Ein Treffen

Ich sitze und warte. Auf das Treffen. Es ist schon lange überfällig. Schon viele Jahre. Ich nippe an meinem Kaffee.
Dann kommt es. Langsam und schwerfällig. Ungelenk. Und groß. Unglaublich groß. Eine imposante Erscheinung. Und doch wirkt es gleichzeitig erschreckend zerbrechlich. Es kommt vor mir zum Stehen.

“Hallo Schulsystem!”, begrüße ich es in die Stille hinein.

“Hallo”, antwortet es mit tiefer, blecherner Stimme.

“Setz dich doch!”, sage ich höflich und deute auf den freien Platz gegenüber.

“Danke, aber das Hinsetzen fällt mir schwer. Zu steif sind meine Glieder. Eingerostet. Aber wir könnten zusammen ein Stück spazieren gehen?”, bietet das Schulsystem an.

“Gern!”

Ich schnappe meine Jacke und Schritt für Schritt bewegen wir uns vorwärts.

“Schön, dass wir uns endlich mal persönlich treffen”, versuche ich einen Einstieg zu finden.

“Mhm, es wird Zeit!” bestätigt das System.

“Immerhin kennen wir uns schon sehr lange”, plappere ich weiter, “seit meinem 6. Lebensjahr. Und dann 13 Jahre lang. War keine leichte Zeit. Vielleicht erinnerst du dich?”

“Natürlich. Ich kenne meine Sorgenkinder”, schmunzelt es fast unmerklich.

“Nur helfen konntest du nicht!”

“Nein”, sagt es und sein Ton wird ernst.

Dann Pause.

“Trotzdem bist du geblieben. Und wiedergekommen. Hast die Tischseite gewechselt. Das hat mich ehrlicherweise überrascht”. Das Schulsystem schaut mich erwartungsvoll an. Seine Augen sind trüb.

“Ja. Ich wollte den Kriegsfuß nutzen. Ein komplettes Make-Over hatte ich mit dir vor.” Ich blicke zum System hinauf. “Und nimm’s mir nicht übel, aber du könntest eine Generalüberholung brauchen. Oder zumindest etwas Politur.”

“Ach,” entgegnet es schnell, “ich hätte gar nichts dagegen, in Würde zu altern. Und mich langsam zur Ruhe zu setzen. Aber man lässt mich nicht. Du weißt ja.”

“Mhm”, sage ich nachdenklich. Dann gehen wir eine ziemlich lange Weile stumm nebeneinander her. Ein grummelndes Geräusch tönt in die Stille. Ich schaue das Schulsystem fragend an.

“Die Reformen”, entschuldigt es sich, “sie liegen mir schwer im Magen. Kaum verdaulich. Sie liefern wenig.”

Ich muss grinsen, ob der Vorstellung, wo Verdauungsreisen enden. Aber diesen Gedanken behalte ich für mich.

Dann wieder Ruhe. Nach einiger Zeit fällt mein Blick auf die zwei Gehhilfen, an die sich das Schulsystem bei jedem Schritt klammert. Sie waren mir vorhin schon aufgefallen.

“Sind das Krücken?”, frage ich vorsichtig.

“Das wäre wohl kaum ein passendes Wort für die wichtigsten Stützen, die ich besitze. Sie sind der Grund, warum ich mich überhaupt noch bewegen kann. Ohne sie würde ich keinen einzigen Schritt mehr schaffen” entgegnet es entschieden.

“Verstehe”, murmle ich schnell.

“Außerdem sollten sie dir bekannt vorkommen!” behauptet das System.

“Wieso?”, frage ich verwundert.

“Na, lies doch”, fordert mich das Schulsystem auf und deutet auf die kleinen Metallschildchen, die an den Gehstützen befestigt sind. Fast wie bei einem Wanderstock.

“Lehrkräfte, Schulleitungen, Pädagogen” steht auf der einen Stütze – “Kinder, Elternhaus, Förderung, Nachhilfe” auf der anderen. Ich schlucke. Eigentlich nicht überraschend. Und trotzdem ein gewaltiges Bild. Das imposante Schulsystem. In die Jahre gekommen. Zerbrechlich. Steht auf wackligen Beine, all sein Gewicht auf diesen zwei Stützen. Ich schlucke nochmal.

“Sehen ganz schon marode aus, deine Stützen. Abgesplittert, brüchig und voller Risse”, gebe ich ehrlich zu.

“Der Druck”, sagt das Schulsystem nur.

