Mit Kind ins Referendariat – Frau U. hat es gewagt (Interview)


„Frau U.“ hat es gewagt. Das Abenteuer Referendariat. Während mir das damals allein schon Herausforderung genug war, hat die junge Lehrerin diese wahrlich anstrengende Zeit mit einem zu Beginn 7 Monate alten Baby gemeistert und gegen Ende der Ausbildung war sie sogar wieder schwanger. Wie sie dieses Turbojahr (in Sachsen gab es zu dieser Zeit das zwölfmonatige Referendariat) erlebte, dazu steht sie mir heute Rede und Antwort.

Liebe Frau U., erzähle doch mal ein wenig über dich:
Ich bin 27 Jahre alt, in der Nähe von Dresden geboren und zum Studium nach Leipzig gezogen. Hier hat man mich auch nicht mehr wegbekommen. Im Juni 2014 ist meine Tochter geboren und im September 2016 mein Sohn. Demzufolge agiere ich im sächsischen Schulsystem. Studiert habe ich die Fächer Geschichte und Gemeinschaftskunde, das Referendariat habe ich an einem Gymnasium gemacht und habe jetzt eine Stelle an einer Oberschule. 

1. Du hast dein Referendariat angetreten, da war deine Tochter gerade 7 Monate alt. Wie kam es dazu? War es eine bewusste Entscheidung oder gab es eine Notwendigkeit?

Mehrere Überlegungen haben diese Entscheidung beeinflusst. Zunächst haben wir (mein Mann und ich) beschlossen, dass ich mich erstmal für Februar 2015 bewerbe und schaue, ob ich überhaupt eine Stelle bekomme. Mit zugesagter Stelle hätte ich auch sofort in Elternzeit gehen können und noch ein ganzes Jahr daheim bleiben können. Dann kam einen Tag vor Weihnachten die Zusage für eine Stelle an einem Gymnasium 20 Minuten mit dem Fahrrad von unserer Wohnung entfernt. Im Telefonat mit der Bildungsagentur stellte sich dann heraus, dass ich im nächsten Jahr zwar definitiv eine Stelle sicher hätte, aber dann wieder an irgendeiner Schule im ganzen Regionalbereich Leipzig. 

Der zweite Aspekt war, dass ganz viele meiner engsten Studienfreundinnen mit dem Referendariat beginnen und auch meine Elternzeitfreundinnen ab Juni wieder arbeiten würden. Dieser soziale Aspekt hat mich dann bestärkt, sofort mit dem Referendariat zu starten. 

2. Sieben Monate nach der Geburt wieder arbeiten zu gehen, ist ja vergleichsweise früh. Wie war diesbezüglich die Resonanz in deinem Umfeld?

Unsere Familien haben uns in unserem Weg so gut wie möglich unterstützt, auch wenn immer wieder betont wurde, was für ein Held mein Mann ist, dass er das mit dem Kind zu Hause schafft.

Die einzige blöde Reaktion kam vom Chef meines Mannes, der ihm vorwarf seine Frau nicht im Griff zu haben, dass diese ihn für 5 Monate in Elternzeit schickt, um sich beruflich zu verwirklichen.


3. Wie war die Betreuungssituation geregelt? Wie hast du dich dabei gefühlt?

Die ersten fünf Monate des Referendariats hat mein Mann Elternzeit genommen, danach ging unsere Tochter in die Kita. Emotional war das anfangs nicht leicht für mich. Ich habe mich von dem gesellschaftlichen Bild ergreifen lassen, dass nur die Mutter „das richtige Elternteil“ ist und habe mich wie eine Rabenmutter gefühlt, mein Kind „nur“ beim Vater zu lassen. Das hat sich dann aber mit der Zeit in Stolz verwandelt, dass wir echte Gleichberechtigung gelebt haben und jeder von uns 7 Monate Elternzeit genommen hat. Zu Beginn hatten wir 2 Monate gemeinsam. Es hat auch meinem Mann gut getan zu spüren, wie anstrengend so ein Tag mit Baby sein kann. 


4. Als Lehrerin weiß ich, dass unsere Arbeit nicht im Schulhaus endet. Wie hast du deinen Tag und die Arbeitszeiten strukturiert?

