am liebsten an die Wand hängen würde. Abgesehen vom […]

  3. May

    Wie wunderwunderschön geschrieben. Und wie wahr. Ja, so ist es. Nichts macht einen so verletzlich, wie Kinder zu bekommen. Für mich ist das auch einer der wichtigsten Punkte, wenn mich jemand fragt, wie es ist, Kinder zu haben: https://meinglueck.wordpress.com/2017/06/12/wie-es-ist/

  4. Matthias

    Vielen Dank für diesen wirklich inspirierenden Artikel! Bei uns kommt Anfang April Nummer 2 - auch dafür brauch es wieder viel Mut! Den wünsche ich dir auf all deinen Wegen - alles Gute! Matthias

    1. Sassi
      Sassi

      Danke. Und alles Gute für die Geburt und die darauffolgende Zeit.

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