Irgendwann

Ruuums.

Ich wuchte den letzen Karton auf den bereits beachtlichen Stapel. In unserem Hausflur türmen sich Kisten, zwei Koffer, diverse Tüten und ein großer Rucksack. Möbel nicht mehr. Das wurde gestern schon erledigt.

Haben wir alles? An alles gedacht? In den letzten Wochen war ich schwer beschäftigt, um das hier vorzubereiten. Einkaufen, ausmisten, einpacken, umpacken, verpacken. Ich war froh um die lange To-do-Liste. Stur habe ich sie abgearbeitet. Punkt für Punkt. Mal allein und mal gemeinsam. Und versucht, nicht all zu viel nachzudenken. Noch nicht.

Nun steht alles bereit. Der Zeitpunkt ist da. Während die anderen Stück für Stück den Hausflur leeren und den Transporter befüllen, zottele ich aus unserem Vorratsschrank einen kleinen Karton. In ihm Lieblingskekse, ein bisschen Geld, ein Foto, eine Tasse, ein Paket Kaffee und ein Brief. Geschrieben habe ich ihn schon vor ein paar Tagen. Es floßen Tinte und Worte. Und vielleicht zwei kleine Tränchen. Schnell weggewischt. Noch nicht.

Ich verstaue die Kiste sicher in einem der größeren Kartons und suche letzte Kleinigkeiten für die Fahrt zusammen. Im Hausflur weiter geschäftiges Treiben. Bald ist es geschafft. Ich husche zwischen den fleißigen Helfern hindurch und bahne mir meinen Weg in das leere Zimmer. Möbel stehen hier noch. Es riecht vertraut. Aber es hallt. Die Regalbretter sind fast leer. Keine Musik mehr. Kein Rucksack, der mitten im Weg als Stolperfalle drapiert wird. Keine Schuhe, die mit ähnlichem Zweck direkt hinter der Tür liegen. Vier hellere Fleckchen auf dem Boden verraten, dass hier gerade noch ein Sessel stand. Urgemütlich. Nun ist er schon auf dem Weg. In ein neues Leben.

Ich setze mich auf die Bettkante. Decke und Kissen sind noch bezogen. Besuch jederzeit erwünscht. Ich sitze da und starre auf die 4 hellen Flecken. Der Sessel. Hat viel gesehen. Viel getragen. Uns zu zweit. Dich allein. Auf ihm wohnen Erinnerungen. Das ist das Schöne an alten Möbelstücken. Ihre Geschichten. Ich sitze da und starre auf die 4 hellen Flecken. Der Kloß in meinem Hals sitzt mit mir hier. Was soll er auch machen? Irgendwann wird er sicher kleiner. Aber so ganz verschwinden wird er wohl nicht mehr. Ich versuche ihn wegzuschlucken. Vergeblich. Eine Träne fällt auf meine Jeans. Das hier ist etwas Gutes. Soll es sein. Darf es sein. Aber Tränen sind auch Teil des Kapitels. Sollen sie sein. Dürfen sie sein. Wann ist das passiert? Ich habe doch nur kurz geblinzelt?

Schritte im Flur holen mich zurück. Eine Stimme ruft: “Mama, kommst du? Alle sitzen schon im Auto. Ich fahre.”

“Ich komme!”, rufe ich zurück und schnappe mir Jacke, Schlüssel und Tasche. Und dann gehen wir die Treppen hinunter. Nebeneinander. In dein neues Leben. Wir sagen kein Wort. Dann steigen wir ins Auto ein. Du fährst.

– Träumermelodie –

Es ist 21.50 Uhr und ich liege neben dir im Bett. Dein Atem ist wieder ruhig. Deine Hand hält eine meiner Haarsträhnen. Das nennst du kuscheln. Vor ein paar Minuten hast du mich gerufen. Ein Alptraum hat dich geweckt. Wie immer, wenn du krank bist. Und das warst du oft in den letzten Wochen. Deine Schwester auch. Nein, es war kein leichter Winter. Er hat viel verlangt. Von euch. Von mir. Und immer wieder hab ich gedacht, dass es sicher leichter wäre, wenn ihr schon größer wärt. Dass es manchmal kaum zu bewältigen ist, unentbehrlich zu sein. Dass ich gerne vorspulen würde.