Im Referendariat hat man in Sachsen 10-12 Stunden eigenständigen Unterricht zu leisten, dazu zu hospitieren und einmal in der Woche hat man einen Seminartag. Das heißt theoretisch muss man gar nicht so lang in der Schule sein. Ich habe das für mich so geregelt, dass ich morgens spätestens um 8.30 Uhr in der Schule war und bis 15 Uhr geblieben bin. In Freistunden habe ich in der Schule gearbeitet. Dort konnte ich mich besser konzentrieren als daheim, wo das Töchterchen rumspringt. Nachmittags war für mich Familienzeit und nach dem Abendbrot, wenn das Kindchen schlief, hab ich mich umgehend wieder an den Schreibtisch gesetzt. Dort habe ich dann noch einmal mindestens bis 23Uhr, manchmal bis 2Uhr gearbeitet. Am Wochenende habe ich auch jede Schlafenszeit des Kindes zum Arbeiten genutzt. Paarzeit gab es, wenn ich meinen Mann zum Schneiden, Lochen, Sortieren, Kleben und Rätsel ausprobieren verdonnert habe. 😉

5. Wie standen deine Seminarleitung und die anderen Referendarinnen und Referendare deiner Familiensituation gegenüber?

Bei uns am Seminar war es keine Seltenheit, dass die Referendare schon ein oder sogar mehrere Kinder hatten. So hatte man immer jemanden zum Austauschen, und ja, auch mal zum Ausheulen. Das Referendariat ist emotional und psychisch eine riesige Herausforderung. So gab es zwar keine Extra-Würste für uns Mamas und Papas, aber dafür Verständnis, Tipps und Motivation zum Durchhalten. 


6. Was empfandest du als größte Herausforderung?

Der Verzicht auf Schlaf. Ich gehöre eher zur Gattung der Murmeltiere und mit Schlafmangel kann ich sehr schlecht umgehen. 


7. Gab es etwas, das für dich besonders hilfreich war? Hättest du dir etwas Spezielles gewünscht?

Die Unterstützung meiner Familie war für mich extrem hilfreich. Kurz vor einer Prüfungslehrprobe haben meine Eltern die Tochter für 3 Tage zu sich genommen, sodass ich mich voll auf dieses wichtige Ereignis konzentrieren konnte. Auch der Umstand, dass mein Mann im ersten Schulhalbjahr noch Elternzeit hatte, war sehr hilfreich, da er sich so noch um das ganze drumherum kümmern konnte (Haushalt, Einkaufen, Wäsche…).

Außerdem war der Austausch mit den anderen ReferendarInnen super: Wir haben uns bei der Vorbereitung von Stationsarbeiten, Projekten usw. eingeteilt und haben voneinander profitiert. Das Rad muss nicht jedes Mal neu erfunden werden! 

 
8. Würdest du rückblickend betrachtet etwas anders machen?

An der ein oder anderen Stelle würde ich etwas entspannter bleiben. Die Schüler sehen nicht, dass du eine Stunde am Arbeitsblatt herumformatiert hast, damit es besonders schön und praktisch aussieht. Man kann auch einfach mal fünf gerade sein lassen. 


9. Noch während des Referendariats wurdest du wieder schwanger. Wie wurde das aufgenommen?

Gerade vor den mündlichen Prüfungen habe ich erst erfahren, dass ich wieder schwanger bin. Ich habe mich dann durch die mündlichen Prüfungen gequält und nur meinen engsten Freundinnen davon erzählt, um meine Einstellungschancen einen Monat später nicht zu minimieren.


10. Unser Beruf gilt als besonders familien- und vereinbarkeitsfreundlich. Würdest du dem zustimmen?

Ja, dem würde ich zustimmen. Natürlich nicht, weil ich „nur“ 26 Stunden Unterrichtszeit und jede Menge Ferien habe. Ich kann mir meine Arbeitsbelastung relativ frei einteilen. Ich kann die Kinder zeitig von der Kita holen und abends arbeiten, wenn sie schlafen. Ich kann an einem verregneten Wochenende die Vorbereitung für die ganze Woche machen und dann in der Woche die Sonne länger genießen. Ich kann auch mal eine „langweilige Lehrbuchstunde“ machen, wenn mich etwas anderes gerade sehr fordert. Natürlich klappt das nicht immer – Abschlussprüfungen müssen im Mai auch bei schönstem Sonnenschein termingerecht korrigiert werden – aber ich kann das wenigstens auf dem Balkon tun! 

Außerdem kann ich jedes Schuljahr beinahe „stufenlos“ entscheiden, wieviel ich arbeiten möchte. Bis jetzt ist bei meinen Kollegen auch jeder Teilzeitantrag genehmigt worden. 


11. Was würdest du einer Mutter, der das Referendariat bevorsteht, raten?

1. Netzwerken! Tausche dich aus, stimmt eure Themen aufeinander ab und bereitet Dinge gemeinsam vor! Man muss nicht alles allein machen! Jemand hat ein zum Beispiel tolles Rollenspiel entwickelt? Bau es in deinen Unterricht ein, und du hast mit wenig Aufwand eine gute Stunde.