Ich nicke. Dann Pause.

“Er ist viel zu hoch. Nicht gerecht verteilt”, fährt das Schulsystem fort, “nicht jeder schafft das. Du siehst es doch täglich. Lehrkräfte, an den Grenzen ihrer Belastung. Überforderte Schulleitungen. Sorgende Mütter und Väter, schiefe Haussegen, Millionengeschäfte mit außerschulischen Hilfen, die sich nur um Bücher drehen. Nicht um Natur, nicht um das Miteinander, nicht um das Leben!” Bei diesen Worten steht jede Faser des Systems unter Spannung. Ich erkenne es deutlich. Dann sacken seine Schultern ein und sein Blick senkt sich.

“Es sollte meine Aufgabe sein”, sagt es leise und fast unbemerkt rollt eine Träne über seine Wange, “ich sollte euch stützen. Lachende Kinder auf meinen Schultern…”

“Und auf gleichen Seiten”, wispere ich. Eher zu mir selbst.

“Wie bitte?”, fragt das System. “Du musst lauter sprechen. Das Zuhören ist nicht meine Stärke.”

“Ach, ich dachte gerade, wir sollten auf gleichen Seiten stehen. Nicht getrennt voneinander. Eltern und wir. Nicht damit beschäftigt, dem Druck noch Stand zu halten. Wir hier, die Eltern da drüben. So kann es nicht gehen”, beende ich entschieden meine Worte.

Diesmal ist es das Schulsystem, das nickt.

“Weißt du, was am schlimmsten ist? An all der Unbeweglichkeit, den steifen Gliedern und dem Rost?” fragt es plötzlich.

Ich schüttle den Kopf.

“Dass mir das Hinknien so schwerfällt. Dass mir die Augenhöhe nicht mehr gelingt. Seit langer Zeit habe ich kaum einem Kind ins Gesicht sehen können. Immer stehe ich nur da. Alles knarzt und ächzt. Jeder Schritt ist mühsam. Zu oft ist zu viel an mir herumgeschraubt worden. Die falschen Rädchen geölt. Und nun bin ich alt und starr…” Wieder rollt eine kleine Träne. Das System tut mir unendlich leid. “Es gibt keine Lösung!” flüstert es schließlich.

Und dann ein Gedanke.

“Du, Schulsystem?”, merke ich vorsichtig an. “Vorerst hilft vielleicht nur eines. Wenn dir das Kleinmachen schwerfällt, dann mach ich eben meine Kinder und meine Schulkinder groß. Groß und stark und selbstbewusst. Ich lasse sie wachsen. Groß genug, um dir auf Augenhöhe zu begegnen. Groß genug, um direkt in deine Augen sehen zu können. Vielleicht bis in dein Herz.”

Das Schulsystem sagt nichts. Aber ich meine, ein kleines Lächeln zu erahnen. Für einen Moment.

Irgendwo beginnt eine Turmuhr zu schlagen.

“Ich muss”, sagt das System. “Ausschusssitzung!”, fügt es seufzend hinzu. Es blickt zu mir hinunter. “Dass mit der Politur gefällt mir doch”, schmunzelt es und macht sich humpelnd auf den Weg.

Ich schaue ihm lange nach. Teils mit Hoffnung, teils mit Sorge. “Wie lange”, denke ich, “wie lange werden diese Stützen noch tragen?”

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Kommentare

  1. Sahra

    Vielen Dank für diesen wunderschönen Text, er hat mich sehr berührt! Und wie gut fühlen sich die Momente an, in denen man mit den Eltern auf derselben Seite steht und alle Beteiligten wissen, es geht darum, das Kind stark und glücklich zu machen! Alles Liebe Sahra

  2. Ich

    Das sind mehr als Worte. Das ist ein Wegweiser! Danke dafür und bitte gib sie weiter an Eltern, Lehrer, Ministerien, Frau Merkel, Menschen die bewegen und bewegen wollen!

    1. Sassi
      Sassi

      <3

  3. Annika

    Ein wundervoller Text! Du triffst den Nagel auf den Kopf! Vielen Dank

    1. Sassi
      Sassi

      Vielen Dank! ❤️

  4. Nicole

    So wahnsinnig gut geschrieben! Das geht unter die Haut und muss auf jeden Fall an die richtigen Leute weitergegeben werden!

  5. Vero

    Wow... ❤️

  6. sabrina_marita

    Sehr sehr schön ! (und traurig )

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