Dann helfen Auszeiten. Und ein Gedanke. Dann denke ich an diesen einen Tag. Irgendwann. Den Tag mit Kisten und Kartons im Hausflur. Ein guter Tag im Grunde. Irgendwann wird das Nest zu klein. Irgendwann brauchst du die große Welt. Vielleicht wird er so der Tag. Vielleicht ganz anders. Aber wenn ich jetzt an ihn denke, dann bin ich froh sagen zu können: “Das sind meine Kinder. Sie sind eins und drei.” Das ist noch klein. Ich bin froh um die Zeit. Und dann sieht Vieles gleich wieder besser aus. Und auch ein “Mama” mitten in der Nacht klingt irgendwie schön. Irgendwann werde ich es vermissen.

Da sind noch viele Jahre mit wunderschönen Augenblicken, zermürbenden Tagen, Sonnenscheinwochen, Geburtstagsballons, kurze Nächte und vielleicht auch einvpaar lange. Da sind noch viele Jahre, um hineinzuwachsen. In diesen einen Tag. An dem du im Hausflur stehst und rufst: “Mama, kommst du? Wir wollen los! Ich fahre!”

Kommentare

  1. Elisabeth

    Wunderschöner Text! Und so wahr! Neben mir liegt gerade meine kranke Tochter und ich kuschle mich jetzt gleich an sie und genieße es jetzt noch mehr dank deiner Worte und Gedanken! Danke!!!

    1. Sassi
      Sassi

      Danke. Solche Worte sind Gold für Schreiberlinge! ❤️

  2. Katerina

    Was für rührende Zeilen! ...vor allem nach anstrengenden Wochen mit den noch kleinen Kindern... Danke dafür!

    1. Sassi
      Sassi

      ❤️

  3. Katharina

    Mitten ins Herz.

    1. Sassi
      Sassi

      Mamaherzen verbinden sich gern.

  4. manu

    Ooh Sassi ♥️ dieser Text... Der Kloß ist jetzt zu mir gewandert.

    1. Sassi
      Sassi

      ❤️❤️❤️

  5. Lisa

    Wunderschön geschrieben. Ich hab ein kleines Tränchen verdrückt...meine Tochter ist gerade 10 Monate alt.

  6. Susann

    Ganz ehrlich: deine Art der Selbstdarstellung ist unertraeglich!!! Deine Texte zeugen von grenzenloser Selbstverliebtheit und sind in einem schrecklichen, voellig humorlosen Stil verfasst. Meine Kolleginnen und ich fragen uns schon seit einiger Zeit, wie man als verantwortlich arbeitende Grundschullehrerin Zeit haben kann, so viel Mist zu verzapfen!!!

    1. Sassi
      Sassi

      Liebe Susann, Geschmäcker sind verschieden. Wer humorvolle Texte bevorzugt, findet diese ja in Hülle und Fülle woanders. Das Internet bietet ja zum Glück für jeden etwas. Was die Verantwortlichkeit meines Berufes, den ich im Übrigen mit sehr viel Hingabe ausübe, mit dem Schreiben dieser Texte zu tun haben soll, erschließt sich mir nicht. Wenn Sie neben Ihrem Beruf kein Ausgleichshobby pflegen, ist das selbstverständlich in Ordnung. Ich selbst aber habe eben dieses und hab es sehr lieb gewonnen. Und apropos Liebe. Lesen Sie meine Texte, wie Sie möchten. Erkennen Sie darin Selbstverliebtheit? Dann kann ich das nicht ändern. Und Selbstdarstellung. Tjanun. Das hier ist mein Blog. Mit meinen Gedanken. Meinen Worten und meinen Texten. Natürlich zeige ich hier mich und nicht etwa das Leben meiner Nachbarin. Das ergibt sich zwangsläufig so. Also bleibt mir nur Ihnen und Ihren Kolleginnen zu empfehlen, sich doch nach anderen Texten umzusehen. Ihre Freizeit ist zu wertvoll für das Lesen von Worten, über die Sie sich so ärgern müssen. Liebe Grüße, Sassi

  7. Elternleben: Das erste Mal wieder... - oh yeah!!!

    […] … ein Alptraum wegjagen mussten, mitten in der Nacht. (Liniert-Kariert) […]

  8. Anisa

    Wahnsinnig toll, Sassi! Wurde ganz emotional beim Lesen! :) Vielen lieben Dank dafür!

  9. Melanie

    Toll geschrieben!

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