2. Hilfe annehmen! Putzfrau, Babysitter, Einkauf liefern lassen, dem Mann (mehr) Verantwortung übertragen (fiel mir tatsächlich schwer, ich halte die Fäden gern in der Hand).
3. Nicht jede Stunde muss perfekt sein! Man kann auch mal eine mittelmäßige Stunde absolvieren und dafür eine Stunde länger schlafen. 
 
Als Letztes möchte ich noch anderen Mamas und Papas, die vorm Referendariat stehen, Mut machen. Ihr schafft das! Ihr seid großartig! Im Leben mit euren Kindern habt ihr schon einmal die Erfahrung gemacht, fremdbestimmt zu sein und nicht mehr allein über eure Zeit bestimmen zu können. Ihr kennt auch extreme Müdigkeit. Alles Dinge, die Nicht-Eltern oft so noch nicht durchgemacht haben. In diesen Punkten treffen sie völlig unvorbereitet ins Referendariat. Auch werden Eltern durch ihre Kinder quasi gezwungen, mal abzuschalten und nicht nur an die Schule zu denken – sondern einfach Sandburgen zu bauen. Ich habe beobachtet, dass das von Nicht-Eltern manchmal vergessen wird. Sie denken 24 Stunden nur noch an die Schule und sind am Ende ebenso erschöpft.

Liebe A., herzlichen Dank für das offene und ehrliche Beantworten meiner Fragen. Zu meiner Referendariatszeit habe ich mich immer wieder gefragt, wie Mamas oder Papas diese immense Herausforderung nur bewältigen können, denn ich fühlte mich durch diese Ausbildung allein schon völlig ausgelastet. Meinen höchsten Respekt also dir und deinem Mann, dass ihr gemeinsam einen so guten Weg gefunden habt. Alles Gute für euch.

Kommentare

  1. coffeefee

    Liebe Frau U.! Danke für diesen Einblick. Im Ref und auch danach noch habe ich die Referenadrinnen immer kopfschüttelnd bewundert, konnte mir nicht vorstellen, dass ich dazu in der Lage gewesen wäre. Ich ziehe auch nach wie vor den Hut, weil das Ref mit Kind eine ungleich höhere Logistik, Vernetzwerkung und Selbstdisziplin bedeutet. Aber ich habe an Referendarinnen, die ich ausgebildet habe, auch wahrgenommen, was Du geschrieben hast: Man lebt nicht 24/7 für das Ref und weiß, dass es auch andere Dinge im Leben gibt als Schule. Danke, dass Du Deine Erfahrungen hier teilst und anderen Mut machst. Danke Sassi!

    1. Sassi
      Sassi

      Liebe coffeefee, danke für den Blick von der anderen Seite. Ich habe die Mamas im Referendariat nur bewundert und mich mehr als einmal gefragt, wie sie das schaffen. Wir hatten Seminarleiterinnen (nicht in meinem Seminar, zum Glück), die es Referendarinnen mit Kind bewusst schwer gemacht haben. Diese haben zum Beispiel von vornherein die Ansage bekommen, dass sie automatisch ein wenig schlechter bewertet werden, weil sie ja rein faktisch nicht so viel leisten können, wie die ohne Kind. Ich hätte ausrasten können vor Wut, als mir das erzählt wurde. Leider hat sich niemand getraut, dagegen vorzugehen, da ja alles von der Note abhängt und die Seminarleitung die maßgeblich mitbestimmt. Man hatte Angst, dann erst recht in die Pfanne gehauen zu werden. Schlimm! Liebste Grüße, Sassi

  2. Uta

    Ich habe die Hälfte des Referendariats ohne Kind gemacht und die andere mit. Obwohl man mit Kind viel mehr zu tun hat, erdet einen dieses Kind aber auch und verschiebt die Prioritäten. Das hat mir damals ganz gut getan, denn in der ersten Hälfte hat mich das Referendariat und der damit zusammenhängende ständige Prüfungsdruck ganz ungesund vereinnahmt. Es gab kaum etwas anderes in meinem Leben. Das hat sich durch das Kind verändert. LG Uta

    1. Sassi
      Sassi

      Liebe Uta, danke für dieses Einblick. Ich kann mir das gut vorstellen. So ging es mir bei meinem Wiedereinstieg nach der Geburt des Sohnes. Da war ich zwar nicht mehr im Referendariat, aber diese Prioritätenverschiebung galt für mich auch. Liebste Grüße, Sassi

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