Ohne Wenn und Aber

Liebe Mütter,

wisst ihr, ich mag Sprache. Sie ist ein Spielplatz. Sie ist vielleicht unser wichtigstes Instrument. Und manchmal sind es ihre kleinsten Worte, die die größte Bedeutung haben. Um solch ein Wort soll es heute gehen.

Das Wort “aber”.

Ich bin nun seit guten 3,5 Jahren in der Elternbranche unterwegs. Das sind ungefähr 1250 Tage. Und das wiederum sind knapp 30.000 Stunden. Ziemlich viel Zeit für Erfahrungen. Für Lernen. Und Scheitern. Und dabei glücklich sein. Und es ist wirklich viel Zeit für Gespräche. Nie habe ich so viel gesprochen wie in den letzten Jahren. Mit klein. Mit groß. Mit mir. Mit völlig Fremden. Und neuen Freunden. Und sehr, sehr oft mit anderen Müttern. Ist Teil des Business. Dieser Austausch. Und meistens finde ich ihn bereichernd. Hab ich ein Glück.

Es sind oft die gleichen Themen. Kinderschlaf, Spielzeug, Sand und Phasen, Phasen, Phasen. Und manchmal, wenn wachsende Zähnchen, Monster unter dem Bett und Wutanfälle uns mürbe machen, dann kommt sie ans Licht. Die Wahrheit. Gestatten, wir sind Mütter und unfassbar müde. Verliebt und müde. Ein merkwürdiger Cocktail.

Ja, und in diesen Schlüssellochmomenten fallen Sätze. Und nun achtet genau auf diese kleine Wort…

“Ich liebe meine Kinder, aber manchmal bin ich froh, wenn sie abends endlich schlafen.”

“Ich bin so gerne Mutter, aber ich genieße es sehr, mal einen Abend ohne meine Kinder zu verbringen.”

“Ich finde meine Kinder toll, aber ab und an ist mir schon der Kragen geplatzt. Und dann bin ich laut geworden.”

“Mutter sein ist wunderschön, aber ich liebe auch meinen Job und gehe gern arbeiten.”

Diese Liste ließe sich beliebig fortführen. Sicher habt ihr diese oder ähnliche Sätze schon gehört. Vielleicht sogar schon selbst gesagt. Bitte fallt nickend mit ein, damit ich mich nicht alleine fühle. Diese Sätze sind im Grunde gar nicht so spektakulär. Sie sind ehrlich. Wenig verwerflich. Eventuell geradezu langweilig. Denn sie beschreiben das normale Leben. Denke ich. Hoffe ich. Sie spiegeln uns und unsere Facetten. Wir sind nicht eindimensional.

Kommen wir zurück zum Wörtchen “aber”, denn eben jenes ist es, über das ich in all diesen Alltagssätzen stolpere. Ein kleines, feines Wort und doch mit so viel Aussagekraft. “Ich liebe meine Kinder, aber manchmal bin ich froh, einfach mal Zeit für mich zu haben.” – Ein “aber” verbindet diese zwei Sätze auf ungünstige Weise. Denn es suggeriert, dass sich beide Seiten, beide Inhalte eigentlich und normalerweise ausschließen, aber man gibt zu, dass für einen selbst doch beides gilt. Manchmal. Eventuell. Unter Umständen. *Rechtfertigungmodus off

Herrje, jetzt kommt hier die Germanistin. Nein, im Ernst. Verbindet den Satz doch mal folgendermaßen: “Ich liebe meine Kinder UND manchmal bin ich froh, einfach mal Zeit für mich zu haben.” Denn wisst ihr, seine Kinder zu lieben und gleichzeitig Auszeit zu genießen, steht sich überhaupt nicht im Weg. Dass ihr ab und an gerne mal alleine durchatmet, dass ihr ab und an streitet, dass ihr abends Freudentänzchen aufführend auf die Netflix-Couch hüpft, all das hat nichts, aber auch nichts mit mangelnder Mutterliebe zu tun. Im Gegenteil. Sie ist ein wichtiger Aspekt. Mutterliebe – sich als Mutter zu lieben, sich selbst nicht zu vergessen, muss Vertragsklausel sein. Es ist lebensnotwendig. Dieses Durchatmen.

Wir sind Mütter. Und wir sind viel mehr. Ich liebe diesen Teil von mir. Er lässt mich aufblühen. Und gleichzeitig ist da noch so viel anderes, was mich ausmacht. Und ein Gesamtpaket schafft, das mich zufrieden macht.

Darum, liebe Mütter, traut euch. Lasst das “aber” weg. Wir brauchen es nicht. Wir dürfen mehr.

“Wir lieben unsere Kinder UND freuen uns, wenn sie abends friedlich schlafen.”

“Wir sind gerne Mütter UND gehen in unserer Arbeit auf.”

“Wir sind vernarrt in unsere Kinder UND werden manchmal ungeduldig.”

Wir lieben. Mit jeder Faser unseres Herzens. Ohne WENN und ABER.

Kommentare

  1. Jollmama_cj

    Einfach nur DANKE für diese ehrlichen und richtigen Worte.

  2. Melanie

    Sehr schön geschrieben. Ich nehme es mir jetzt aktiv vor das ABER gegen ein UND zu tauschen. Danke fürs Aufmerksam machen.

  3. Christian

    Auch wenn ich mich durch "Liebe Mütter" nicht direkt angesprochen fühle, kann ich dem Text als Vater voll und ganz zustimmen ;-)

  4. Melanie

    Huhu liebe Sassi! Ich nicke zustimmend. Ich brauche kein "aber" und bin mit einem "und" maximal zufrieden. Weil ich mich nicht so beschränken möchte. Lie

  5. Melanie

    Huhu liebe Sassi! Ich nicke zustimmend. Ich brauche kein "aber" und bin mit einem "und" maximal zufrieden. Weil ich mich nicht so beschränken möchte. Liebste sonnige Grüße, Melanie

  6. Petra

    Schon beim Lesen der Beispielsätze fiel es mir auf. Und beim Lesen des restlichen Texts musst ich ständig nicken. Ich werde versuchen dieses kleine Wort seltener zu benutzen. "Und" passt oft viel besser und hinterlässt kein schlechtes Gewissen, weil man sich als Mutter über schlafende Kinder oder kinderfreie Zeit freut.

  7. Lieblinge mit liniert-kariertem Spargel und linksfüßigem Kaffee - Kerstin und das Chaos

    […] hat für mich den Text der Woche geschrieben. Ohne Wenn und Aber. Ich habe mich schon einmal als hormongeplagte Linguistin auf Schlafentzug geoutet und bleibe […]

  8. Suse

    Ein schöner Text und so wahr. <3

  9. shiri

    Wunderschön!

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